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02.05.2022

15:31

Gastkommentar

Wer soll im Notfall das knappe Gas bekommen? Darüber sollten Versteigerungen entscheiden

PremiumWenn Gas in Deutschland rationiert werden muss, sollte der Staat bei der Zuteilung Auktionsmechanismen nutzen, meinen Peter Cramton, Axel Ockenfels und Achim Wambach.

Achim Wambach (l.) ist Präsident des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und Mitglied der Monopolkommission. Er forscht zu Marktdesign und Wettbewerbspolitik. Axel Ockenfels ist Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Universität Köln. Peter Cramton (r.) ist Professor für Ökonomie an der Universität Köln. ZEW, Privat (2)

Die Autoren

Achim Wambach (l.) ist Präsident des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und Mitglied der Monopolkommission. Er forscht zu Marktdesign und Wettbewerbspolitik. Axel Ockenfels ist Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Universität Köln. Peter Cramton (r.) ist Professor für Ökonomie an der Universität Köln.

Es gibt gute Gründe, einen Importstopp von russischem Gas vorzubereiten, selbst wenn die Bundesregierung und die EU kein solches Embargo planen. Ein Grund ist, dass Russland seine Gasexporte als Vergeltung für Sanktionen reduzieren oder stoppen könnte. Ein anderer ist, die eigene strategische Position gegenüber Russland zu verbessern. Deshalb wurde bereits am 30. März die Frühwarnstufe des Notfallplans Gas aktiviert.

Offen ist, welche weiteren Stufen im Notfallplan noch erreicht werden. Stufe 2, die Alarmstufe, sieht vor, dass die Verteilung von Gas weiter dem Gasmarkt überlassen bleibt.

Kommt es dann aber zu sehr hohen Gaspreisen, die die schon heute hohen Preise nochmals drastisch übersteigen können, sind aufgrund der damit verbundenen (sozial-)politischen Herausforderungen politische Eingriffe unvermeidbar.

Eine Möglichkeit wäre, den Preisanstieg durch regulatorische Markteingriffe zu begrenzen und Gas zu rationieren. Dazu kommt es spätestens auf Stufe 3, der Notfallstufe, auf der die Bundesnetzagentur als Bundeslastverteiler aktiv würde und das Gas zuteilt.

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    Dabei soll sie die im öffentlichen Interesse liegende Versorgung sicherstellen, einen Ausgleich der elektrizitäts- und gaswirtschaftlichen Bedürfnisse und Interessen der Länder herbeiführen und die Versorgung der sogenannten privilegierten Kundengruppe sicherstellen, die einen besonderen Schutz genießen.

    Dies sind Haushaltskunden und grundlegende soziale Dienste. Doch auch die Rationierung führt zu enormen Herausforderungen.

    Bei einer ineffizienten Zuteilung könnte die Wirtschaftsleistung um bis zu zehn Prozent einbrechen

    Wer im Falle einer Verschlechterung der Versorgungslage das Gas bekommt und wer nicht, bestimmt, wie die Lasten auf alle Teile der Gesellschaft verteilt werden.

    Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, kommentiert: „Es ist leider nicht völlig auszuschließen, dass wir Entscheidungen treffen müssen, die furchtbare Konsequenzen für Unternehmen, für Arbeitsplätze, für Wertschöpfungsketten, für Lieferketten, für ganze Regionen haben.“

    Simulationen zeigen das Gefahrenpotenzial bei einer ineffizienten Zuteilung: Während bei einer marktbasierten Gasverteilung die Kosten eines Gasembargos in einer Studie zum Beispiel mit zwei bis drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) geschätzt werden, würde bei einer Zuteilung, die Haushalte und Dienstleistungen bevorzugt, die industrielle Produktion einbrechen.

    Das BIP würde um geschätzte zehn Prozent zurückgehen. Auch wenn die Zahlen angesichts vieler Unwägbarkeiten mit Vorsicht zu genießen sind, zeigen sie, dass Fehler bei der Zuteilung sehr teuer werden.

    Gasverbrauchende Unternehmen müssen sich in einer Knappheitssituation überlegen, ob sie Gas durch andere Energieträger ersetzen können, ob sie (Zwischen-)Produkte, die ansonsten mit Gas hergestellt werden, zukaufen oder ob sie sogar die Produktion ganz einstellen und schon eingekauftes Gas weiterverkaufen oder anderen Zwecken zuführen.

    Diese Entscheidungen werden unter anderem vom jeweiligen Geschäftsmodell, den Restrukturierungspotenzialen innerhalb der Unternehmen, der Flexibilität bei den Kunden der Unternehmen, den bestehenden Verträgen und der erwarteten spezifischen Angebots- und Nachfragesituation vor Ort und auf den (Welt-)Märkten beeinflusst.

    Die Kosten der Reduktion des Gasverbrauchs unterscheiden sich deshalb gravierend zwischen den Unternehmen.

    Der Regulierer hat nicht genug Informationen über die einzelnen Bedarfe der Unternehmen

    Dies ist eine Herausforderung für die Bundesnetzagentur, wenn sie auf Basis von Geschäftsmodellen über die Zuteilung von Gas entscheiden soll. Die Bundesnetzagentur hat dazu einen mit 65 Leuten besetzten Krisenstab aufgesetzt und führt eine Erhebung des industriellen Gasverbrauchs bei den 2500 größten Gasverbrauchern durch.

