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25.06.2021

04:00

Gastkommentar

Wir müssen die digitale Spaltung in unserem Land verhindern

Droht Deutschland der Zerfall in eine Zweiklassengesellschaft? Eine entschlossene Digitaloffensive könnte mehr Chancengleichheit bringen, meint Cisco-Deutschlandchef Uwe Peter.

Uwe Peter ist Deutschlandchef des US-Telekommunikationsunternehmens Cisco.

Der Autor

Uwe Peter ist Deutschlandchef des US-Telekommunikationsunternehmens Cisco.

Mit Beginn der Corona-Pandemie erfasste Deutschland eine große Digitalisierungswelle. Von einem Tag auf den anderen tauschten Tausende Beschäftigte in Unternehmen und Behörden ihr Büro mit den eigenen vier Wänden. Zusammenarbeit über Videokonferenz wurde zum Massenphänomen. Insgesamt gelang es – mal mehr, mal weniger –, Wirtschaft, Verwaltung, Gesundheits- und Bildungssysteme trotz der Pandemie aufrechtzuerhalten.

Doch die anfängliche Digitalisierungseuphorie verflog rasch wieder – Ernüchterung trat ein. Denn Corona wirft auch ein Schlaglicht auf digitale Missstände und die Kluft zwischen den Profiteuren der neuen Technologien und jenen, die von der Digitalisierung bislang keinen Vorteil haben. Vor diesem Riss warnt auch das Weltwirtschaftsforum.

Sein aktueller „Global Risk Report“ stuft digitale Ungleichheit als Risiko ein, das Länder und Gesellschaften zu spalten droht. Covid-19 habe zwar in Teilen der Welt für einen Boom bei E-Commerce, Online-Bildung und Telemedizin gesorgt. Gleichzeitig aber, so der Report, würden viele Menschen durch das erhöhte Digitalisierungstempo noch weiter abgehängt.

Dieser alarmierende Befund betrifft keineswegs nur Entwicklungsländer, wo oft nur ein Bruchteil der Bevölkerung einen Internetzugang hat. Auch in Deutschland geht die Schere zwischen Gewinnern und Verlierern der Digitalisierung weiter auseinander, wie eine repräsentative Cisco-Umfrage aus diesem Jahr belegt. Danach sagen zwei Drittel der Deutschen, neue digitale Möglichkeiten wie Homeoffice und Home-Schooling hätten die Chancenungleichheit eher verstärkt.

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    Besonders Ältere, Nichtberufstätige und Menschen mit niedrigem Bildungsniveau oder geringem Einkommen haben vom digitalen Fortschritt weit weniger als der Bevölkerungsdurchschnitt. Auf der anderen Seite fühlen sich vor allem die junge Generation und besser Gebildete als Gewinner der Digitalisierung. Dieses auf den ersten Blick nicht überraschende Ergebnis zeigt die vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Studie „D21 Digital Index“. Bei genauem Hinsehen aber wird deutlich, dass digitale Ungleichheit bestehende soziale Ungleichheit verstärkt – und das kann unserer Gesellschaft nicht egal sein.

    Beim Home-Schooling etwa erschweren ein langsamer Internetanschluss oder veraltete Softclients den Lernerfolg. Soziale Aufstiegschancen durch Bildung werden den betroffenen Kindern damit frühzeitig verbaut. Aber auch im Handel, bei der medizinischen Versorgung oder im Kulturbetrieb profitiert, wer online ist. Wer offline ist, verliert den Anschluss.

    Klar ist: Das digitale Deutschland steht heute nicht da, wo es stehen sollte. Im Cisco-Digital-Readiness-Index, der den digitalen Reifegrad von gut 140 Staaten misst, rutschte Deutschland zuletzt von Rang sechs auf Platz 14 ab.

    Warum ist das so? Eigentlich gibt es kaum irgendwo sonst auf der Welt bessere Voraussetzungen für die Überwindung von digitaler Ungleichheit als hierzulande: ein starkes Bekenntnis von Wirtschaft, Politik und Verbänden zur digitalen Transformation sowie ausreichende finanzielle Ressourcen.

