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20.05.2022

19:32

Gastkommentar

Wir müssen endlich den Datenschatz heben

Daten bilden die Basis für Innovationen und neue Geschäftsmodelle. Deshalb ist es wichtig, dass wir in Deutschland ein Dateninstitut schaffen, argumentiert Thomas Sattelberger.

Der Autor war bis Freitag parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung. Am Freitag trat er zurück und verkündete seinen Rückzug aus der Politik.

Thomas Sattelberger

Der Autor war bis Freitag parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung. Am Freitag trat er zurück und verkündete seinen Rückzug aus der Politik.

Daten sind das neue Gold. Sie gehören zu den wertvollsten Ressourcen unserer Zeit. Auf ihnen gründen sich Zukunftsbranchen wie das Internet der Dinge, Künstliche Intelligenz, Biotech und Greentech.

Daten bergen gigantisches Potenzial. Sie ermöglichen Innovationen in Forschung und Entwicklung und versetzen uns in die Lage, sie zu kommerzialisieren – in transformierte oder ganz neue Geschäftsmodelle.

Es ist höchste Zeit, die großen Datenschätze unseres Landes endlich zu heben und dabei technologische Souveränität im freiheitlich-demokratischen Rahmen zu schaffen. Deshalb will die Bundesregierung nun ein wichtiges Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag umsetzen: die Gründung eines Dateninstituts.

Das ist für Deutschland überfällig. Längst leben wir in einer Datenwelt – aber noch immer nicht in einer Datenökonomie mit deutschen oder europäischen Wurzeln, sondern überwiegend geprägt von amerikanischer Plattformökonomie.

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    Noch immer tun wir uns hierzulande schwer, Daten erfolgreich miteinander zu verknüpfen und in gemeinwohlorientierte Service-Plattformen oder privatwirtschaftliche Geschäftsmodelle zu skalieren.

    Rechtliche Hürden bremsen ein enormes Innovationspotenzial aus

    Unser Daten-Ökosystem ist zwar ausdifferenziert, aber ineffizient; zu viel Nebeneinander im Silo, zu wenig Miteinander im Netzwerk. Ja, es gibt die Nationale Forschungsdateninfrastruktur NFDI, die Forschungsdaten zusammenführen und zugänglich machen soll.

    Es gibt eine Medizininformatik-Initiative und die europäische Plattform Gaia-X, um Wirtschaftsdaten europaweit verfügbar zu machen. Wir haben Fair Data Spaces, einen sicheren Datenraum für Industrie und Forschung nach den FAIR-Prinzipien, sowie den Rat für Informationsinfrastrukturen.

    Aber das reicht nicht in punkto Datenvernetzung von Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft. Vor allem dann nicht, wenn es darum geht, sektorübergreifend, gemeinsam und konzertiert Innovationspotenzial zu heben.

    Ein konkretes Beispiel ist die Vision eines grundlegend neuen Katastrophenmanagementsystems bei Naturkatastrophen, das mehrere Datenquellen verbindet:

    1. Mobilitätsforschungsdaten zur Vorhersage von Verkehrsströmen bei unvorhergesehenen Blockaden
    2. Datenschutz-sensitive, anonymisierte Gesundheitsdaten von Einzelpersonen
    3. Echtzeit-Gerätedaten eines Mobilfunkanbieters zu Standort- und Verkehrsstrombestimmung
    4. Öffentlich zugängliche Daten aus Einwohnerstatistik und Kataster

    Alle diese Daten lassen sich für eine effizientere Notfallversorgung verknüpfen mit dem Ziel, etwa Kinder mit schweren Vorerkrankungen im Katastrophengebiet schneller zu orten, auf unwegsamen Straßen zügig zu erreichen und individualisiert zu versorgen.

    Eine solche Idee scheitert in der Praxis bislang nicht an technischer Umsetzbarkeit, sondern an rechtlichen Hürden. Hier liegt enormes Innovationspotenzial brach.

    Daran wollen und müssen wir arbeiten. Es muss künftig einfacher und schwellenloser möglich sein, Mehrwerte aus Daten zu schaffen.

    Deutschland muss vom Nachzügler zum Gestalter werden. Wer Datenökonomie und Digitaltechnologien beherrscht, stärkt die eigenen komparativen Wettbewerbsvorteile auch in anderen Schlüsseltechnologien.

