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04.07.2022

04:00

Gastkommentar

Verbrennungsmotoren haben Zukunft – denn klimaneutrale Kraftstoffe sind so wichtig wie E-Autos

Verbrenner mit E-Fuels können umweltfreundlicher sein als Elektroautos. Saubere Treibstoffe sollten die E-Mobilität deshalb ergänzen, meinen Thorsten Herdan und Friedbert Pflüger.

Dietmar Gust, picture alliance / Markus C. Hur

Friedbert Pflüger, Thorsten Herdan

Der Umweltrat der EU hat am 29. Juni entschieden, die sogenannten CO2-Flottengrenzwerte für Autos ab dem Jahr 2035 auf null zu setzen. Damit dürfen die Autos kein CO2 mehr emittieren.

Gleichzeitig wurde die EU-Kommission beauftragt, einen Vorschlag zu unterbreiten, der E-Fuels – also mit Strom hergestellte synthetische Kraftstoffe – auch für Neuwagen mit Verbrennungsmotoren berücksichtigt.

Damit hat der Rat entschieden, eine zukünftige Ergänzung der Elektromobilität durch eine klimaneutrale Nutzung von Verbrennern im Pkw offenzuhalten. Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Er ist klug, denn Deutschland und die EU werden klima- und energiepolitisch scheitern, wenn sie immer ehrgeizigere CO2-Minderungsziele verkünden, gleichzeitig aber technologische Lösungen zur Erreichung der Ziele und zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit verbieten.

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    Nicht der Verbrenner ist das Problem, sondern der verbrannte Kraftstoff

    Der Kampf gegen den Klimawandel bei gleichzeitiger Steigerung unserer Wettbewerbsfähigkeit wird nur dann erfolgreich sein, wenn wir Technologieverboten eine klare Absage erteilen und stattdessen unser marktwirtschaftliches, technologisches und wissenschaftliches Potenzial mobilisieren.

    Die Debatte der letzten Wochen über den Verbrennungsmotor im Pkw war ideologisch stark aufgeladen. Hier die „guten“ Klimaschützer, die Verbrenner bis 2035 abschaffen wollen, dort die „böse“ Industrie, die für ihre Profite weiter am Verbrenner festhalten will.

    Aber: Die Realität ist weit komplexer. Nicht der Verbrenner ist das Problem, sondern der verbrannte Kraftstoff. Die Frage lautet also: Kann der Verbrenner vielleicht durch synthetische Kraftstoffe klimaneutral werden?

    Es geht auch keineswegs um ein Ja oder Nein zur Elektromobilität, deren zügigen Ausbau alle Beteiligten in Industrie und Politik für absolut richtig halten. Vielmehr geht es darum, ob wir uns nicht als Ergänzung zur Elektromobilität andere klimaneutrale Optionen offenhalten sollten.

    Es geht auch um die Frage, wie wir die Schifffahrt, Luftfahrt, Bauindustrie oder Landwirtschaft, die noch lange Zeit auf den Verbrennungsmotor angewiesen sind, klimaneutral gestalten. Klar ist: Verbrenner haben nur dann eine Zukunft, wenn über ein transparentes, nachvollziehbares und überprüfbares Zertifizierungssystem die Klimaneutralität nachgewiesen wird.

    Klar ist auch: Geben wir die weitere Entwicklung von Verbrennungsmotoren mit erneuerbaren Kraftstoffen im Pkw schon heute auf, werden alle anderen Anwendungen nicht von der Entwicklung profitieren können, und das schadet dem Klimaschutz nachhaltig.

    E-Fuels erhöhen die Energiesicherheit

    Ein Blick auf den Pkw zeigt: Der E-Mobilität gehört die Zukunft, und sie muss schneller vorangetrieben werden. Wir alle arbeiten an einem schnelleren Ausbau der Ladeinfrastruktur, größeren Reichweiten für Elektroautos und einer kürzeren Ladedauer.

    Aber es darf nicht verschwiegen werden, dass auf absehbare Zeit der Strom für die batteriegetriebenen Pkw nicht allein aus erneuerbaren Energien kommen wird, sondern aus einem breiten Strommix, in dem Kernenergie und fossile Energien einschließlich Kohle eine nicht unerhebliche Rolle spielen.

    Ein Verbrenner, der mit erneuerbaren Kraftstoffen – den E-Fuels – angetrieben wird, kann sehr viel klimafreundlicher sein als ein Elektroauto, das zum Beispiel mit 30 Prozent Kohlestrom fährt. Das wird durch einen einfachen Trick verdeckt: Die Klimafreundlichkeit eines Automobils wird danach bewertet, was der Auspuff ausstößt. Der Elektro-Pkw erscheint so CO2-frei, aber er ist es sicher nicht in der Gesamtbilanz.