    Eine solche Erhebung gibt wichtige Einblicke in die aktuelle Verbrauchssituation, wird aber den individuellen Ausweichpotenzialen in den Unternehmen nicht gerecht. Der notwendige Informationsbedarf geht weit über zugängliche Kennziffern hinaus. Das ist das altbekannte Problem einer Planwirtschaft.

    Es gibt Alternativen zu einer planerischen Zuteilung, die ergänzend erwogen werden sollten. Eine naheliegende Alternative ist die Verauktionierung.

    Auktionen stellen das Gleichgewicht zwischen Nachfrage und der festgelegten, rationierten Angebotsmenge her. Den Zuschlag würden die Unternehmen bekommen, die die höchste Zahlungsbereitschaft haben, die also den wirtschaftlich höchsten Nutzen aus der Zuteilung ziehen.

    Die, die leichter substituieren können oder deren Produkte einfacher substituiert werden können, besitzen eine geringere Zahlungsbereitschaft und würden keinen Zuschlag bekommen – jedenfalls soweit sie keine kritische Aufgabe für die Wirtschaft und Gesellschaft übernehmen, die nicht durch die eigene Zahlungsbereitschaft abgebildet wird.

    Die Einnahmen aus der Auktion könnten an die Unternehmen zur Entlastung zurückgegeben werden.

    Um die privilegierten Kunden zu schützen, also insbesondere die Haushalte, könnte die öffentliche Hand zusätzlich als Bieter an der Vergabe teilnehmen und das Gas für diese Kunden ersteigern, anstatt es vorher aus der Versteigerung herauszunehmen.

    Das würde sicherstellen, dass Importeure von Gas nicht die Sorge haben müssten, ihr Gas „unter Wert“ an Kunden zuteilen zu müssen, und aus diesem Grund Gas lieber an andere Staaten liefern.

    Auch die Nachfrage der privilegierten Kunden ist nicht starr. Haushalte können oft zu geringen Kosten die Gasheizung zumindest teilweise runterdrehen. Die Anreize dazu werden größer, wenn die Haushalte das Gas, das sie einsparen, verkaufen können.

    Denkbar wäre etwa eine Zuteilung an Haushalte in Abhängigkeit des Vorjahresverbrauchs gepaart mit Prämien, die ein Haushalt erhält, wenn er weniger verbraucht.

    Dies würde Haushalte gegen große Belastungen absichern und gleichzeitig Anreize für Energieeinsparungen geben, von denen die Haushalte profitieren könnten.

    Dieser und andere Zuteilungsmechanismen, die sozialverträglich und effektiv zum Energiesparen einladen, sind der einfachen Zuteilung überlegen, weil sie günstige Einsparmöglichkeiten fördern und damit das Gasangebot für dringend benötigte andere Zwecke erhöhen.

    Eine Auktion ermöglicht, auch im Notfall die Zuteilung von Gas über Preise zu bestimmen

    Es gibt weitere Möglichkeiten für zielführende Auktionsmechanismen. Zum Beispiel könnte man, analog zu Mechanismen in Strommärkten, die Verpflichtung von Unternehmen ausschreiben, den Gasverbrauch zu begrenzen oder einzustellen.

    Diejenigen, die dies am günstigsten anbieten, bekommen den Zuschlag und die damit einhergehende Kompensation und bereiten sich entsprechend auf Abschaltungen vor.

    Solche Verträge sind nicht neu. Der Adressatenkreis könnte aber ausgeweitet werden – mit Konditionen, die auf die Rationierungssituation angepasst werden.

    Auch können solche Abschaltauktionen schon heute durchgeführt werden, um etwa die Gasspeicher für den kommenden Winter zu füllen.

    In allen Fällen geht es bei der Auktion darum, diejenigen Unternehmen zu identifizieren, die Gas beziehen oder reduzieren wollen und zu welchem Preis. Die Auktionen können landesweit, nach Branchen oder Regionen durchgeführt werden, und sie können Mengen und Zeiträume mit einbeziehen.

    Eine Auktion erlaubt die Nutzung von Preisen als Zuteilungsmechanismus. Sie helfen der Politik und der Regulierung, selbst in Zeiten größter Knappheit das Gas schnell und gemäß Wertbeitrag zu verteilen.

    Unternehmen und Haushalte können gleichzeitig zu vergleichsweise geringeren Belastungen der öffentlichen Haushalte von den Folgen der resultierenden hohen Preise abgeschirmt werden. Wie gut wir aus einer etwaigen Gaskrise herauskommen, wird ganz entscheidend von dem Design der Zuteilungsmechanismen abhängen.

    Die Autoren: Peter Cramton ist Professor für Ökonomie an der Universität Köln. Seit 1983 erforscht er die Theorie und Praxis von Auktionen. Axel Ockenfels ist Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Universität Köln. Seine Schwerpunkte sind Marktdesign, Spieltheorie und Verhaltensökonomik. Achim Wambach ist Präsident des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und Mitglied der Monopolkommission. Er forscht zu Marktdesign und Wettbewerbspolitik.

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