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26.09.2022

04:00

Gastkommentar

Warum es sich auszahlt, in Geschlechtergleichstellung zu investieren

Deutschland unterstützt Mädchen mit einer feministischen Entwicklungspolitik. Die Ungleichheit der Geschlechter verursacht hohe Kosten, warnen Svenja Schulze und Catherine Russell.

Svenja Schulze (r.) ist Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Catherine Russell ist Unicef-Exekutivdirektorin.

Die Autorinnen

Svenja Schulze (r.) ist Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Catherine Russell ist Unicef-Exekutivdirektorin.

Es ist seit Langem bekannt, dass es soziale und wirtschaftliche Vorteile hat, in die Gleichstellung der Geschlechter zu investieren oder Maßnahmen zu ergreifen, um Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu beenden und um Fortschritte bei der Geschlechterparität beispielsweise im Bildungsbereich zu erzielen.

Gesellschaften, die diskriminierende Gesetze abschaffen und in die Förderung der gleichberechtigten Teilhabe in allen Lebensbereichen investieren, sind wirtschaftlich erfolgreicher und friedlicher für alle.

Weniger bekannt ist, in welchem Ausmaß Entwicklungsfortschritte verhindert werden und wie hoch die Kosten sind, wenn Gesellschaften an Normen oder einer Politik festhalten, die zur Unterdrückung von Frauen und Mädchen führen und ihre Teilhabe einschränken.

Das zeigt sich derzeit besonders drastisch in Afghanistan, dem einzigen Land, das Mädchen von Sekundarbildung ausschließt. Eine Analyse von Unicef zeigt, dass die Entscheidung des derzeitigen Regimes, Millionen Mädchen den Besuch einer weiterführenden Schule zu verwehren, das Land einen Rückgang von 2,5 Prozent seines jährlichen Bruttoinlandsprodukts kostet. Eine enorme Last für Afghanistan, wo die Menschen schon jetzt unter einer verheerenden Wirtschaftskrise leiden.

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    Eingeschränkte Bildungschancen für Mädchen kosten weltweit Billionen Dollar

    Schätzungen der Weltbank zufolge kosten eingeschränkte Bildungschancen für Mädchen sowie Hürden beim Abschluss einer zwölfjährigen Schulbildung die Länder weltweit zwischen 15 und 30 Billionen Dollar, weil Produktivität und Einkommen verloren gehen.

    Umgekehrt könnten Investitionen, die es Mädchen ermöglichen, ihre Sekundarschulbildung abzuschließen, das Bruttoinlandsprodukt in Schwellenländern um zehn Prozent steigern.

    Die Bildung von Mädchen trägt auch dazu bei, sie vor schädlichen Praktiken zu schützen, wie der Verheiratung im Kindesalter. Aufgrund der schweren wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie nehmen diese derzeit wieder zu.

    Nur ein einziges Jahr auf einer weiterführenden Schule kann die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mädchen zur Heirat gezwungen wird, um fünf Prozentpunkte oder mehr verringern.

    Die menschlichen Kosten von Kinderehen sind nicht hinnehmbar. Denn Mädchen, die früh verheiratet werden, sind einem höheren Risiko von häuslicher Gewalt ausgesetzt, erleben häufiger Komplikationen während der Schwangerschaft oder der Geburt und sind weiteren Gefahren für ihre Gesundheit und ihr Wohlergehen im späteren Leben ausgesetzt.

    Die wirtschaftlichen Auswirkungen von Kinderehen sind entsprechend groß. Laut einer Studie des International Center for Research on Women und der Weltbank könnten Entwicklungsländer durch die Abschaffung von Kinderehen Ausgaben in Milliardenhöhe einsparen.

    Die Bundesrepublik fördert mit feministischer Entwicklungspolitik einen gerechten Zugang zu Ressourcen

    Auch häusliche und geschlechtsspezifische Gewalt fordern einen menschlich unerträglichen und ökonomisch nicht hinnehmbaren hohen Preis. Nach vorsichtigen Schätzungen belaufen sich die wirtschaftlichen Kosten für Produktivitätsverluste aufgrund von häuslicher Gewalt auf 1,2 bis zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

    Das entspricht den Ausgaben für die Grundschulbildung in den meisten Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Eine Studie in Lesotho zeigte, dass Gewalt gegen Frauen und Mädchen im Jahr 2017 mit Kosten in Höhe von 5,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verbunden war.

    Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern im weiteren Sinne – die anhaltende Chancenungleichheit und Unterrepräsentanz von Frauen und Mädchen – verursacht Kosten in Milliardenhöhe. Allein die Gleichstellung der Geschlechter beim Einkommen könnte das weltweite Gesamtvermögen um 14 Prozent steigern.

    Besonders in einer Zeit begrenzter Ressourcen und vor dem Hintergrund konkurrierender Prioritäten um finanzielle Mittel für Entwicklungszusammenarbeit ist es wichtig aufzuzeigen, dass wir in eine Entwicklung investieren müssen, die nachhaltiges Wachstum und Widerstandsfähigkeit durch die Unterstützung von Mädchen und Frauen fördert.

    Mit seiner feministischen Entwicklungspolitik wird das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Investitionen ausweiten, um diese Ziele zu erreichen. Als langjähriger und zuverlässiger Partner unterstützt Unicef diese Zielsetzung entschlossen.

    Die feministische Entwicklungspolitik Deutschlands zielt darauf ab, die Rechte von Frauen, Mädchen und anderen ausgegrenzten Gruppen zu verwirklichen, strukturelle Ungleichheiten und einen ungerechten Zugang zu Ressourcen zu beenden sowie die wirtschaftliche und soziale Teilhabe von Frauen und Mädchen zu verbessern.

    Von Investitionen in das Unternehmertum über die Bildung von Frauen und Mädchen bis hin zur Bekämpfung von geschlechtsspezifischer Gewalt – der Einsatz für Geschlechtergerechtigkeit ist ein zentraler Hebel für eine nachhaltige Entwicklung, die kurz- und langfristig zu wirtschaftlichen Gewinnen führt und zu mehr Frieden und Wohlstand.

    Gleichstellung zwischen den Geschlechtern nutzt auch jungen Männern

    In Gesellschaften, in denen Mädchen und Frauen ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben führen können, profitieren alle davon, auch Jungen und junge Männer. Das zeigt sich in Ländern, die die Gleichstellung im Bildungsbereich – und durch Bildung – fördern.

    Dazu gehört auch ein Bildungssystem, das frei von negativen Geschlechterstereotypen ist. So ist in diesen Ländern die Wahrscheinlichkeit geringer, dass Jungen die Schule abbrechen, sich kriminellen Banden anschließen oder von bewaffneten Gruppen rekrutiert werden.

    Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern entsteht nicht zufällig, sie ist die Folge von bestimmten Machtstrukturen, diskriminierenden Normen und Rollenbildern. Um strukturelle Ungleichheiten, Ungleichbehandlung und Diskriminierung langfristig zu beseitigen, braucht es Entschlossenheit und Überzeugungskraft.

    Dies bringen wir mit, und wir sind davon überzeugt, dass viele weitere den Willen haben, echte Geschlechtergleichstellung zu verwirklichen.

    Die Autorinnen:
    Svenja Schulze ist Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.
    Catherine Russell ist Unicef-Exekutivdirektorin.

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