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11.05.2022

04:00

Gastkommentar

Unternehmen sollten globalen Wandel mitgestalten

In Autokratien sollten Unternehmen deutsche Standards zum Wohl der Bevölkerung, aber auch der Glaubwürdigkeit des Westens etablieren, meinen Siegfried Russwurm und Joachim Lang.

Siegfried Russwurm (li.) ist Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI),  Joachim Lang ist Hauptgeschäftsführer des BDI. imago images/Jürgen Heinrich, dpa

Die Autoren

Siegfried Russwurm (li.) ist Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Joachim Lang ist Hauptgeschäftsführer des BDI.

Der Erfolg der deutschen Wirtschaft ist undenkbar ohne die Nutzung von Effizienzvorteilen aus globalen Lieferketten und Auslandsinvestitionen. Jedoch schaffen diese Effizienzvorteile Interdependenzen, wodurch Vorgänge in anderen Teilen der Welt direkten Einfluss auf unternehmerische Verantwortung nehmen.

Diese Verantwortung ist im Grundgesetzartikel 14, Absatz 2, klar definiert: Demnach verpflichtet Eigentum dazu, es zum Wohle der Allgemeinheit einzusetzen.

So richtig und einleuchtend diese Norm auch ist, so herausfordernd wird ihre Einhaltung im Kontext unternehmerischer Aktivitäten in demokratisch defizitären und autokratischen Ländern. Diese Herausforderung definiert sich immer wieder neu.

Während des Kalten Krieges agierte die westdeutsche Wirtschaft im Wesentlichen innerhalb der politischen Grenzen des internationalen Blocks, zu dem die Bundesrepublik gehörte. Es war ein vornehmlich „westlicher“ Block geteilter Werte, innerhalb dessen sich die Verantwortungsfrage nicht akut stellte.

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    Der wirtschaftliche Austausch mit Autokratien des „Ostblocks“ war geprägt vom Ziel „Wandel durch Handel“. Der Fall des Eisernen Vorhangs war auf den ersten Blick eine Bestätigung des Erfolgs einer solchen Strategie – und beflügelte diese zusätzlich: Nach dem Sieg des freien Marktes schien das „Ende der Geschichte“ eingeläutet, gab es mit der liberalen Demokratie und ihrer freien Marktwirtschaft doch augenscheinlich nur noch ein akzeptiertes System.

    Die Verantwortung der Unternehmen geht über ihre wirtschaftliche Leistung hinaus

    Diese Hoffnung erwies sich als Trugschluss – spätestens seit dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands gegen den souveränen und demokratischen Staat Ukraine.

    Lange zuvor schon hatte insbesondere Chinas staatlich gelenkte Hybridwirtschaft den Startschuss für einen neuen Systemwettbewerb gegeben.

    Anders als im Kalten Krieg oder im Falle von Putins Russland haben wir es bei China mit einem Konkurrenten, Wettbewerber und Kooperationspartner zu tun, der durch seinen bisherigen Erfolg auch international Anerkennung erhält – und damit Autokraten sowie illiberalen Demokraten als Vorbild dienen kann.

    An dieser historischen Wegscheide, an der Autokraten den Liberalismus durch Waffengewalt einerseits oder durch systemische Gegenentwürfe andererseits herausfordern, stellt sich erneut die Frage nach der internationalen gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen.

    Genügt der weltweite unternehmerische Beitrag zu Wirtschaftswachstum, Arbeitsplätzen und Gewinnmaximierung von Anlegern der gesetzlichen Allgemeinwohlverpflichtung? Die Antwort scheint aufgrund immer komplexerer globaler Entwicklungen negativ auszufallen.

    Dabei ist klar: Deutsche Unternehmen können sich nicht aus allen Autokratien oder demokratisch defizitären Ländern zurückziehen, in denen sie tätig sind. Das ist weder im Interesse Deutschlands noch im Interesse der Menschen in diesen Ländern, die vom deutschen Engagement profitieren.

    Deutsche Unternehmen sind überaus gefragte Arbeitgeber. Dennoch verkennt der schlichte Verweis darauf, dass internationale politische Fragen politisch zu klären sind und nicht in die Verantwortung von Wirtschaftsvertretern gelegt werden können, die Realität.

