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26.07.2022

11:04

Gastkommentar

Warum die Digitalisierung wichtig für den Klimaschutz ist – trotz ihres hohen Energiebedarfs

PremiumVernetzte Geräte sparen deutlich mehr CO2-Emissionen ein, als sie verursachen. Die Digitalisierung ist deshalb entscheidend für die Dekarbonisierung, argumentiert Markus Haas.

Markus Haas ist CEO des Telekommunikationsanbieters O2 Telefónica in Deutschland. Bloomberg

Der Autor

Markus Haas ist CEO des Telekommunikationsanbieters O2 Telefónica in Deutschland.

Übermorgen am Earth Overshoot Day hat die Menschheit weltweit mehr natürliche Ressourcen verbraucht, als die Erde innerhalb eines Jahres produziert. Aus Umweltsicht leben wir dann für den Rest des Jahres auf Pump.

Bereits seit 1970, dem Jahr, in dem der Earth Overshoot Day noch der 29. Dezember war, übersteigt der jährliche Verbrauch die zur Verfügung stehenden Ressourcen. Und zwar immer früher im Jahr.

Fakt ist: Wir müssen diesen Negativtrend umkehren. Und dazu brauchen wir die Digitalisierung. Denn durch den gezielten und beschleunigten Einsatz digitaler Technologien können wir unsere Emissionen deutlich reduzieren.

Beispiel Deutschland: Prognosen des Branchenverbands Bitkom zeigen, dass wir rund ein Drittel der CO2-Reduktionen für das Klimaziel Deutschlands im Jahr 2030 durch ein Mehr an Digitalisierung erreichen können. Weltweit können digitale Technologien und Dienstleistungen die CO2-Emissionen bis 2030 um 15 bis 35 Prozent senken, wie das Weltwirtschaftsforum (WEF) analysiert hat.

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    Kern der Digitalisierung ist die Vernetzung und Steuerung von Geräten. Möglich machen dies ultraschnelle Telekommunikationsnetze. Allein der Mobilfunkstandard 5G erlaubt die Vernetzung und Verwaltung von einer Million Geräte auf einem Quadratkilometer. Die Netze bilden digitale Lebensadern für smarte Mobilität, digitale Dienstleistungen und vernetzte Produktion.

    Eine Idee des Machbaren hat der Digitalisierungsschub im ersten Corona-Lockdown geliefert. Menschen blieben im Homeoffice und erlebten einen Messebesuch über Virtual Reality. Einsparungen von jährlich über 22 Millionen Tonnen CO2 wären möglich, wenn in der EU ein Fünftel aller Geschäftsreisen durch Videokonferenzen ersetzt werden würden.

    Viel mehr ist möglich, wenn wir die Reduktion des Verkehrsaufkommens mit smarten Mobilitätskonzepten verbinden. Wer unterwegs ist, kann die eigene Mobilität über den Mobilfunk organisieren und die intelligente Verknüpfung der Verkehrsträger optimieren.

    Reisende profitieren von anonymisierten Mobilfunkdaten zur Berechnung von Verkehrsströmen. Dadurch werden Staus verringert, CO2-Emissionen gesenkt sowie Fahrpläne und Fuhrparkkapazitäten im öffentlichen Bereich optimiert.

    Im Individualverkehr verbessern die Car-to-Car-Kommunikation und das autonome Fahren die Verkehrsflüsse. Im Logistikbereich werden Frachtrouten optimiert und Leerfahrten vermieden. Laut Juniper Research lassen sich durch intelligentes Verkehrsmanagement bis 2027 weltweit 205 Millionen Tonnen CO2 einsparen.

    In der Industrie könnten bei einer beschleunigten Digitalisierung rund 17 Prozent der in Deutschland insgesamt notwendigen CO2-Einsparungen realisiert werden. Der Einsatz von digitalen Zwillingen macht dabei die Hälfte dieses Potenzials aus.

