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17.09.2021

04:00

Gastkommentar

Wir brauchen mehr gezielte Einwanderung

PremiumOhne eine moderne Migrationspolitik können wir unseren Wohlstand in den kommenden Jahren nicht sichern, warnen Düzen Tekkal und Johannes Vogel.

Düzen Tekkal ist Journalistin, Politologin, Menschenrechtsaktivistin und Gründerin der parteiübergreifenden Bildungsinitiative German Dream. Sie hat kurdisch-jesidische Wurzeln. Johannes Vogel ist stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP sowie arbeitsmarkt- und rentenpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag. dpa, imago, Montage

Die Autoren

Düzen Tekkal ist Journalistin, Politologin, Menschenrechtsaktivistin und Gründerin der parteiübergreifenden Bildungsinitiative German Dream. Sie hat kurdisch-jesidische Wurzeln. Johannes Vogel ist stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP sowie arbeitsmarkt- und rentenpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag.

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Das sollte inzwischen jedem klar sein. Doch die zähen Debatten der letzten Jahrzehnte darüber, ob sich Deutschland nun als Einwanderungsland versteht oder nicht, haben leider nicht zu jener tiefgreifenden Modernisierung geführt, die unsere Gesellschaft so dringend braucht.

Die Bundesrepublik hinkt anderen Staaten nicht nur bei der Gesetzgebung zum Thema Migration deutlich hinterher, auch in den politischen Debatten wird oft der klassische Fehler gemacht, die jeweils aktuelle Krise nur aus der Perspektive der vergangenen Krise zu betrachten.

Derzeit ist das wieder am Beispiel Afghanistanflüchtlinge zu beobachten. Ein anderer wichtiger Aspekt von Migration bleibt somit nicht nur in diesem Wahlkampf unterbelichtet: Wir sind bei Weitem nicht gut genug im globalen Wettbewerb um Talente! Dabei brauchen wir mehr gesteuerte Fachkräfte-Einwanderung schon allein deshalb, weil Deutschland immer älter wird. Mitte der 2020er-Jahre geht die Generation der Babyboomer nach und nach in ihren wohlverdienten Ruhestand.

Wir werden unseren Wohlstand aber niemals halten können, wenn das Erwerbspersonenpotenzial ohne einen Ausgleich derart drastisch zurückgeht. Und selbst wenn wir alle Potenziale in Deutschland vollends ausreizen und endlich unser Rentensystem durch Reformen zukunftsfest machen würden, ist schon jetzt klar: Ohne mehr Einwanderung, die an den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts ausgerichtet ist, wird es niemals funktionieren.

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    Die Bewältigung des demografischen Wandels und die Deckung des Fachkräftebedarfs sind aber nur eine Seite der Medaille. Gezielte Einwanderung sichert darüber hinaus eine der wichtigsten Ressourcen, die den Wohlstand in Deutschland garantiert: Innovationskraft. Die beiden wichtigsten Deutschen des Jahrzehnts heißen Özlem Türeci und Ugur Sahin. Ihr Beispiel zeigt, welchen fundamentalen Unterschied das Talent Einzelner machen kann.

    Viele Innovatoren waren Einwanderer

    Allein die Wirtschaftskraft ihres Unternehmens Biontech, das den von ihnen mitentwickelten mRNA-Impfstoff gegen Covid-19 herstellt, könnte im Jahr 2021 0,5 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts der Bundesrepublik ausmachen. Aber hier zeigt sich noch mehr: Türeci, Sahin, Steve Jobs, Elon Musk oder Sergey Brins – viele der größten Innovatoren unserer Zeit waren Einwanderer oder Kinder von Einwanderern.

    Und das ist kein Zufall. Denn Einwanderung steigert das Innovationspotenzial einer Gesellschaft, die Vielfalt der Menschen birgt eine Vielfalt der Einfälle und Ideen – zu unserem Glück! Das spiegeln auch die Zahlen wider: Zwischen 1994 und 2018 hat sich der Anteil an Patenten in Deutschland, die von Menschen mit Migrationshintergrund angemeldet wurden, fast verdreifacht. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft ist das Wachstum bei den Patentanmeldungen aus Deutschland in den vergangenen Jahren überhaupt nur den Erfinderinnen und Erfindern mit ausländischen Wurzeln zu verdanken.

    Hinzu kommen beachtliche Impulse für die Gründerkultur. Unternehmerinnen und Unternehmer sind ganz generell geborene Innovatoren und übernehmen Verantwortung für eine Idee, die ihnen keine Ruhe lässt. Und Menschen mit ausländischen Wurzeln gründen laut Bundeswirtschaftsministerium und Global Entrepreneurship Monitor besonders häufig Unternehmen. Da wundert es nicht, dass migrantengeführte Unternehmen überdurchschnittlich stark vertreten sind bei Produktneuerungen oder innovativen Geschäftsprozessen, wie das Institut für Mittelstandsforschung konstatiert.

