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04.07.2022

04:00

Gastkommentar

Zehn europäische Energieminister schlagen Alarm: Europa soll wieder auf Atomkraft setzen

Die Energieminister von zehn EU-Staaten, darunter Frankreich und Tschechien, plädieren in einem Gastkommentar gemeinsam für den Ausbau der Atomenergie.

Europa muss sich mit seiner zukünftigen Energieversorgungsicherheit auseinandersetzen. imago images/Westend61

Atomkraftwerk

Europa muss sich mit seiner zukünftigen Energieversorgungsicherheit auseinandersetzen.

Heute muss die Stärkung unserer Ambitionen zur Bekämpfung des Klimawandels Teil des Strebens Europas nach strategischer und energiepolitischer Autonomie sein, da Russlands brutale militärische Aggression in der Ukraine ein Umdenken in Sachen Energie in Europa erzwungen hat.

Der Kontext für die EU-Taxonomie, die Klassifizierung nachhaltiger Investitionen, vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine war ein anderer als heute. Im Oktober 2021 erklärten wir bereits: „Wenn Europa den Kampf gegen den Klimawandel gewinnen will, braucht es Kernenergie. Sie ist eine lebenswichtige und zuverlässige Ressource für alle, um eine kohlenstoffarme Zukunft zu sichern.“

Heute findet ein Krieg jenseits der EU-Grenzen statt. Aufgrund der unrechtmäßigen Handlungen Russlands bekommen die Bürger und die Industrie der EU die Auswirkungen der hohen und schwankenden Energiepreise zu spüren.

Wenn die EU auf dem Weg zur Dekarbonisierung bleiben und gleichzeitig die Versorgungssicherheit gewährleisten will, müssen wir unsere Haltung gegenüber der Kernenergie entsprechend anpassen. Große Mengen kohlenstoffarmer Elektrizität und kohlenstoffarmer Wasserstoff werden notwendig sein, um den Energiebedarf der Industrie und der Gesellschaft zu decken und das EU-Klimaneutralitätsziel für 2050 zu erreichen.

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    Die Stromnachfrage wird sich in den nächsten 30 Jahren verdoppeln, und die Zeit zum Handeln ist jetzt gekommen. Die Kernenergie kann als kohlenstoffarme Grundlast-Energiequelle eine wesentliche Rolle in einem Energiemix spielen, der mit der Klimaneutralität vereinbar ist, ohne dass massiv auf Energieimporte zurückgegriffen werden muss. Und es ist erwiesen, dass die Klimaneutralität und die Gewährleistung der Versorgungssicherheit bis 2050 Investitionen in Höhe von 500 Milliarden Euro in neue Kernenergieanlagen erfordern.

    Um dieser Herausforderung gerecht zu werden, muss die Kernenergie in die Politik des Green Deals und des „REPowerEU"-Plans einbezogen werden, so wie es in der europäischen strategischen Langzeitvision „Clean Planet for all“ vorgesehen ist, in der eindeutig festgestellt wird, dass die Kernenergie zusammen mit den erneuerbaren Energien das Potenzial hat, das Rückgrat eines kohlenstofffreien europäischen Energiesystems zu bilden.

    „Europa braucht eine realistische Strategie“

    Die Kernenergie ist in der Lage, verschiedene Herausforderungen zu bewältigen. Erstens ist die Kernenergie in der Lage, bei höchsten Sicherheitsstandards die für die künftige Elektrifizierung erforderlichen Strommengen zu sichern, und sie ist eine Schlüsselkomponente bei der Suche nach einer Lösung, um unsere Abhängigkeit von fossilen Importen aus Russland zu verringern.

    Zweitens ist die Kernenergie in Anbetracht der sogenannten Systemkosten und des Wertes der Stabilität eine wettbewerbsfähige Energiequelle, vor allem, wenn man spezielle Finanzierungsregelungen für solch kapitalintensive Projekte in Betracht zieht. Was die Entsorgung radioaktiver Abfälle, auch aus der Medizin oder der Industrie, betrifft, so stehen die Technologien für die Endlagerung zur Verfügung; für hochradioaktive Abfälle gelten geologische Tiefenlager nach heutigem Kenntnisstand als eine geeignete und sichere Lösung, und die Technologie für ihren Bau ist bereits heute verfügbar.

    Schließlich braucht Europa eine realistische Strategie für die Wasserstofferzeugung und sollte sich nicht in hohem Maße von Einfuhren abhängig machen – unter Berücksichtigung der bestehenden Probleme der Abhängigkeit von Energieeinfuhren. Europa muss seine Kapazitäten zur Erzeugung von klimaneutralem Wasserstoff ausbauen und einen geeigneten Rahmen für die Entwicklung von Wasserstoff aus Kernenergie schaffen.

    Der erste Schritt ist bereits im ergänzenden delegierten Rechtsakt der EU-Kommission zur Taxonomie enthalten, der Kriterien für den Bau und den sicheren Betrieb neuer Kernkraftwerke, auch für die Wasserstoffproduktion, festlegt. Dadurch wird die Einführung des Wasserstoff-Ökosystems sowohl vom Umfang als auch vom Zeitplan her realistischer.

    Vor diesem Hintergrund schließen sich die Unterzeichner der Stellungnahme von 20 Gewerkschaften an, die belgische, bulgarische, tschechische, finnische, französische, ungarische, litauische, rumänische, slowakische und slowenische Arbeitnehmer im Energiesektor vertreten und die tatsächliche Aufnahme der Kernenergie in die EU-Taxonomie als unerlässlich für die Bekämpfung des Klimawandels und die Erhöhung der Energieunabhängigkeit bezeichnen.

    Angesichts der oben genannten Herausforderungen fordern wir die Europäische Kommission auf, ihre Maßnahmen auszuweiten und als einen der nächsten Schritte das hinweisende Nuklearprogramm (PINC) gemäß Artikel 40 des Euratom-Vertrags zu aktualisieren, das einen Überblick über die Ziele und die erforderlichen Investitionen während des gesamten Lebenszyklus der Kernenergie bietet.

    Die Autoren:

    • Bulgarien: Alexander Nikolov, Energieminister
    • Tschechische Republik: Jozef Síkela, Industrie- und Handelsminister
    • Finnland: Mika Lintilä, Wirtschaftsminister
    • Frankreich: Agnès Pannier-Runacher, Energiewende-Ministerin
    • Kroatien: Davor Filipović, Wirtschaftsminister
    • Ungarn: László Palkovics, Minister für Innovation und Technologie
    • Polen: Anna Moskwa, Ministerin für Klima und Umwelt
    • Rumänien: Virgil Daniel Popescu, Energieminister
    • Slowakei: Richard Sulík, Stellvertretender Ministerpräsident und Energieminister
    • Slowenien: Bojan Kumer, Minister für Infrastruktur

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