    Durch das virtuelle Abbild eines realen Produkts oder einer Produktionsanlage können diese ressourcenschonend erstellt und getestet werden. Ganze Fertigungslinien werden vor ihrem physischen Start mithilfe von Virtual-Reality Anwendungen in Betrieb genommen, um Prozessabläufe zu optimieren.

    Der Energiebedarf der Digitalisierung muss deutlich kleiner sein als die erzielten Einsparungen

    Zugegeben, auch die Digitalisierung verbraucht Ressourcen und verursacht CO2-Emissionen. Diesen Klimaeffekt muss die Telekommunikationsbranche selbstkritisch transparent machen und selber umweltschonend handeln.

    Ein Alltagsbeispiel macht dies deutlich: Eine halbe Stunde Video-Streaming verursacht gut 1,6 Kilogramm Treibhausgasemissionen. Zwar spart das Streamen Ressourcen, wenn dazu keine DVDs hergestellt werden oder die Fahrt ins Kino entfällt.

    Wenn Zeit- und Geldersparnis durch das Streamen aber dazu führen, dass Menschen statt einer 90-Minuten-DVD am Samstagabend einen ganzen Netflix-Samstag zelebrieren, dann kann ein Rebound-Effekt eintreten: Der Energiebedarf der Digitalisierung wird größer als die dadurch erzielbaren Einsparungen.

    Wenn Unternehmen und Menschen sich diesen Effekt bewusst machen und wir mehr Transparenz über den CO2-Fußabdruck des Digitalen haben, dann können wir diesem gemeinsam besser entgegenwirken.

    Die Ökobilanz der Digitalisierung hängt entscheidend von ihrem Energiebedarf ab. Denn die enorm steigenden Datenmengen, die durch die Telekommunikationsnetze fließen, benötigen viel Strom.

    Gegenwärtig entfallen acht bis neun Prozent des gesamten Stromverbrauchs in Deutschland auf die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien. Geschätzt wird, dass sich dieser Anteil bereits in diesem Jahrzehnt vervielfachen wird.

    Diesem Trend begegnet die Telekommunikationsbranche mit einer steigenden Energieeffizienz in Rechenzentren, Netzen und bei Mobilfunkstandards. So benötigt 5G bis zu 90 Prozent weniger Strom pro Byte als Vorgängergenerationen.

    Neueste Gebäudeleittechnik senkt den Strombedarf von Rechenzentren. Und Verbraucherinnen und Verbraucher erhalten energieeffizientere Endgeräte.

    Für die Branche wird es sicherlich zur Herausforderung, auch zukünftig große Sprünge zu noch höherer Energieeffizienz zu machen. Denn der technologische Spielraum wird kleiner. Daher ist es notwendig, dranzubleiben und weitere Innovationen zugunsten des Klimas zu entwickeln.

    Branchenverbände: Das CO2-Einsparpotenzial ist um ein Vielfaches höher als der CO2-Ausstoß

    Wir brauchen die Digitalisierung zur Erreichung von Klimazielen. Deshalb setzen Wirtschaft und Politik auf eine nachhaltige Digitalisierung, in der die CO2-Einsparung durch das Digitale um ein Vielfaches höher sein muss als der durch sie verursachte CO2-Ausstoß.

    Die Chancen dazu stehen gut. Das CO2-Einsparpotenzial der wichtigsten digitalen Technologien in Deutschland ist nach Angaben des Bitkom bis zu sechs Mal höher als ihr eigener Ausstoß. International können nach Berechnungen des europäischen Branchenverbands Etno allein Mobilfunktechnologien dazu beitragen, die CO2-Emissionen in der Wirtschaft um das Zehnfache zu senken.

    Die beschleunigte Digitalisierung, Transparenz über deren CO2-Bilanz und die Steigerung der Energieeffizienz sind essenziell, um das volle Potenzial der Digitalisierung für unseren Planeten zu heben. So haben wir eine echte Chance, den Earth Overshoot Day wieder dahin zu rücken, wo er 1970 war: an das Ende des Jahres.

    Zum Autor: Markus Haas ist CEO des Telekommunikationsanbieters O2 Telefónica in Deutschland.

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