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17.06.2022

04:09

Gastkommentar

Warum wissenschaftliche Forschung einen Neustart braucht

Die Produktivität der wissenschaftlichen Forschung sinkt seit Jahrzehnten. Um sie wieder zu steigern, brauchen wir ganz neue Konzepte, argumentiert Belén Garijo.

Belén Garijo ist Vorsitzende der Geschäftsleitung und CEO von Merck. dpa

Die Autorin:

Belén Garijo ist Vorsitzende der Geschäftsleitung und CEO von Merck.

Wissenschaftliche Forschung ist der Motor für den Fortschritt unserer Gesellschaft. Das hat die Pandemie eindeutig gezeigt. Sie ist zudem eine wesentliche Triebkraft für Wirtschaftswachstum.

Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kann eine Erhöhung der Ausgaben für Forschung und Entwicklung um ein Prozent die wirtschaftliche Produktivität einer Volkswirtschaft um bis zu 0,4 Prozent steigern.

Covid-19-Impfstoffe wurden in Rekordzeit entwickelt und zugelassen. Vom Tag, an dem die Weltgesundheitsorganisation Covid-19 zur Pandemie erklärte, bis zur ersten Zulassung für einen mRNA-Impfstoff vergingen nur etwas mehr als neun Monate.

Impfstoffe zu entwickeln und zuzulassen kann ansonsten bis zu zehn Jahre dauern! Möglich machten dies Wissenschaftler und Forscher, die grenzüberschreitend zusammenarbeiteten, sowie die hervorragende Partnerschaft zwischen Unternehmen und öffentlichem Sektor.

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    Die Produktivität der internationalen wissenschaftlichen Forschung sinkt seit Jahrzehnten

    Eine wichtige Voraussetzung war jedoch auch die jahrzehntelange Grundlagenforschung auf dem Gebiet der mRNA.

    Umso ernster müssen wir vor dem Hintergrund dieser Erfolge der weltweiten Wissenschaftsgemeinschaft die Hinweise der Ökonomen nehmen, dass die Produktivität der internationalen wissenschaftlichen Forschung insgesamt seit Jahrzehnten zurückgeht.

    Während es ohne Frage immer wieder herausragende Forschungserfolge in einzelnen Organisationen und bestimmten Wachstumsbranchen gibt, schneidet das wissenschaftliche Forschungssystem als Ganzes nicht so gut ab.

    Dies ist besorgniserregend - nicht nur angesichts der Rolle von Forschung und Entwicklung für den wirtschaftlichen Wohlstand, sondern auch, weil beide entscheidend dazu beitragen können, systemische Herausforderungen wie den Klimawandel oder künftige Pandemien zu bewältigen.

    Wir brauchen also dringend mehr Agilität und mehr Tempo in der wissenschaftlichen Forschung. Um ihre Produktivität zu steigern, müssen wir gemeinsam die Art und Weise, wie sie funktioniert, neu denken.

    Wir brauchen einen Neustart für wissenschaftliche Forschung! Mit „wir" meine ich eine gemeinsame Anstrengung der Wissenschaftsgemeinschaft: von Grundlagenforschungseinrichtungen über Unternehmen bis hin zu politischen Entscheidungsträgern und Forschungsförderern.

    Das sind die vier Prioritäten für den Neustart

    Ich sehe vier Prioritäten für Maßnahmen:

    Erstens müssen wir die Forschungssilos aufbrechen. Innovation entsteht zunehmend durch die Konvergenz wissenschaftlicher Disziplinen und der darauf aufbauenden Industriezweige.

    Bei Merck sehen wir zum Beispiel erhebliche Chancen in der Biokonvergenz. Darunter verstehen wir Innovationen, die Biologie, Software und Ingenieurwesen miteinander verbinden.

    Diese Innovationen bergen ein erhebliches Potenzial für personalisierte Medizin: So arbeiten wir unter anderem daran, mit Bioelektronik durch Nervenstimulation die gezielte Behandlung chronischer Krankheiten zu ermöglichen und Nebenwirkungen zu reduzieren. Das ist ein möglicher Beitrag, um Therapieergebnisse bei Patienten mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen zu verbessern.

    Um konvergente Innovationen zu fördern, müssen wir die Zusammenarbeit zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen verbessern. Beispiele sind interdisziplinäre Forschungsprojekte sowie flexible Karrierewege für Wissenschaftler, die es ihnen erlauben, zwischen Hochschulen und Industrie sowie zwischen wissenschaftlichen Disziplinen zu wechseln.