    Wer „von der Wiege bis zur Bahre“ misst, muss den Strommix berücksichtigen, aber auch den Entstehungs-, Transport- und Entsorgungsprozess mit in die Bewertung einbeziehen. Das ist kein Argument gegen den Ausbau der Elektromobilität, aber es zeigt, dass es klug ist, den Blick auf die gesamten Ökokosten zu lenken und den technologischen Wettbewerb um die klimafreundlichste Lösung nicht auszuschließen.

    Ein weiteres zentrales Argument zur Offenhaltung von Optionen neben der Elektromobilität besteht in der Rohstoffknappheit. Sind wir uns sicher, dass für eine „One-Solution-Strategie“ genügend Rohstoffe wie etwa Lithium zur Verfügung stehen?

    Oder ist es nicht auch hier besser, auf verschiedene Optionen zu setzen, die uns helfen, neue Abhängigkeiten zu verhindern und damit das Klima nachhaltig zu schützen?

    Durch die derzeitige Gaskrise haben auch die Letzten gelernt: Diversifizierung ist das Grundgesetz der Energiesicherheit. Und ohne Energiesicherheit kein Klimaschutz!

    In vielen Ländern werden auch nach 2050 noch viele Verbrenner fahren

    Von zentraler Bedeutung für das Klima auf der Welt sind die weltweiten Autoflotten. Wie bekommen wir den riesigen Bestand an „Verbrennern“ klimaneutral?

    In den USA, Europa und Asien und erst recht in Lateinamerika oder Afrika wird auch 2050 ein hoher Prozentsatz der Pkw mit Verbrennern fahren. Wenn wir jetzt Anreize schaffen, E-Fuels kostengünstiger, effizienter und in größeren Mengen verfügbar zu machen, können wir die weltweite Automobilflotte auf den Weg der Klimaneutralität führen.

    Wer dagegen den Verbrenner schon jetzt mit einem „Enddatum“ versieht, stoppt seine technologische Weiterentwicklung, schadet dem Klima, gefährdet unzählige Arbeitsplätze in Europa, sorgt für die Abwanderung des in Deutschland und Europa einzigartigen Know-how und schafft neue, ungeahnte Abhängigkeiten.

    Selbst Gegner von E-Fuels bei Pkw bestreiten nicht deren Notwendigkeit in der Schifffahrt oder im Flugverkehr. Auch deshalb wäre es töricht, durch Verbote im Automobilbereich die technologische Weiterentwicklung und die Skalierung zu hemmen. Hier wird deutlich, dass ein Verbrenner-Aus mit schlimmen Auswirkungen für das globale Klima einhergehen würde.

    Ein zentrales Gegenargument gegen die E-Fuels lautet, dass sie viel zu teuer und ineffizient seien. Unbestritten ist die Tatsache, dass Europa seine benötigte Energie auch in Zukunft nicht selbst zur Verfügung stellen kann.

    Wir werden weiterhin auf Energieimporte angewiesen sein. Was liegt da näher, als mit Regionen und Ländern wie Afrika, der Golfregion, Australien oder Südamerika Partnerschaften einzugehen, um die riesigen ungenutzten Potenziale an erneuerbaren Energien nutzbar zu machen.

    Gleichzeitig helfen wir diesen Ländern und Regionen, ihre Wirtschaft weiterzuentwickeln, ihre Klimaziele zu erreichen, und helfen uns in Europa, unseren Energiebedarf zu diversifizieren und zu dekarbonisieren.

    Nun reicht ein Blick auf die Landkarte, um festzustellen, dass der Strom, der etwa in Australien oder Chile produziert wird, kaum als Strom nach Europa gelangen wird. E-Fuels sind also auch „Energieträger“ die möglich machen, einen weltweiten Handel mit erneuerbaren Energien zu entwickeln.

    Ineffizient wäre es, den Wind oder die Sonne in den entlegenen Weltregionen nicht zu nutzen! Sollten wider Erwarten E-Fuels ineffizient und auf Dauer zu teuer sein, braucht man sie nicht zu verbieten! Schon gar nicht sollte der Gesetzgeber die Kunden definieren, die E-Fuels nutzen dürfen!


    Die Autoren:

    Thorsten Herdan ist CEO des E-Fuels-Unternehmens HIF Europe, Middle East and Africa.

    Friedbert Pflüger lehrt Energie- und Klimapolitik am CASSIS, Universität Bonn. Er ist Founding Partner von Bingmann Pflüger International.

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