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05.05.2022

10:19

Kolumne: Russische Impressionen

Der 9. Mai: Je weiter entfernt vom Kriegsende, desto lauter und aggressiver

Von: Konstantin Goldenzweig

Der 9. Mai war immer etwas ganz Besonderes in Russland. Nun, 77 Jahre nach dem Kriegsende, ist aus dem Tag des Sieges über den Faschismus der Tag des neuen Krieges geworden.

Ukraine-Konflikt Klawe Rzezcy

Kolumne von Konstantin Goldenzweig

Der russische Journalist Konstantin Goldenzweig schreibt für das Handelsblatt wöchentlich die Kolumne „Russische Impressionen“.

Am 9. Mai 2000, es ist der Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland, wendet sich Wladimir Putin an die russische Bevölkerung und vor allem an seine Kriegshelden. Veteranen aus Russland, der Ukraine, Georgien – aus der ganzen ehemaligen Sowjetunion – nehmen an den Feierlichkeiten auf dem Roten Platz teil. Nach heutigen Maßstäben hören sie eine kaum vorstellbare Rede:
„Unser Volk kennt den Wert des Friedens“, sagt der neu gewählte Präsident. „Wir wissen, dass Frieden starke Wirtschaft und Wohlstand bedeutet. Wir werden dieses wichtigste Militärgeheimnis an unsere Kinder weitergeben.“

Ganze Generationen von Kindern wuchsen seitdem in Russland auf – und die meisten Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs verstarben. Sie werden nicht mehr erfahren, wie Moskauer Polizisten bei der Vorbereitung auf die Siegesparade die Wohnhäuser entlang der Route der Militärkolonnen durchsuchen und die Bewohner befragen, ob es Ukrainer unter ihren Nachbarn gibt. 77 Jahre nach dem Kriegsende ist aus dem Tag des Sieges über den Faschismus der Tag des neuen Krieges geworden.

Sowohl in Russland als auch in der Sowjetunion konnte man an den Jahrestagen des 9. Mai viel über den Zustand der Gesellschaft und deren politische Führung erfahren.

Nur zwei Jahre nach dem Weltkrieg, Ende 1947, machte Stalin den Tag des Sieges wieder zum normalen Arbeitstag. Große Feierlichkeiten schienen damals unangebracht zu sein. Zu viele der Rotarmisten sahen die Tristesse des von ihnen befreiten Europas. Eine halbe Million Kriegsversehrte fristeten ein karges Dasein, sie durften weder auf die Unterstützung des Staates noch auf ein eigenes Zuhause hoffen. Für beinahe jede sowjetische Familie galt der 9. Mai als Tag des Leids und der Erinnerung an verstorbene Väter, Söhne, Ehemänner – und nicht als Tag der nationalen Größe.

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    Sogar die Sonne wurde künstlich zum Scheinen gebracht

    Erst mit der Machtübernahme durch Breschnew in den 1960er-Jahren wurde der 9. Mai zu einem der wichtigsten Staatsfeiertage. Durch die Verherrlichung der Heldentaten seiner Generation erhielt der neue Führer zusätzliches politisches Gewicht, und der stagnierende Staat, der sich seiner ruhmreichen Vergangenheit zuwandte, versuchte, vor der Zukunft in Deckung zu gehen. Die meisten der noch heute gültigen Rituale rund um den 9. Mai haben ihre Wurzeln in dieser Epoche. Nur die Rhetorik änderte sich.

    Je weiter von 1945 entfernt, desto lauter, offizieller – und aggressiver wurde dieser Feiertag in Russland.

    Die meisten der mittlerweile hochbetagten Veteranen konnten nun weder an den Feierlichkeiten teilnehmen noch über die Schwelle ihrer maroden Wohnungen treten – Aufzüge oder Rollstuhlrampen gibt es in vielen russischen Plattenbauten nicht. Dafür bekamen sie zusätzlich zu ihrer durchschnittlichen Rente von 150 Euro einen jährlichen „festlichen“ Zuschlag von 100 Euro. Völlig zufrieden konnten sie also im Fernsehen beobachten, wie die Siegesparade zu einer luxuriösen Show moderner Militärausrüstung wurde.