    Denn obgleich es viele Förderangebote für multidisziplinäre Forschungsprojekte gibt, gestaltet sich deren Finanzierung immer noch schwieriger als für einzelwissenschaftliche Ansätze.

    Zweitens brauchen wir neue Strukturen für die Zusammenarbeit, um die rasche Kommerzialisierung bahnbrechender experimenteller Forschung zu unterstützen. Es gibt hier bereits vielversprechende Ansätze, die wir jedoch noch besser nutzen und skalieren müssen.

    Inkubatoren ermöglichen zum Beispiel, dass sich Wissenschaftler und Unternehmer vernetzen und Letztere zentralisierte Ressourcen einschließlich unternehmerischer Betreuung bereitstellen.

    Sogenannte verteilte autonome Organisationen (Distributed Autonomous Organizations) könnten neue Formen der Zusammenarbeit ermöglichen, die ohne Hierarchie auskommen – und stattdessen ein konsensbasiertes System nutzen, das durch intelligente, digitale Verträge verwaltet wird.

    Wir müssen Investitionen in Grundlagenforschung ankurbeln

    Drittens müssen wir die Kennzahlen für Produktivität in der Forschung überdenken, insbesondere die Betonung der Veröffentlichungszahlen. Diese übt enormen Druck auf junge Wissenschaftler aus.

    Gleichzeitig sind die Anreize für eine lediglich kurzfristige, inkrementelle Forschungsausrichtung hoch: Wissenschaftler konzentrieren sich dabei auf Hypothesen, die innerhalb des Finanzierungszeitraums bewiesen werden können.

    Es ist schwierig, das richtige Maß an Rentabilität für die Forschung im Frühstadium zu finden, wo die Ergebnisse noch Jahrzehnte auf sich warten lassen können.

    Bislang hat niemand eine Antwort auf diese Herausforderung gefunden, Forschungseinrichtungen und forschende Unternehmen sollten sich jedoch gemeinsam damit befassen.

    Viertens müssen wir Investitionen in die Grundlagenforschung anregen. Ich denke dabei an neue Geschäftsmodelle und Strategien zur Risikominderung.

    Denn der Anteil der staatlichen Forschungsförderung – die traditionell den größten Teil der Grundlagenforschung finanziert – schrumpft in den Industrienationen seit Jahrzehnten.

    Die kurze Laufzeit der Fördermittel und der Veröffentlichungsdruck, unter dem viele Wissenschaftler stehen, schaffen zudem lediglich Anreize für schrittweise Durchbrüche in der Grundlagenforschung und nicht für „große" Projekte.

    Wir müssen mit neuen Finanzierungsmodellen experimentieren und diese skalieren, um Investitionen in Grundlagenforschung anzukurbeln.

    Ich denke dabei an vielversprechende Beispiele wie Investitionen in Wissenschaftler mit nachgewiesener Erfolgsbilanz bis hin zu auf dem Zufallsprinzip basierenden Lotteriemodellen für die Auswahl von Forschungsvorschlägen.

    Wir können außerdem viel von Finanzierungsmodellen aus der Entwicklungszusammenarbeit lernen. Bei den sogenannten Mischfinanzierungsmodellen incentivieren öffentliche Geber und multilaterale Finanzierungsinstitutionen mit ihrem Kapitaleinsatz private Investitionen, indem sie deren individuelles Risiko senken.

    So könnten wir den steigenden Anteil philanthropischer Finanzierung für die Grundlagenforschung besser nutzbar machen.

    In unserer 354-jährigen Geschichte haben wir bei Merck gesehen, dass bahnbrechende Innovationen das Ergebnis von eng integrierten, gut funktionierenden wissenschaftlichen Ökosystemen sind.

    Wie die meisten unserer Wettbewerber investiert Merck in erheblichem Umfang in die offene Innovation mit Partnern.

    Gemeinsame Initiativen einzelner Organisationen reichen jedoch nicht aus, um der wissenschaftlichen Forschung den notwendigen Produktivitätsschub zu geben, um die systemischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts wirkungsvoll anzugehen.

    Wir müssen die Rahmenbedingungen verändern. Und das können wir nur gemeinsam!

    Die Autorin:

    Belén Garijo ist Vorsitzende der Geschäftsleitung und CEO von Merck.

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