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13.11.2022

15:33

Gastkommentar

Wir werden 2050 nur klimaneutral, wenn wir CO2 aus der Atmosphäre zurückholen

PremiumEs ist zu spät, um die Klimaziele mit der Abkehr von fossiler Energie zu erreichen. Europa sollte mehr in Technologien investieren, die CO2 aus der Luft holen, mahnt Sabine Fuss.

Sabine Fuss ist Klimaökonomin am Berliner Klimaforschungsinstitut MCC (Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change). Zudem hat sie eine Professur an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Die Autorin

Sabine Fuss ist Klimaökonomin am Berliner Klimaforschungsinstitut MCC (Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change). Zudem hat sie eine Professur an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Im Kampf gegen die Klimakrise reicht die Abkehr von fossilen Energieträgern allein nicht mehr aus. Vielmehr wird ein Teil der Treibhausgase, die weiterhin ausgestoßen werden, durch Entnahmen von CO2 aus der Atmosphäre wieder ausgeglichen werden müssen.

Das Ausmaß der nötigen Entnahmen kann durch Fortschritte beim Klimaschutz begrenzt werden. Dabei gilt es nicht nur, das Energieangebot zu dekarbonisieren, sondern auch die Energienachfrage zu drosseln – durch Verhaltensänderungen bei Mobilität, Wohnen und Ernährung.

Doch die letzten Berichte des Weltklimarats zeigen deutlich: Um die von der Weltgemeinschaft im Pariser Abkommen beschlossenen Klimaziele gänzlich ohne CO2-Entnahmen zu erreichen, ist es mittlerweile zu spät.

Welche Technologien stehen also für die Entnahme des CO2 aus der Atmosphäre zur Verfügung? In Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern setzt man vor allem auf die sogenannten Landsenken, also Wälder, Böden und Moore.

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    Die stillschweigende Annahme lautet: Diese Landsenken werden sich in dem Maße vergrößern lassen, in dem nach umfassenden Klimaschutzmaßnahmen noch Restemissionen anfallen. Das CO2 kann zum Beispiel entzogen werden durch Wiederaufforstung oder auch durch Praktiken in der Landwirtschaft, die den Bodenkohlenstoffgehalt erhöhen.

    Zwei Technologien können CO2 aus der Atomsphäre holen und langfristig speichern

    Diese landbasierten oder oft auch naturnah genannten Praktiken erfreuen sich großer öffentlicher Akzeptanz – meist im Zusammenhang mit positiven Nebeneffekten auf andere Ökosystemdienstleistungen, etwa im Zusammenhang mit Biodiversität.

    Außerdem sind die Kosten dabei überschaubar, und es gibt dazu einen großen Erfahrungsschatz an technischem Know-how. Insbesondere Länder wie Schweden oder Österreich können hier von jahrzehntelanger Erfahrung profitieren.

    Jedoch stellt sich angesichts von begrenzten Landflächen und auch naturgemäß begrenzten Sättigungsprozessen die Frage der Skalierbarkeit. Zudem ist angesichts des fortschreitenden Klimawandels und einer größeren Häufigkeit von Wetterextremen, Dürren, Waldbränden und Schädlingsbefall fraglich, ob das CO2 lange genug gebunden bleibt und somit langfristig ein Ausgleich für Restemissionen geschaffen wird.

    Aus diesen Gründen muss man ergänzend über andere Optionen wie die Anwendung von Pflanzenkohle oder das Beschleunigen von natürlichen Verwitterungsprozesse sprechen. Insbesondere sind hierbei zwei Technologien hervorzuheben, die auf geologische Speicherung von CO2 setzen.

    Bei der einen Technologie wird das Klimagas zuvor in Biomasse gespeichert. Wenn die zu Strom oder Biosprit verwandelt wird, wird es wieder freigesetzt und dann aufgefangen und gespeichert (BECCS – Bio Energy with Carbon Capture and Storage). Bei der anderen wird es mittels eines chemischen Prozesses direkt aus der Luft gefiltert (DACCS – Direct Air Carbon Capture and Storage).

    Mit diesen beiden Technologien lässt sich das CO2 lange speichern. Aber sie sind derzeit noch teuer, insbesondere DACCS.

    Außerdem stößt die Idee, das CO2 unterirdisch zu speichern, vielerorts auf Skepsis. Immerhin setzen Norwegen, Großbritannien und die Niederlande schon jetzt darauf, dass Speicher notwendig werden, und investieren in Überkapazitäten an Speicherraum in der Nordsee.

    Vorbild Schweden: Dort gibt es bereits Auktionen für CO2-Entnahmen

    Wichtig ist es in diesem Zusammenhang, auf die USA zu schauen. Durch das im August beschlossene gigantische Klimapaket „Inflation Reduction Act“ stellt Amerika einmal mehr unter Beweis, dass es bei populären Zukunftsthemen gern klotzt statt zu kleckern.

    Mit den nun üppig fließenden Fördergeldern wird insbesondere die DACCS-Technologie mit dem Herausfiltern und Speichern von CO2 einen massiven Schub bekommen. Europas traditionell technologiestarke Industrienationen sollten sich hier nicht abhängen lassen, indem sie sich ausschließlich auf landbasierte Maßnahmen konzentrieren.

    Szenarien aus der Wissenschaft zeigen sehr deutlich: Wenn wir uns im Portfolio der eingesetzten Technologien zu sehr beschränken, haben wir im Ergebnis sowohl höhere Klimaschutzkosten als auch weniger nachhaltige CO2-Entnahmen.

    Für eine ausreichende Skalierung von Entnahmetechnologien braucht es aber ein deutliches Preissignal für CO2: Es muss teurer werden, Klimagas in die Atmosphäre zu entlassen – und es muss umgekehrt durch negative CO2-Preise lukrativ werden, Klimagas zurückzuholen.

    Bisher ist das Geschäft mit der CO2-Entnahme nur eine Marktnische. Die bekannte Schweizer Luftfilterfirma Climeworks etwa verkauft das gewonnene CO2 an andere Industriezweige weiter – zum Beispiel an Gewächshäuser, was natürlich keine permanente Speicherung bedeutet.

    Um die großen Mengen an Treibhausgasentnahmen zu bewältigen, die Mitte des Jahrhunderts realisiert werden müssen, wenn die EU klimaneutral sein will, müssen noch völlig neuartige Geschäftsmodelle entwickelt werden.

    Hier ist die Politik gefragt. In welche Richtung es gehen könnte, machen die Schweden vor. Sie organisieren bereits Auktionen – und versteigern die Aufträge für die künftig notwendigen CO2-Entnahmen an diejenigen Firmen, die den Auftrag zu den geringsten Kosten erledigen.
    Die Autorin:
    Sabine Fuss ist Klimaökonomin am Berliner Klimaforschungsinstitut MCC (Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change). Zudem hat sie eine Professur an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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