    Wirtschaft ist das größte politische Druckmittel

    Zum einen sind Unternehmen fundamentaler Bestandteil der Gesellschaft und tragen verfassungsmäßige Verantwortung für die Menschen in ihrem Wirkungsbereich. Zum anderen müssen Unternehmerinnen und Unternehmer, die Problemlösungen allein der Politik überlassen, damit rechnen, dass die so angerufene Politik ihrem wirtschaftlichen Handeln engere Fesseln anlegt.

    Schließlich ist und bleibt Wirtschaft die gesellschaftliche Triebfeder und damit das größte politische Druckmittel.

    Diplomatie ohne wirtschaftliche Anreize oder Abschreckung hat noch kein Problem gelöst. Im Falle des russischen Angriffskrieges etwa waren Sanktionen unvermeidbar und notwendig.

    Nicht immer sind die ethisch-moralischen Abwägungen so klar zu treffen wie im Falle der jüngsten russischen Kriegsverbrechen. Eine allgemeingültige Definition solcher roten Linien fällt schwer, weil die Realitäten im Einzelfall hochkomplex sind.

    Generell sollte klar sein, dass unternehmerische Aktivitäten eingestellt werden, wenn etwa die direkte Belieferung sowie die Produktionsprozesse vor Ort nicht menschenrechtskonform sind.

    In diesen Fällen sollten Unternehmen die freie Entscheidung treffen, sich aus einer Region oder einem Land zurückzuziehen, und zwar nicht in vorauseilendem Gehorsam, sondern aus Interesse an der Wahrung von Integrität, Glaubwürdigkeit, Image – und aus purem Eigeninteresse, denn sozialer Friede und ökologische Nachhaltigkeit sind die besten Voraussetzungen für wirtschaftlichen Erfolg.

    Die Devise muss lauten: globalen Wandel unternehmerisch ernsthaft mitzugestalten, um nicht von ihm eingeholt zu werden. Diesen Weg zu gehen bedeutet keinen Verlust unternehmerischer Freiheit, sondern er liegt in der freien Entscheidungsgewalt von Unternehmen.

    Verantwortung für den globalen Wandel zu übernehmen liegt im Interesse der Unternehmen

    Selbstverständlich gibt es hierfür auch historische Präzedenzfälle, die herangezogen werden können. So hat sich die deutsche Wirtschaft beispielsweise mit Blick auf den Umweltschutz zu einer Problemlöserin entwickelt, indem sie gemeinsam mit der Politik an Zukunftslösungen arbeitet, statt das Problem zu negieren.

    Diese Entwicklung wäre auch mit Blick auf den Umgang mit Autokratien wünschenswert.

    Auch wenn der hier beschriebene Kurswechsel kurz- bis mittelfristig Einfluss auf unternehmerische Freiheiten haben wird, so liegt er im langfristigen Interesse unserer Wirtschaft: Für Unternehmen kann es nicht darum gehen, so lange in Autokratien zu bleiben, bis sich die protektionistische und wettbewerbsfeindliche Schlinge endgültig zuzieht und Technologietransfer zum Verlust von Wettbewerbsvorteilen führt.

    Unternehmen können ihre Entscheidungsgewalt im 21. Jahrhundert nur dann bewahren, wenn sie den sich derzeit vollziehenden globalen Wandel verantwortungsvoll mitgestalten – ökonomisch, ökologisch und sozial.

    Mit Blick auf Autokratien bedeutet dieses Gebot, deutsche Standards vor Ort zum Wohle der lokalen Bevölkerung, aber auch zur Wahrung des Wohlstands und der Glaubwürdigkeit des Westens erfolgreich zu etablieren.

    Unternehmen verlieren aufgrund komplexer Interdependenzen mit Autokratien nicht ihre Entscheidungsfreiheit. Vielmehr müssen sie Entscheidungen auf Grundlage immer komplexerer externer Faktoren treffen.

    Solange sie dies vorausschauend bewerkstelligen und sich ihrer Verantwortung stellen, treffen sie ihre Entscheidungen weiterhin frei. Ohne diese unternehmerische Verantwortung drohte ihnen die Entscheidung von einer wachsamen Politik und Gesellschaft abgenommen zu werden.

    Die Autoren: Siegfried Russwurm ist Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie. Joachim Lang ist Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie.

    Der Text ist ein Auszug aus dem Schlusswort des Buchs „Wie soll die Wirtschaft mit Autokratien umgehen?" von Siegfried Russwurm und Joachim Lang. Das Buch erscheint am 16.5. im Herder-Verlag.

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