    Wer das nicht glauben will, dem sei die aktuelle Studie der Boston Consulting Group zur „Power of Human Migration in the 21st Century“ zur Lektüre empfohlen. Das Ergebnis: Qualifizierte Einwanderung sorgt für Wohlstandsgewinn. Diese Zahlen lassen nur einen Schluss zu: Eine moderne, leistungsfähige soziale Marktwirtschaft und ein selbstbewusstes, diverses Einwanderungsland, das sind zwei Seiten derselben Medaille. Die nächste Bundesregierung muss deshalb endlich die Potenziale, die in einer diversen Unternehmenskultur liegen, erkennen und zum Nutzen aller heben.

    Unbürokratische Zugänge zum Arbeitsmarkt

    Best-Practice-Beispiele erfolgreicher und wachsender Unternehmen und Sozialunternehmen gibt es in Hülle und Fülle – die Co-Autorin führt selbst ein solches. Diese übernehmen soziale Verantwortung und schaffen ganz konkret attraktive Arbeitsplätze. Wir glauben daran, dass viele Menschen mit unterschiedlichen Träumen, Sehnsüchten, Erfahrungen und ethnischen Hintergründen ein einigendes gesellschaftliches Band knüpfen können – eine Aufgabe, die auch für ein superdiverses Deutschland zunehmend wichtiger werden wird.

    Voraussetzung ist aber eine moderne Einwanderungspolitik. Bis heute fehlt es Fachkräften an attraktiven und unbürokratischen Zugängen zum Arbeitsmarkt, die wir so dringend brauchen – und die Steuer- und Abgabenlast ist leider auch Weltspitze. Deutschland darf sich nicht länger der gefährlichen Illusion hingeben, die Talente stünden an der Grenze Schlange. Wir müssen endlich offensiv und werbend den Wettbewerb mit klassischen Einwanderungsländern wie Kanada oder Neuseeland aufnehmen, etwa durch ein modernes Einwanderungsrecht samt Punktesystem.

    Wir haben starke Eckpfeiler für eine verantwortungsvolle Migrationspolitik: Die lebhafte Diskussion über unsere individuelle und gesellschaftliche Diversität und vor allem unser Grundgesetz als Wertefundament. Es gibt aber noch viel zu tun, wenn es darum geht, Deutschland für einwandernde Menschen zu einer sicheren und erstrebenswerten neuen Heimat zu machen. Hürden für den sozialen Aufstieg müssen endlich fallen.

    Integrationsbemühungen müssen verstärkt werden. Anstrengung muss sich immer bezahlt machen, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe oder Glauben. Kein Talent mehr zu verschenken muss daher unser Ziel sein und ist einer der Gründe, das Aufstiegsversprechen zu erneuern. Wir brauchen ein Bildungssystem, das Chancen endlich unabhängig von Elternhaus und Herkunft eröffnet – zum Beispiel durch bundesweite Talentschulen, also besonders gut ausgestattete Schulen gerade in den Stadtteilen mit den größten sozialen Herausforderungen – und auch eine chancenorientierte Grundsicherung mit fairen Zuverdienstregeln.

    Für eine offene Gesellschaft eintreten

    Einwanderung ist kreativer Input von außen, sozialer Aufstieg dasselbe von innen. Beides sind unersetzliche Innovationstreiber für unsere Gesellschaft und Wirtschaft. Ein Mehr an gesellschaftlicher Teilhabe für alle bedeutet kein Weniger an Teilhabe für Privilegierte. Das gesellschaftliche Gefüge ist kein Kuchen, dessen Stücke durch die Anerkennung von Vielfalt kleiner werden, im Gegenteil: Sie werden größer und damit auch der Anteil aller am Wohlstand!

    So wie wir die politischen Rahmenbedingungen dafür stets verbessern müssen, so ist auch jede und jeder Einzelne aufgerufen, für eine offene Gesellschaft einzutreten. Ohne eine Kultur der Zugewandtheit nutzen auch die besten gesetzlichen Regelungen nichts. Die kommende Bundesregierung sollte dies als eine ihrer Kernaufgaben in einem modernen Einwanderungsland Deutschland begreifen.

    Die Autoren: Düzen Tekkal ist Journalistin, Politologin, Menschenrechtsaktivistin und Gründerin der parteiübergreifenden Bildungsinitiative German Dream. Sie hat kurdisch-jesidische Wurzeln.
    Johannes Vogel ist stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP sowie arbeitsmarkt- und rentenpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag.

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