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27.07.2022

10:57

Gastkommentar

Wir müssen weniger Fleisch essen, um eine nachhaltige Welternährung zu sichern

PremiumAnders als Björn Lomborg in seinem Gastbeitrag vor einigen Tagen behauptet hat, brauchen wir nicht weniger, sondern mehr Ökolandbau, argumentiert Urs Niggli.

Urs Niggli ist Professor für Agrarwissenschaften und Präsident des Schweizer Instituts für Agrarökologie. Von 1990 bis 2020 leitete er das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in der Schweiz. Privat [M]

Der Autor

Urs Niggli ist Professor für Agrarwissenschaften und Präsident des Schweizer Instituts für Agrarökologie. Von 1990 bis 2020 leitete er das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in der Schweiz.

Björn Lomborg vom Copenhagen Consensus Centre hat in seinem Gastbeitrag für das Handelsblatt am 18. Juli tief in die Mottenkiste gegriffen und 40 Jahre wissenschaftliche Erkenntnisse der Agrarökologie und der globalen Debatten um die Ernährungssicherheit ignoriert.

Mit der „Ausweitung von Düngemitteln, Pestiziden und Bewässerungen“ und mit „gentechnischen Veränderungen des Saatguts“ steigere man die Nahrungsmittelproduktion, senke die Preise und lindere den Hunger, schrieb er. Das führte in wenigen Sätzen zu einem direkten Angriff auf die Besessenheit der Deutschen vom Ökolandbau, der zu ökologischen Krisen und Hungersnöten führe. Damit stellt er auch die aktuelle Landwirtschaftsstrategie der EU-Kommission infrage.

Betrachten wir die Fakten zum Ökolandbau, sofern sie auf wissenschaftlichen Daten und Modellen beruhen.

1. Der Ökolandbau hat nichts mit der Verknappung der Lebensmittel und einer Zunahme des Welthungers zu tun

Zwei Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Welt werden nach den Methoden des Biolandbaus, 98 Prozent nach anderen Regeln bewirtschaftet.

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    Das Spektrum der landwirtschaftlichen Praxis reicht von traditionellen Bäuerinnen im Amazonas, von Hirtenvölkern im Himalaya oder am Horn von Afrika, von den exportorientierten Plantagenbesitzern in Mittelamerika, von einer großen Vielfalt an europäischen und EU-Produzenten, welche öffentliche Gelder vom Staat beziehen, bis hin zu den Vollgas-Industrieunternehmen in Nordamerika.

    Die wenigen Biobauern haben nichts mit Hungersnöten zu tun, weder heute noch in naher Zukunft. Wissenschaftliche Modellierungen der zukünftigen Entwicklungen und Warenflüsse zeigen, dass wir noch mehr Ökolandbau brauchen könnten, um Umweltprobleme der Landwirtschaft zu vermeiden und die natürlichen Ressourcen Boden, Wasser, Luft und Biodiversität zu schützen. Ich verweise dazu auf das globale Modell von Adrian Müller und Co-Autoren im Journal „Nature Communication“ vom November 2017.

    Die Katastrophe von Sri Lanka ist das Ergebnis einer korrupten Regierung und eines unfähigen Beamtenapparats und nicht ein Beispiel dafür, was der Ökolandbau kann oder nicht kann. In Europa hat man nach 60 Jahren Erfahrungen damit den Mut gefasst, ein Ziel von 25 bis 30 Prozent für den Ökolandbau zu setzen.

    Großflächige Umstellungen auf den Ökolandbau sind keine Hauruck-Entscheidungen. Sie brauchen viel Zeit, gute Forschungs-, Ausbildungs- und Beratungsangebote. Die Verarbeitung, der Handel und der Konsum müssen sich darauf einstellen. Man wird nicht von heute auf morgen per Dekret Biobäuerin.

    2. Der Ökolandbau ist eine Inspirationsquelle, hat aber kein Monopol auf die nachhaltige Welternährung.

    Das Wissen, das die ganze Ökobranche in den letzten 50 Jahren entwickelt hat, ist wertvoll. Das gilt für die komplette Wertschöpfungskette, vom Anbau, über die Tiere, die Verarbeitung der Lebensmittel, die Organisation der Warenflüsse und deren Transparenz bis hin zur Kommunikation mit den Verbraucherinnen und Verbrauchern.

    Das ist Zukunftswissen für die Transformation hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft. In der Landwirtschaft sollten wir mehr Ökolandwirte haben, denn sie verstehen etwas von der Agrarökologie und vom Schutz der natürlichen Ressourcen.

    Der Ökolandbau ist aber kein Blueprint für die nachhaltige Ernährung und Landwirtschaft. Beim Ökolandbau kann man viel lernen, auch für die Weiterentwicklung der konventionellen Produktion.

