Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

23.06.2022

08:00

Gastkommentar

Stoppt den Raubbau am Wald!

PremiumVom G7-Gipfel in Elmau müssen entscheidende Schritte zum Schutz unserer Natur ausgehen, fordert Ani Dasgupta.

Ani Dasgupta ist CEO des World Resources Institute.

Der Autor

Ani Dasgupta ist CEO des World Resources Institute.

Es ist noch keine acht Monate her, dass sich Staats- und Regierungschefs aus 141 Ländern auf der Weltklimakonferenz in Glasgow getroffen haben. Dort verpflichteten sie sich, den Verlust von Wäldern und die Verschlechterung der Bodenqualität bis zum Jahr 2030 zu stoppen beziehungsweise sogar umzukehren. Neue Daten der Plattform Global Forest Watch zeigen allerdings: Die Welt ist weit davon entfernt, diesen Kampf zu gewinnen.

Im vergangenen Jahr sind in den Tropen 3,75 Millionen Hektar Urwald verloren gegangen – das entspricht einer Fläche von zehn Fußballplätzen pro Minute. Wenn die Welt dem Raubbau am Wald jetzt nicht Einhalt gebietet, werden die Auswirkungen der Klimakrise noch schwerwiegender als sie es ohnehin schon sind. Außerdem gebietet es auch die globale Nahrungsmittelkrise, mit der wir jetzt konfrontiert sind, den Raubbau am Wald endlich umzukehren.

Der vom 26. bis zum 28. Juni geplante Gipfel der G7-Staaten im bayerischen Elmau wird aus nachvollziehbaren Gründen von Russlands Krieg gegen die Ukraine geprägt sein, von den explodierenden Energie- und Lebensmittelpreisen sowie der Klimakrise. Diese zentralen Herausforderungen können jedoch nur bei einer sehr oberflächlichen Betrachtung darauf hindeuten, Maßnahmen gegen die Abholzung der tropischen Wälder erst einmal zu verschieben. Bei genauem Hinsehen wird nämlich klar: Das Problem der Deforestation ist eng mit den anderen Herausforderungen verbunden.

Die Umwandlung von Waldflächen beenden

Deshalb sollten die Staats- und Regierungschefs aus Deutschland, Frankreich, Italien, Japan, Kanada, Großbritannien und den USA – die im Übrigen alle die Klimaziele von Glasgow unterschrieben haben – auf Schloss Elmau ernsthaft darüber nachdenken, wie man die Umwandlung von Waldflächen in andere Landnutzungsformen beenden kann, zum Wohle der Menschen und des Planeten. Es ist erwiesen, dass Waldverlust ein treibender Faktor für die Klimakrise ist.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Die weiter zunehmende Unbeständigkeit des Klimas würde voraussichtlich dazu führen, dass die wichtigsten nahrungsmittelproduzierenden Regionen der Welt künftig nicht mehr funktionieren. Der andauernde Krieg Russlands gegen die Ukraine veranschaulicht uns in diesen Tagen, welch verheerende Folgen die Unterbrechung der landwirtschaftlichen Rohstoffexporte aus der Ukraine – eine der großen Kornkammern der Welt – für die globale Nahrungsmittelsicherheit haben. Wenn wir nicht endlich etwas gegen die Abholzung der tropischen Wälder unternehmen, werden diese verheerenden Folgen unser ständiger Begleiter.
    Der G7-Gipfel unter der Präsidentschaft Deutschlands steht unter dem Motto: „Fortschritt für eine gerechte Welt“. Von Schloss Elmau solle „ein gemeinsames Signal starker Demokratien ausgehen, die sich ihrer globalen Verantwortung bewusst sind“, erklärte Bundeskanzler Olaf Scholz – ein Signal, das gerade in diesen bewegten Zeiten wichtiger ist denn je. Allerdings sind gerade die G7-Länder große Konsumenten jener Rohstoffe, die den Verlust der Wälder vorantreiben, beispielsweise von Sojabohnen, Rindfleisch, Palmöl, Zellstoff, Gummi und Kakao.