    Digitale Technologien eröffnen Freiräume

    Offenbar reicht das allein aber nicht aus. Chancengleichheit hängt heute mehr denn je von einer umfassenden, flächendeckenden Digitalisierung ab. Dafür braucht es ganzheitliche Ansätze und entschlossenes Handeln. Um den Zerfall in eine digitale Zweiklassengesellschaft zu stoppen, sind derzeit vier Handlungsfelder von besonderer Dringlichkeit: 1. für breite Technologieakzeptanz sorgen; 2. Konnektivität landesweit ausbauen; 3. digitale Bildung und Weiterbildung vorantreiben; 4. Innovationen entfesseln, vor allem im öffentlichen Sektor.

    Punkt 1 kann direkt an die positiven Erfahrungen aus der ersten Lockdown-Phase anknüpfen. Viele Menschen erlebten damals unmittelbar, welche Freiräume ihnen digitale Technologien eröffneten: Sie konnten selbstbestimmt im Homeoffice arbeiten und weiterhin per Videokonferenz mit Freunden und Verwandten zusammen sein. Auch Gesundheitseinrichtungen und öffentliche Verwaltungen nutzen unbürokratisch digitale Möglichkeiten, um ihren Service ohne physische Kontakte weiterhin anzubieten.

    Um solche positiven Entwicklungen zu verstärken, brauchen Politik und Medien ein überzeugendes Narrativ – damit das große Ganze und vor allem der konkrete Nutzen der Digitalisierung nicht in kleinteiligen Alltagsdiskussionen rund um Regulierung und Bürokratie untergehen.

    Bei Punkt zwei hat jüngst eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gezeigt, dass in Deutschland nur knapp fünf Prozent aller Breitbandanschlüsse via Glasfaser angebunden sind – in Schweden und Spanien sind es rund 70 Prozent.

    In Zeiten von Homeoffice, E-Health, Fernunterricht und Industrie 4.0 wird eine leistungsstarke Netzinfrastruktur bundesweit genauso wichtig wie die Stromversorgung. Gerade in ländlichen Gebieten kommt es neben Glasfaseranschlüssen auch auf lokale 5G-Zugänge und den Einsatz der neuen WLAN-Technologie WiFi 6 an. Denn Wachstum und Wohlstand hängen immer stärker von einer zukunftsfähigen Vernetzung ab. Die Grundlage dafür müssen Politik und Unternehmen gemeinsam schaffen.

    Innovationen brauchen mehr Pragmatismus

    Punkt 3 fußt auf der Einsicht, dass es mit Technologieinvestitionen allein nicht getan ist: Nur wer durch Bildung und Weiterbildung digitale Technologien versteht, kann sie zielgerichtet nutzen. Nur wer ihre Vorteile erlebt, hat auch Freude daran. Digitalisierung darf kein Elitenprojekt sein, sie soll allen Menschen zugutekommen. Um diesem Imperativ einer fairen Gesellschaft gerecht zu werden, muss der Erwerb von digitalen Kompetenzen für jeden möglich sein.

    Um Punkt 4 realisieren zu können, muss Deutschland über seinen Perfektionismus-Schatten springen. Innovationen brauchen mehr Pragmatismus und Mut, nicht zuletzt im öffentlichen Sektor. Nur wenn Bürgerservices leicht zugänglich und praktikabel sind, werden sie auch genutzt. Angesichts der deutschen Neigung zur Grundlagenforschung brauchen wir eine verstärkte Anwendungsorientierung.

    So könnten Verwaltungen und Bildungseinrichtungen bereits auf eine Vielzahl sicherer und erprobter Lösungen zurückgreifen, die via Netzwerk als Service zur Verfügung stehen. Die Träger müssen dann nicht in eigene Technik investieren und sich auch nicht um deren Betrieb und Weiterentwicklung kümmern. Stattdessen könnten alle verfügbaren Ressourcen in den Aufbau von digitalem Know-how und den notwendigen Umbau von Organisationsstrukturen fließen.

    Gerade die Anpassung organisatorischer Abläufe ist quer durch die Republik eine große Herausforderung. Die digitale Transformation verläuft oft zäh, weil Antrags- und Planungsprozeduren zu stark bürokratisiert sind. Diese Prozeduren müssen durch ein neues „Digital first“-Denken aufgebrochen werden.

    Was wir brauchen, ist mehr Pragmatismus statt Bürokratie, mehr Konnektivität und insbesondere digitale Bildungsangebote für alle Teile der Bevölkerung. Nur so kann Digitalisierung ein Garant für Wachstum, Nachhaltigkeit und Chancengerechtigkeit werden.
    Der Autor: Uwe Peter ist Deutschlandchef des US-Telekommunikationsunternehmens Cisco.

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