    Die Strategie von Björn Lomborg, Schützengräben auszuheben, ist 1970er-Jahre-Stil. Eine Vielfalt von Lösungen ist heute gefragt, alle angetrieben vom Ziel, genügend Lebensmittel auf eine umwelt- und sozialverträgliche Weise zu produzieren.

    3. Schwächen und Stärken des Ökolandbaus sind eine Güterabwägung

    Die Landwirtschaft ist gleichermaßen definiert durch ihre Erträge (was wir essen), durch ihre ökonomischen, ökologischen und sozialen Funktionen bei der Besiedlung der Landschaft (blühende ländliche Räume, in denen Menschen wirtschaften und leben) und die Rolle ihrer Akteure bei der Tradierung von Wissen über standortgerechte Landwirtschaft, über den Umgang mit Tieren und über die Behandlung von Lebensmitteln.

    Diese verschiedenen Güter und Funktionen werden durch Landwirte unterschiedlich gut abgedeckt. So kann der Ökolandbau vieles besser als eine intensive Landwirtschaft. Seine Schwächen sind aber die geringeren Erträge, deren Ausmaß Björn Lomborg unnötigerweise dramatisiert.

    Anders als in Europa hat der Ökolandbau zum Beispiel in Subsahara-Afrika sogar ein Potenzial, die Erträge bei armen Subsistenzlandwirten zu verbessern, zum Beispiel durch Kompostierung, Nützlingsförderung und gute Weidewirtschaft.

    Es ist aber klar, dass bei einer 100-Prozent-Ökolandwirtschaft die Pflanzen zu wenig Stickstoff hätten. Wir müssen deshalb dringend das Problem lösen, auch die Abfälle des Menschen wieder in den Kreislauf zu bringen.

    Der Ökolandbau hat durch die Forschung in den letzten 30 Jahren große Fortschritte gemacht und das Forschungsprogramm der Bundesregierung finanziert auch in Zukunft die Weiterentwicklung des Ökolandbaus.

    4. Die Rolle der Tierhaltung für die nachhaltige Ernährungssicherheit

    Björn Lomborg beschreibt eine skandalöse Entwicklung der konventionellen Tierhaltung der letzten Jahrzehnte, nämlich dass Vieh mit Mais und Soja gemästet wird, und schiebt dies dem Ökolandbau in die Schuhe. Dabei entspricht es im Gegenteil dem Konzept des Ökolandbaus, Wiederkäuer wie Rinder, Ziegen und Schafe mit Gras zu füttern. Damit können Wiesen- und Weideflächen, welche mindestens die Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen der Erde bedecken und ungeeignet für den Anbau von Getreide oder Gemüse sind, für Milch und Fleisch genutzt werden.

    Das vom Vieh genutzte Grasland ernährt einen Teil der Menschheit mit Eiweiß und Energie. Die mit Futtergetreide exzessiv erzeugten Zusatzleistungen entsprechen dagegen dem unökologisch und ungesund hohen Fleischkonsum, auf den wir in Zukunft besser verzichten sollten.

    Das bedeutet letztlich mehr pflanzliches Eiweiß wie Erbsen, Bohnen, Linsen, Lupinen oder Kichererbsen auf dem Teller, und da machen die Ökolandwirte voll mit.

    Die oben erwähnten Zukunftsmodellierungen von Müller und Kollegen zeigen, dass eine Halbierung des Fleischkonsums und eine Halbierung der Lebensmittelverschwendung die Mindererträge, welche durch einen höheren Anteil des Ökolandbaus an der europäischen Landwirtschaft entstehen würden, auffangen könnten. Gesund essen statt die Produktion mit den alten Methoden hochpuschen wäre eine intelligente Lösung.

    Zum Schluss: Den Ökolandbau gut und wichtig zu finden bedeutet nicht, ihn ideologisch als die einzige Lösung anzupreisen. Wie viel Ökolandbau ist sinnvoll? Mit 25 oder gar 30 Prozent haben die EU-Kommission und die deutsche Bundesregierung ein gutes Augenmaß bewiesen.

    Entscheidend ist allerdings, was die Verbraucherinnen und Verbraucher wollen. Den größten Handlungsbedarf hat indes die konventionelle Landwirtschaft. Sie ist im Umwelt-, Klima- und Biodiversitätsschutz ungenügend.

    Deshalb sollte die Zukunftsdiskussion ideologisch entstaubt werden. Technologien des 21. Jahrhunderts wie Digitalisierung, Molekularbiologie und Nanotechnologie bieten auch der Landwirtschaft noch erhebliches Potenzial.


    Der Autor:

    Urs Niggli ist Professor für Agrarwissenschaften und Präsident des Schweizer Instituts für Agrarökologie. Von 1990 bis 2020 leitete er das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in der Schweiz.

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