    Umweltminister der G7 sind auf dem richtigen Weg

    Von 2005 bis 2017 waren die Mitglieder der G7 und der übrigen EU-Länder für fast ein Drittel der abgeholzten tropischen Wälder verantwortlich. Immerhin enthält das im Mai von den Umweltministern der G7 in Berlin ausgearbeitete Kommuniqué die richtige Stoßrichtung. Man sei zusammengekommen, so heißt es dort, „um uns mit den vielfältigen Krisen zu befassen, die unser Klima und unsere Umwelt gefährden und schwerwiegende Auswirkungen auf den Planeten, das Leben und den Lebensunterhalt sowie die Bedürfnisse der nächsten Generationen auf der ganzen Welt haben“.

    Außerdem verpflichteten sich die Minister zu nachhaltigen Lieferketten, um die Ziele von Glasgow zu unterstützen. Doch die Wälder – von denen es abhängt, ob die Menschheit sich weiterhin entwickeln kann – benötigen mehr als freundliche Worte und wiederholte Verpflichtungen. Die Staats- und Regierungschefs der G7 müssen auf Schloss Elmau vor allem drei wirksame Maßnahmen ergreifen:
    Erstens müssen die G7-Staaten Vereinbarungen zur sogenannten Sorgfaltspflicht treffen, mit denen die Einfuhr von Waren, die mit der Entwaldung in den Tropen in Verbindung stehen, verboten würde. Die Europäische Union, die USA und Großbritannien unternehmen zunehmend Anstrengungen in diese Richtung. Die müssen jetzt abgestimmt und konsequent umgesetzt werden. US-Präsident Joe Biden hat seine Regierung inzwischen angewiesen, Optionen zur Bekämpfung der internationalen Entwaldung aufzuzeigen.

    Entscheidend ist die Sorgfaltspflicht

    Derselbe Schwerpunkt findet sich auch in einem Verordnungsentwurf der Europäischen Kommission. In Großbritannien wiederum steht ein Gesetzentwurf zur Sorgfaltspflicht kurz vor der Verabschiedung. All diese Schritte sind zu begrüßen, aber die Zeit drängt. Deshalb sind auch Kanada und Japan aufgefordert, endlich an entsprechenden Strategien mitzuarbeiten.
    Zweitens müssen die G7-Länder anerkennen, dass Regulierung zwar unverzichtbar ist, aber durch technische und finanzielle Hilfe für produzierende Länder ergänzt werden muss. Sonst können diese sich an ihrem Ende der Lieferkette kaum glaubhaft zu einer verringerten Endwaldung verpflichten.

    Viele Produzenten von landwirtschaftlichen Rohstoffen sind Kleinbauern wie die Kakaobauern in Westafrika oder die Palmölproduzenten in Südostasien. In Zeiten starker Marktschwankungen und steigender Nahrungsmittelpreise müssen die Verbrauchernationen Maßnahmen zur Sorgfaltspflicht mit einem großzügigen Unterstützungspaket verbinden. Technische Hilfe und Klimafinanzierung sind notwendig, um einen gerechteren Übergang zu erreichen.
    Drittens sollten die G7-Mitglieder mit anderen aufstrebenden Verbrauchermärkten zusammenarbeiten und ambitioniertere Verpflichtungen und Maßnahmen auf den Weg bringen. Vor allem China spielt eine entscheidende Rolle in den globalen Lieferketten. Man geht davon aus, dass die chinesische Nachfrage nach waldgefährdenden Erzeugnissen enorm ansteigen könnte, da Chinas Abhängigkeit von importierten Nahrungs- und Futtermitteln wächst.

    China sollte eine Führungsrolle übernehmen

    Das muss unbedingt verhindert werden. Stattdessen sollte und könnte China eine Führungsrolle für positive Veränderungen in diesem Bereich übernehmen. Der G7-Gipfel bietet die einmalige Gelegenheit, globale Maßnahmen gegen den Raubbau am tropischen Wald voranzubringen, ohne die unser Planet langfristig nicht mehr für alle Menschen bewohnbar sein wird. Deshalb sollten die Staats- und Regierungschefs in Elmau konkrete Schritte einleiten, um dieses Risiko zu entschärfen.

    Ein hartes Durchgreifen gegen Deforestation wäre die richtige Strategie, sie darf auf der Gipfel-Agenda auf keinen Fall zu kurz kommen. Es ist die vornehmste Aufgabe unserer Staats- und Regierungschefs, den Herausforderungen von heute entschlossen zu begegnen, um uns und unserem Planeten eine Zukunft zu geben. Die Welt hat keine Zeit mehr zu verlieren.

    Der Autor:

    Ani Dasgupta ist CEO des World Resources Institute.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×