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04.08.2022

09:00

Gastkommentar

Wir brauchen Partnerländer, die Transformation, Tempo und Technologien mit und für uns vorantreiben

PremiumWir befinden uns in einer sensiblen Übergangsphase. Um die Energiewende zu meistern, ist auch eine verstärkte Zusammenarbeit mit arabischen Autokratien notwendig, meint Kirsten Westphal.

Kirsten Westphal ist Mitglied im Nationalen Wasserstoffrat und leitet in der H2Global Stiftung den Bereich Analyse & Forschung. SWP

Die Autorin

Kirsten Westphal ist Mitglied im Nationalen Wasserstoffrat und leitet in der H2Global Stiftung den Bereich Analyse & Forschung.

Die neue Realität ist der permanente Krisenmodus. Die Klimaerhitzung mit ihren dramatischen Auswirkungen, der Schock der Coronapandemie und Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Auch die Energiewirtschaft sieht sich von einer Krisenkaskade bedroht. Der massive Verfall der Energiepreise 2020 – im Mai drehte der Ölpreis in den USA ins Negative, der Tages-Gaspreis an der holländischen Börse rutschte unter drei Euro die Megawattstunde – hat den Investitionsstau weiter verstärkt.

Im vergangenen Jahr stieg dann die Nachfrage so stark an, dass sie kaum mehr befriedigt werden konnte. Zwischenzeitlich notierte der Spotgaspreis bei rund 200 Euro die Megawattstunde.

Heute hat sich die Investitions-, Preis- und Energiekrise in eine veritable Versorgungskrise ausgewachsen. Die von Russland gedrosselte Gaszufuhr muss schnell durch teures Flüssigerdgas (LNG) ersetzt werden.

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    Die strukturellen Begleiterscheinungen sind gravierend: So wurde die deutsche Gazprom-Tochter Germania schon verstaatlicht, und bei unserem größten Gasimporteur Uniper strebt der Staat eine Beteiligung von 30 Prozent an.

    Unübersehbar konfiguriert sich das Verhältnis von Staat und Markt neu. Die Defizite des seit Ende der 1990er-Jahre liberalisierten Markts treten offen zutage. Die Bundesregierung bekommt mehr Hebel in die Hand, ihre Handlungsspielräume wachsen.

    Wir sind in einer sensiblen Übergangsphase

    Allerdings vor einem mehr als schwierigen Hintergrund: Für die politisch gewollte Wende weg von fossilen und hin zu grünen Energieträgern ist der Investitionsstau der vergangenen Jahre eine hohe Hürde. Das Ziel, den globalen Temperaturanstieg durch den Treibhauseffekt auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, kann mit dem bisherigen Tempo beim Ausbau der erneuerbaren Energien und der Versorgungsnetze nicht erreicht werden.

    Selbst in den Erhalt bestehender Öl- und Gasfelder wurde zu wenig investiert, um die dortige Produktion zu sichern. Dies gilt erst recht, wenn fossile Brennstoffe aus Russland ersetzt werden sollen.

    Zur unbequemen Wahrheit gehört nämlich auch, dass wir uns in einer sensiblen Übergangsphase befinden, in der wir zwar dringend das Energiesystem transformieren, gleichzeitig aber auch die Energieversorgung sichern müssen, ohne den Einsatz fossiler Energieträger zu verewigen.

    Noch immer sind fast 75 Prozent unserer Energieversorgung fossil. In Deutschland werden pro Jahr etwa 2.500 Terawattstunden Energie verbraucht, wovon allerdings weniger als 600 Terawattstunden auf Strom entfallen.

    Um das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen, muss sich dieses Verhältnis zwischen Molekülen und Elektronen umkehren. Wir brauchen ein Energiesystem, das vorwiegend auf Strom aus erneuerbaren Energien beruht, aber auch Wasserstoff und seine Derivate nutzt.

    Dieser Systemwechsel wird fundamentale Auswirkungen auf Infrastrukturen, Technologien und Verbrauchsverhalten haben. Darüber hinaus benötigen wir auch eine neue Ressourcenbasis, denn Batterien, Solarpanele und Windräder brauchen Kupfer, Nickel, Kobalt, Lithium und Seltene Erden. Wasserstofferzeugung wiederum benötigt Skandium, Iridium und Platin.

