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18.08.2022

18:25

Gastkommentar

Warum ein gemeinsames Betriebssystem die deutsche Autoindustrie stärkt

Viele Systeme bedeuten weniger Apps und mehr Kosten. Die Autobranche sollte dem Beispiel der Smartphonehersteller folgen, fordern Joachim Schü, Heiko Huettel und Christoph Hartung.

Joachim Schü ist Geschäftsführer der Beratung Consileon, Heiko Huettel ist Senior Director und Leiter von Automotive, Mobilität und Transport für Europa, Naher Osten und Afrika bei Microsoft, Christoph Hartung ist CEO des Auto-Software-Entwicklers ETAS René Mueller, VW. Consileon

Joachim Schü (rechts), Heiko Huettel (Mitte) und Christoph Hartung (links).

Joachim Schü ist Geschäftsführer der Beratung Consileon, Heiko Huettel ist Senior Director und Leiter von Automotive, Mobilität und Transport für Europa, Naher Osten und Afrika bei Microsoft, Christoph Hartung ist CEO des Auto-Software-Entwicklers ETAS

Die führende Rolle der deutschen Automobilindustrie wackelt. Die Zahl der Herausforderer wächst. Tesla hat bereits einen riesigen Vorsprung bei der Elektromobilität und bei der Software erarbeitet.

Aus China drängen Anbieter auf die Märkte. Tech-Player wie Apple, Google und neuerdings auch Amazon drängen mit ihren Services ins Auto. Der Motor war das technologische Herz des Automobils, künftig ist es die Software.

Die Hersteller reagieren darauf. Volkswagen hat mit Cariad eine Tochter für Automotive-Software gegründet, die mit mehr als 11.000 Digitalexperten Software für den Konzern entwickeln soll. Bei Daimler ist das Betriebssystem MB.OS in der Entwicklung, BMW setzt das Betriebssystem OS 7 in ihren Fahrzeugen ein.

Ist die Entwicklung von Betriebssystemen für das Auto bei jedem Hersteller sinnvoll? Eine Betrachtung der digitalen Ökosysteme und der Plattformökonomie legt nahe: Die deutsche Industrie braucht angesichts der Wettbewerbssituation einen offenen, herstellerübergreifenden Ansatz, um ihre Position zu halten.

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    Die Autokonzerne müssen sich in der Plattformökonomie neu erfinden

    In der digitalen Welt wirken die jeweiligen Marktanteile der Automobilgiganten klein. Diese Zersplitterung bremst aus. Die Dynamik digitaler Plattformen lebt davon, dass Entwickler Applikationen bauen.

    Die App Stores wurden zu Vorbildern der Plattformökonomie. Je mehr Fahrzeug-Betriebssysteme es gibt, desto mehr Anpassungen müssen Entwickler vornehmen, um sie anzubieten – oder sie konzentrieren sich nur auf die reichweitenstärksten.

    Verschiedene Systeme der Hersteller haben erhebliche Auswirkungen auf die Zulieferer: Diese müssen dann Software an die verschiedenen Systeme kostenintensiv anpassen.

    Das betrifft auch Mobilitätsservices – vernetzte Mobilität ist schwieriger zu realisieren, weil neben Verkehrsmitteln auch eine Vielzahl von Systemen miteinander verknüpft werden müssen.

    Die Metapher vom „Tablet on Wheels“ für das Auto mag als Produktbeschreibung überstrapaziert sein, doch zum Verständnis der Verschiebungen durch die Digitalisierung hilft der Blick auf Smartphones. Es dominieren zwei Betriebssysteme, aber kein Hersteller.

    Einzig Apple liefert Hardware und Software aus einer Hand – ein auf das Premiumsegment ausgerichtetes Modell, das in der Automobilbranche von Tesla bedient wird. Alle anderen Hersteller nutzen Android. Auch sie können alles bauen, vom Einsteigermodell bis zu Geräten auf Premium-Level.

    Sie kaufen Teile wie Bildschirme zu und sind in der Lage, in der Integration einen Mehrwert zu schaffen, der ihre Produkte erfolgreich macht. Der Aufstieg von Samsung begann, als eigene Betriebssysteme nicht mehr im Mittelpunkt standen und Android eingesetzt wurde.

    Ein gemeinsames Betriebssystem bedeutet eine erhebliche Vereinfachung

    Kolben und Ventile haben Autobauer schon lange zugekauft. Es war ihre Kernkompetenz, daraus leistungsfähige Motoren zu konstruieren und zu bauen. In der Elektromobilität werden komplette Antriebsstränge eingekauft.

    Auch Autohersteller müssen einen Mehrwert durch die Integration von Hardware und Software schaffen, durch überzeugende Services für Nutzerinnen und Nutzer – und durch die Entwicklung der Fahrzeuge zu Plattformen, die für Entwicklerinnen und Entwickler attraktiv sind, um dort Anwendungen anzubieten. So können Hersteller die Kräfte entfalten, die Plattformen so schnell und innovativ machen.

