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01.11.2020

20:22

Gastkommentar

Zweiter Lockdown: Die Bundesregierung hätte sich besser vorbereiten müssen

Von: Karl-Heinz Paqué

PremiumDie Bundesregierung flüchtet sich in einen Lockdown, weil sie in der Pandemie nicht vorausschauend gehandelt hat. Empfehlenswert ist ein Blick nach Taiwan.

Karl-Heinz Paqué meint: Der Lockdown hätte verhindert werden können.

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Karl-Heinz Paqué meint: Der Lockdown hätte verhindert werden können.

Düsseldorf Mehr als 18.000 Neuinfektionen mit dem Coronavirus verzeichnet das Robert Koch-Institut täglich. Die Zahl der belegten Intensivbetten hat sich innerhalb kürzester Zeit mehr als verdoppelt. Es sind Zahlen, die erschrecken. Erneut stehen wir vor der Frage, ob unser Gesundheitssystem die Belastungen verkraften kann.

Die Bundesregierung weiß sich nicht mehr anders zu helfen, als einen rigorosen Lockdown zu verhängen, von dem alle Bereiche des öffentlichen Lebens betroffen sind. Dass ein Lockdown dieses Ausmaßes helfen kann, die Infektionszahlen kurzfristig zu senken, ist wohl unbestritten.

Doch trifft er in seiner unverhältnismäßigen Schärfe auch all jene, die sich bisher durch ausgeklügelte Hygienekonzepte profiliert haben. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Theater, in dem Maskenpflicht herrscht und lediglich jeder zweite Sitzplatz besetzt wird, zum Corona-Hotspot wird?

So steht die unbeantwortete Frage im Raum, auf welcher wissenschaftlichen Grundlage die aktuellen Entscheidungen getroffen werden. Natürlich muss das Infektionsgeschehen eingedämmt werden, eine wissenschaftliche Evidenz, die die beschlossenen Maßnahmen stützt, ist jedoch nicht gegeben.

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    In einer globalen Pandemie historischen Ausmaßes können nicht ausnahmslos alle Infektionsketten nachverfolgt werden. Dass die Gesundheitsämter jedoch nach nur wenigen Wochen steigender Infektionszahlen wieder völlig überlastet sind, dass kein flächendeckendes Testsystem etabliert und nicht verstärkt in die empirische Forschung der Infektionswege investiert wurde, müssen sich auch die politischen Verantwortlichen zuschreiben lassen.

    Das politisch so oft isolierte Taiwan hat bereits im April zwanzig Millionen Masken täglich produziert und für Centbeträge in der Bevölkerung verteilt – zu einem Zeitpunkt, als man hierzulande Schwarzmarktpreise für medizinisches Basisequipment bezahlen musste. Während Taiwan mit seiner digitalen Infrastruktur funktionierende Warnsysteme etablierte, sind viele deutsche Krankenhauslabore bis heute nicht an die Corona-Warn-App angebunden.

    Schließlich erhielt das taiwanische Gesundheitswesen von Beginn der Pandemie an Unterstützung durch das Militär, um personelle Engpässe zu verhindern – ein Schritt, den der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg trotz steigender Infektionszahlen ablehnte.

    Ein halbes Jahr Zeit, sich vorzubereiten

    Es ist diese monatelange Inkonsequenz der politischen Verantwortlichen, vorausschauende Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu treffen. Während Unternehmer durchdachte Hygienekonzepte entwickelten, stritten sich die Regierungen von Bund und Ländern auf Sondergipfeln über kaum nachzuvollziehende Restriktionen wie Übernachtungsverbote.

    Der Lockdown mutet auch deshalb so bitter an, als dass er hätte verhindert werden können. Bereits im März warnten Wissenschaftler vor ansteigenden Infektionszahlen im Herbst. Die Verantwortlichen hatten ein halbes Jahr Zeit, sich auf dieses Szenario vorzubereiten. Wenn die Gesundheitsämter heute in nur einem von vier Fällen den Infektionsverlauf nachvollziehen können, zeugt das nicht von einer nachhaltigen Strategie.

    So muss sich die Bundesregierung unter dem Vorwand vermeintlicher Alternativlosigkeit in den pauschalen Lockdown flüchten – ohne Rücksicht auf die sozialen und wirtschaftlichen Folgekosten, die bereits im März hoch waren und bei einem zweiten Lockdown kaum geringer sein werden.

    Der Virologe Christian Drosten plädierte bereits dafür, die Pandemiebekämpfung auf Cluster zu konzentrieren, in denen besonders viele Menschen zusammenkommen. So müssten die Behörden nicht jede einzelne Infektionskette nachverfolgen, sondern solche, die ein erhöhtes Potenzial zum „Superspreader-Ereignis“ haben.

    In der Forschung herrscht mittlerweile Konsens, dass lediglich zehn bis zwanzig Prozent der Infizierten für einen Großteil der Folgeinfektionen verantwortlich sind. Statt also akribisch jeden Einzelfall nachvollziehen zu müssen, wie die Kanzlerin es forderte, braucht es smarte und zielgenaue Maßnahmen, die sich auf besonders risikobehaftete Orte konzentrieren.

    Der Lockdown kann nur die Ultima Ratio der Pandemiebekämpfung sein. Zahlreiche der damit zusammenhängenden Maßnahmen sind weder evidenzgestützt, noch tragen sie den potenziellen Folgekosten Rechnung. Anders als noch im März ist das Virus keine gänzlich unbekannte Gefahr mehr.

    Die Wissenschaft erzielt Fortschritte im Kampf gegen das Virus, weltweit wird mit Hochdruck an einem Impfstoff geforscht. Die Lage ist also keinesfalls hoffnungslos – doch bis bessere Zeiten anbrechen, muss nicht nur die Pandemie bekämpft, sondern müssen auch der soziale Frieden und die wirtschaftliche Stabilität gesichert werden. Der Lockdown ist dafür die denkbar am schlechtesten geeignete Methode.

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