    Erbitterte Konkurrenz um Einfluss

    Die Internationale Energieagentur hat bereits die neue Welt skizziert, die eine Energietransformation mit sich bringt. Sie wird regionaler und fragmentierter, löst alte Abhängigkeiten und schafft neue Lieferbeziehungen. Will die neue Welt dem Klimaziel nahekommen, gibt es eine unabdingbare Voraussetzung: internationale Zusammenarbeit in bisher nicht gekanntem Ausmaß.

    Die geopolitische Realität allerdings weist derzeit in eine andere Richtung: Entkopplung statt Globalisierung, erbitterte Konkurrenz um Einfluss und Wertschöpfung. Geprägt ist diese geopolitische Wirklichkeit von einer vermutlich epochalen Systemkonfrontation zwischen autoritären Regimen und Demokratien, die einen revisionistisch und expansiv, die anderen saturiert und sich viel zu lange am Status quo ante orientierend.

    Für Europa sind die Einschnitte am weitreichendsten – denn die dreifache Dividende der sorglosen Jahrzehnte einer liberalen Weltordnung nach 1989/91 ist Vergangenheit: Frieden, offene Märkte und billige Energie aus Russland. Michail Gorbatschows Idee vom gemeinsamen Haus Europa hat Wladimir Putin mit seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine ad absurdum geführt.

    Die EU muss sich reorientieren

    Allerdings: Internationaler Handel wird für die vergleichsweise rohstoffarme Europäische Union essenziell bleiben. Deshalb muss die EU sich reorientieren – und zwar nach Westen, nach Süden und in Richtung Naher und Mittlerer Osten. Nach einer Phase des immer weiteren Zusammenwachsens des euroasiatischen Kontinentalraums bedeutet das eine fast kopernikanische Wende zurück zum Atlantik- und Mittelmeerraum sowie nach Afrika.

    Das zeigt sich schon beim Einkauf von LNG. Wasserstoffderivate und später verflüssigter oder über Trägerstoffe transportierter Wasserstoff müssen global bezogen werden, auch wenn Korridore durch die Nordsee, das Mittelmeer und aus der Ukraine über Pipelines die EU mit Wasserstoff versorgen.

    Dazu muss sich die EU aber auch politisch öffnen. Die multipolare Welt zwingt uns, eurozentrische Vorstellungen zu begraben, zumal die wirtschaftliche Attraktivität der EU ohnehin erodiert. Mit Blick auf die Energiewirtschaft werden Wasserstoff und seine Derivate Ammoniak, Methanol das neue Fenster zur Welt öffnen.

    Strom versorgt, Moleküle schaffen industrielle Wertschöpfung. Das Thema Wasserstoff geht deswegen weit über die Energietransformation hinaus, es ist der Schlüssel für den Umbau unserer Wirtschaft.

    Hier muss die EU wieder ansetzen: Die europäische Integration begann 1952 mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Heute geht es wieder um den gemeinsamen Erhalt von Schlüsselindustrien und deren energetischer Versorgung.

    Abhängigkeit von China verringern

    Wenn sich für Berlin also die Frage nach alten und neuen Partnern für den Umbau stellt, weisen viele Antworten in Richtung EU und der europäischen Nachbarschaft. Eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft wird viele Lösungen in geografischer Nähe suchen müssen. Lieferketten und Wirtschaftsprozesse dürften sich im Sinne eines „friendshoring“ zurückverlagern. Die Zeichen stehen also nicht auf Entkopplung, sondern auf Rückkopplung.

    Wollen Brüssel und Berlin politisch nicht mehr von Russland erpressbar und von China weniger wirtschaftlich abhängig sein, dann gilt es, Partnerschaften mit Ländern zu suchen, die uns geografisch, politisch und wirtschaftlich nahestehen. Das heißt etwa mit Blick auf Wasserstoff: Statt Nabelschau zu betreiben, brauchen wir Partnerländer, die Transformation, Tempo und Technologien mit und für uns vorantreiben.

    Diesen Partnern müssen wir auf Augenhöhe begegnen, gemeinsam mit ihnen müssen wir Kriterien, Standards und Normen entwickeln, wie das Ziel Klimaneutralität am besten zu erreichen ist. Zumindest für einen Übergangszeitraum müssen wir dabei auch politische Widersprüche und Zielkonflikte aushalten, nicht zuletzt bei der verstärkten Energie-Zusammenarbeit mit arabischen Autokratien. Denn es gibt kein „Weiter so!“, weder global noch in Europa oder Deutschland.

    Die Autorin: Kirsten Westphal ist Mitglied im Nationalen Wasserstoffrat und leitet in der H2Global Stiftung den Bereich Analyse & Forschung.

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