    Integral hierfür sind Schnittstellen, an denen sich technologische, ökonomische, organisatorische und regulatorische Anforderungen und Interessen treffen, gegenseitig bedingen und transdiziplinär in Einklang bringen lassen.

    Diese Gesamtheit der Schnittstellen wollen wir gemeinsam etablieren, standardisieren und stärken. Dann lassen sich mehr Innovationen aus Daten heben.

    Hier hört es aber nicht auf. Wir brauchen neue Akteure, zum Beispiel Datenintermediäre, die dabei unterstützen, unterschiedliche Ausgangsinteressen aller an Datenkooperation Beteiligten zusammenzuführen.

    Datentreuhandmodelle, bei denen eine neutrale Instanz den Schutz sensibler Daten garantiert, können hier ein zusätzliches Sicherheitsnetz bilden, um Daten vertrauensvoller gemeinsam zu nutzen.

    Es werden mehr und mehr technologische und wissensbasierte Unternehmen und Neugründungen neue zukunftsweisende Dateninstrumente direkt aus der Topforschung in die Praxis transportieren – auch dank geeigneter Experimentierräume.

    Das neue Dateninstitut soll Standards setzen

    Welche konkreten Aufgaben wird das neue Dateninstitut haben? Es muss tragfähige Brücken bauen zwischen Sektoren und Initiativen.

    Es soll Expertise und Standards bieten, um sicheres Teilen von Daten zu ermöglichen. Es soll Treuhändermodelle fördern, schlank und agil arbeiten und sich eng verknüpfen mit der Wissenschaftslandschaft.

    Denn gerade erfolgreiche Forschung und Wissenschaft basieren darauf, Daten zu teilen und untereinander verfügbar zu machen. Es ist Teil ihrer DNA, Daten zwischen Disziplinen und über Sektorgrenzen hinweg gemeinsam zu nutzen.

    In der Großgeräteforschung lagern etliche ungehobene Datenschätze. Der Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider (LHC) am Genfer Cern produziert mehr als 15 Pentabyte Rohdaten im Jahr.

    Bei der MOSAiC-Expedition des Forschungsschiffs „Polarstern“ kamen rund 22 Terrabyte Daten zusammen. Macht man diese Daten verfüg- und verknüpfbar, lassen sich womöglich künftig Fragen beantworten, die sich zum Zeitpunkt der Experimente und Expedition noch gar nicht gestellt haben.

    Auf nationaler und europäischer Ebene etabliert sich zunehmend eine neue Forschungsdatenökonomie mit eigenen Regeln, eigenen Anreizstrukturen und eigener Marktdynamik. Ähnliches lässt sich in der Wirtschaft und ansatzweise in der Verwaltung beobachten.

    Die Bundesregierung möchte und muss Fortschritt wagen

    Spannend wird es, wenn sich diese Datenökonomien überschneiden und – künftig unter tatkräftiger Unterstützung des Dateninstituts – ganz neue Brücken bauen, nicht zuletzt für innovatives Katastrophenmanagement.

    Wir müssen dazu weder das Rad neu erfinden, noch brauchen wir einen Deus ex Machina oder ein aus anderen Ländern importiertes Imitat.

    Das Dateninstitut soll wie ein Katalysator zielgerichtet Schranken und Hindernisse für Dateninnovation abbauen. Es soll transdisziplinär und sektorübergreifend agieren.

    Die Agenda des Instituts wird sich am konkreten Bedarf der Stakeholder orientieren: ein Bottom-up-Ansatz als substanzieller Beitrag zu einer innovativen, fairen Datengesellschaft.

    Diese Bundesregierung möchte und muss neues Wachstum ermöglichen, sie möchte und muss mehr Fortschritt wagen.

    Innovation zielt immer darauf ab, etwas besser zu machen. Wir wollen gesundes Leben erleichtern, mehr Klimaschutz realisieren, Demokratie verteidigen, Ressourcen schonen, auch die individuellen.

    Schaffen wir ein Dateninstitut! Machen wir uns ran an den Speck!

    Der Autor: Thomas Sattelberger war bis Freitag parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung. Am Freitag trat er zurück und verkündete seinen Rückzug aus der Politik.

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