Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

24.01.2023

19:00

Gastkommentar

Wir brauchen auch eine nachhaltige Personalentwicklung

PremiumDeutschland läuft im Rennen um Arbeitskräfte Gefahr, abgehängt zu werden. Firmen müssen innovativer werden und auch etwa Schulabbrecher anwerben, fordert Martin Seiler.

In Deutschland gibt es derzeit 1,7 Millionen offene Stellen. Es fehlen Fachkräfte, Führungskräfte, Auszubildende. Künftig wird sich die Lage weiter zuspitzen. Bis zum Jahr 2030 werden über 50 Prozent mehr Arbeitskräfte aus dem Erwerbsleben ausscheiden als neue eintreten. Das bedeutet: Wir haben die schwierigste Arbeitsmarktsituation, die ich je erlebt habe.

Sie ist zudem paradox, da die angespannte wirtschaftliche Situation eigentlich Arbeitskräfte freisetzen müsste. Eigentlich.

Doch wer irgend kann, hält an seinem Personal fest. Denn für die meisten Unternehmen ist der Fachkräftemangel das größte Risiko für die eigene Zukunft – noch vor steigenden Energiekosten. Die Folge: Es gibt einen harten Wettbewerb um jede Fachkraft.

Auch bei der Bahn spüren wir deutlich, wie eng der Markt ist. Doch was bedeutet das für die Unternehmen? Wie wirkt sich dieses wirtschaftliche Phänomen auf Politik und Gesellschaft und damit jeden Einzelnen aus? Und welche Lösungen gibt es?

Meine These: Den Fachkräftemangel werden wir nur überwinden, wenn wir bei Personalgewinnung und -bindung sowie bei der Digitalisierung der Arbeit innovative Wege gehen – und wenn wir gemeinsam mit der Politik hierfür den notwendigen Rahmen schaffen.

Unternehmen müssen auch Schulabbrecher und Geringqualifizierte ansprechen

Dabei geht es maßgeblich auch um politische Entscheidungen. Als einen wichtigen Baustein brauchen wir für die Personalgewinnung im Ausland vernünftige und konkurrenzfähige Regeln.

Auch die Unternehmen selbst müssen aktiver werden. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass trotz des Fachkräfte-Notstands nur jedes sechste Unternehmen Arbeitskräfte im Ausland sucht. Die Zuwanderungszahlen haben im Vergleich zu 2021 zwar zugenommen, liegen jedoch immer noch deutlich unter dem Vor-Corona-Niveau. Das liegt vor allem an regulatorischen und sprachlichen Hürden.

Martin Seiler ist Vorstand Personal und Recht der Deutschen Bahn. dpa, Urban Zintel

Der Autor

Martin Seiler ist Vorstand Personal und Recht der Deutschen Bahn.

Hier müssen wir schnellstmöglich Abhilfe schaffen. Dabei geht es nicht nur darum, dass die Politik im Ausland als Vermittler und Werber für deutsche Unternehmen auftritt.

In erster Linie ist es notwendig, bürokratische und rechtliche Hürden abzubauen und etwa Qualifikationen wie ausländische Studienabschlüsse anzuerkennen. Das würde den Unternehmen die Fachkräftesuche im Ausland massiv erleichtern.

Die aktuelle Debatte über die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts und eine einfachere Vergabe von Visa ist ein Schritt in die richtige Richtung. Langfristig wird es darum gehen, gewonnene Fachkräfte aus dem Ausland in Deutschland gut sozial und kulturell zu integrieren und zu halten. Denn eine sichere Bleibeperspektive ist eines der maßgeblichen Entscheidungskriterien, besonders für hochqualifizierte Arbeitskräfte.

Doch auch hierzulande ist es nötig, neue, manchmal auch unbequeme Wege zu gehen. Dabei sind die Unternehmen selbst in der Pflicht. Sie müssen Menschen ansprechen, die sie mit herkömmlichen Stellenausschreibungen nicht erreichen. Konkret meine ich Jugendliche, die die Schule abbrechen, Geringqualifizierte oder Menschen mit Migrationshintergrund oder aus sozial benachteiligten Familien.

Die Teilhabe am Arbeitsmarkt ist ein wichtiger Faktor für gelungene Integration und Chancengleichheit und somit auch für eine erfolgreiche Wirtschaft und eine starke Gesellschaft. Unternehmen müssen gezielt auf diese Menschen zugehen, ihnen Ausbildungschancen und eine Anschlussperspektive im Unternehmen bieten. Damit lässt sich viel erreichen. Wir haben bei der Bahn allein über diese Maßnahmen 6000 neue Mitarbeitende gewinnen können.

Wir laufen Gefahr, den Zug zu einer nachhaltigen Personalentwicklung zu verpassen

Für die Unternehmen wird es zunehmend bedeutend, ihr Team langfristig an sich zu binden. Dafür müssen sie auf die neuen Forderungen der Mitarbeitenden eingehen, die zunehmend flexibler und selbstbestimmter arbeiten wollen.

Ihnen können Unternehmen individuelle Arbeitszeit- und Arbeitsortmodelle bieten, Sabbaticals oder die Wahl zwischen mehr Urlaub und weniger Arbeitszeit oder mehr Gehalt. Der Wunsch, den eigenen Arbeitsalltag flexibel zu gestalten, ist so groß wie nie, insbesondere innerhalb der nun nachrückenden Generation Z.

Außerdem brauchen wir Rahmenbedingungen, die es älteren Mitarbeitenden ermöglichen, wirklich bis zum Renteneintrittsalter zu arbeiten und ihren Beitrag zu leisten. Sehr viele wollen das.

Eines ist klar: Kein Unternehmen wird allein gegen den Fachkräftemangel ankommen. Das ist eine Aufgabe, die Unternehmen, Gewerkschaften, Politik und Gesellschaft gemeinsam meistern müssen.

Es ist dringend notwendig, jetzt Lösungen zu finden und diese schnell umzusetzen. Wir laufen Gefahr, den Zug zu einer nachhaltigen Personalentwicklung zu verpassen. Die Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft wären dramatisch.

Der Autor:

Martin Seiler ist Vorstand Personal und Recht der Deutschen Bahn.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×