    Die Digitalisierung gestaltet das Produkt Automobil um. Ein offenes Software-Ökosystem spielt dabei die Schlüsselrolle. Wer hält die Kundenschnittstelle in der Hand und welche Merkmale sind differenzierend und relevant?

    Das Infotainment beispielsweise ist schon heute ein Differenzierungsmerkmal im Fahrzeug. Der Druck der Tech-Player auf die Kundenschnittstelle ist hoch. Wer bei mehr als einem Hersteller an Bord ist, hat den größten Zugang zu Daten und ist die attraktivste Plattform für Entwickler.

    Ein gemeinsames – nicht wettbewerbsdifferenzierendes – Betriebssystem könnte die Grundlage für einen Datenaustausch sein und die Innovationskraft nicht nur der Hersteller, sondern auch der Zulieferer stärken.

    Ein Betriebssystem würde eine erhebliche Vereinfachung bedeuten, Kostenvorteile ermöglichen und Arbeitsplätze in der wichtigsten Industrie in Deutschland sichern. Kunden wiederum können von einem Spektrum an Apps profitieren.

    Eine Lösung, die das Ökosystem Automobil umfasst, würde enorme Vorteile für den Wirtschaftszweig und angrenzende Branchen schaffen: vom Bauteil über das Steuergerät bis zum Betriebssystem sowie der Möglichkeit, Anwendungen zu entwickeln.

    Ein gemeinsames Betriebssystem sollte, auch aus kartellrechtlichen Gründen, auf Basis freier Software (Open Source) mit einem Zusammenarbeitsmodell zwischen verschiedenen Herstellern und Zulieferern verbunden werden.

    Erste Schritte für die Entwicklung einer freien Software gibt es bereits

    Momentan gestaltet sich die Entwicklung eines Betriebssystems als herausfordernd. Technisch zählt dazu die schiere Menge der Steuergeräte, die in einem Fahrzeug verbaut sind, bis zu 150 an der Zahl. Die Hersteller versuchen bereits, die Anzahl zu reduzieren.

    Eine weitere Herausforderung sind die historisch gewachsenen Systeme, die eine Integration in eine Open Source erschweren. Zu den Gründen zählt auch eine konservative, patentgetriebene Denkweise. So sind Initiativen zur herstellerübergreifenden Zusammenarbeit bei der Software in der Automobilindustrie bisher nicht weit gediehen. Lässt sich dieser Rückstand aufholen?

    Die Lösung liegt in einem starken Ökosystem. Das Magazin „Tech Republic“ hat Open Source einmal als „Werkzeug des Underdogs“ beschrieben, weil Unternehmen damit in kürzester Zeit immense Innovations- und Entwicklerressourcen mobilisieren können. Die Möglichkeit zur kollaborativen Arbeit von Unternehmen und Entwicklern aus aller Welt macht Open Source zur Autobahn in die Zukunft. Im Automobil liegt hier eine Chance und an der wird gearbeitet.

    Dieses Jahr wurde innerhalb der Eclipse Foundation, einer europäischen Stiftung zur gemeinsamen Entwicklung von freier Software, das „Software Defined Vehicle (SDV) Ecosystem“ gegründet. Hier können Hersteller, Zulieferer und Partner gemeinsam an nicht-differenzierender Software arbeiten, die quelloffen ist. Daran sind auch Partner wie Microsoft, Toyota, Cariad, die Bosch Tochter ETAS, ZF, Continental und Arm beteiligt.

    Auch für die Bundesregierung ergibt sich hier eine gute Chance, um der größten Industrie des Landes dabei zu helfen, die Schritte gemeinsam zu gehen. Sie kann Impulse setzen, das offene Ökosystem gemeinsam mit der Wirtschaft zu gestalten und die rechtlichen Rahmenbedingungen schaffen.

    Vor allem sollte sie sich bei ihren Aktivitäten zur Förderung von Innovationen im Automobilsektor aber auf die Stärkung des Ökosystems fokussieren. Auch wenn Software der neue Motor ist, muss nicht jeder Hersteller das Rad für sich allein erfinden.

    Gemeinsam kann die deutsche Automobilindustrie am besten die immensen Entwicklungs- und Integrationskosten stemmen – und schnell eine reale und konkurrenzfähige Lösung auf den Markt bringen.

    Die Autoren:
    Joachim Schü ist Geschäftsführer der Beratung Consileon
    Heiko Huettel ist Senior Director und Leiter von Automotive, Mobilität und Transport für Europa, Naher Osten und Afrika bei Microsoft
    Christoph Hartung ist CEO des Auto-Software-Entwicklers ETAS

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