    Die neuesten Panzer und Raketensysteme rollten über die Pflastersteine des Roten Platzes, die stolzesten Kunstflugstaffeln dröhnten über den Kreml. Um den Pathos weiter zu beflügeln, wurde dieser jährliche Aufmarsch des Siegervolks mit mehr als 50 Kameras aufgezeichnet. Dort, wo sie nicht eingesetzt werden konnten – beispielsweise bei den Aufnahmen aus den Flugzeugsdüsen oder aus der Panzermündung –, beauftragte das Staatfernsehen eine Hollywood-mäßige Computergrafik. Sogar die Sonne durfte an dem Tag nicht fehlen – etliche Kilometer von Moskau entfernt setzte die russische Luftwaffe Chemikalien ein, um künstliche Regenwolken zu erzeugen.

    Die Vorbereitungen für die Feierlichkeiten am 9. Mai laufen bereits. IMAGO/ITAR-TASS

    Moskau

    Die Vorbereitungen für die Feierlichkeiten am 9. Mai laufen bereits.

    2014, nach der Krimannexion und dem Krieg in der Ostukraine, wurde die neue militaristische Rhetorik auch von Schulen und sogar von Kitas übernommen. Jeder musste ja seinen Beitrag leisten. Kurz vor dem vorigen 9. Mai bastelte der fünfjährige Sohn des Autors dieser Zeilen seinen ersten Spielzeugpanzer – aus Geschirrschwämmchen, einem Strohhalm und selbstverständlich auf Anregung seiner Erzieherinnen. Der ältere Sohn, sieben Jahre alt, Teilnehmer eines Kinderchors, probte derweil ein Lied mit einer schwungvollen Melodie: „Jetzt verabschieden wir unsere Verteidiger in den Krieg.“

    Vor etwa fünf Jahren begannen russische Onlineshops, Militäruniformen aus den 1940er-Jahren, mit Ordensrepliken und in allen Größen – für Schüler oder für Kleinkinder – zu verkaufen. Ein Kind in eine Militäruniform zu kleiden war nicht mehr etwas Geschmackloses – im Gegenteil, für viele galt es von nun an als Zeichen von echtem Patriotismus.

    Es gab dabei immer mehr von solchen Zeichen. Die Fenster vieler Importwagen, einschließlich deutscher, wurden zum 9. Mai mit festlichen Stickern geschmückt, mit Slogans wie etwa: „Wir können das wiederholen!“ (gemeint war der siegesreiche Feldzug nach Westen) oder „Nach Berlin!“. In der Tat: Jeden Frühling, von 2015 an, veranstalteten die Präsident Putin nahestehenden russischen Biker von dem Motorradklub „Nachtwölfe“ eine Tour nach Berlin.

    Es war eine seltsame Mischung aus den alten Gewohnheiten der Hooliganszene, wildem Nationalismus und einem gnadenlosen Kampf gegen die „westlichen Feinde Russlands“, den die „Nachtwölfe“ vor allem auf BMWs und Harley Davidsons führten.

    Jede bürgerliche Initiative wurde vom Staat unterdrückt

    In Deutschland zuckte man bestenfalls mit den Schultern. In Russland empfanden viele Freude, ja Euphorie – in einem armen, korrupten Land gab es halt nicht so viele Anlässe, um stolz auf die Gegenwart im eigenen Staat zu sein. Diesen militaristischen Wahn teilte sicherlich ein großer Teil der Gesellschaft, die zu dem Zeitpunkt die echten Kriegsschrecken längst vergessen hatte. Doch die treibende Kraft dahinter war stets der Staat. Mehr noch: Jede bürgerliche Initiative in Bezug auf die Erinnerungskultur oder die Kriegsgeschichte fing die Regierung ab – und eignete sich diese an.

    Im Gegensatz zum Säbelrasseln des offiziellen Staates kam die Journalistin Swetlana Mironjuk 2004 auf die Idee, das sogenannte „Sankt-Georgs-Bändchen“ vor allem unter jungen Landsleuten zu verteilen. Damals geriet das schwarz-orange Bändchen als Symbol von einfachen Soldatenschicksalen aus den beiden Weltkriegen beinahe in Vergessenheit. Die Idee von Mironjuk war klar und schön: So konnten „gewöhnliche“ Russen freiwillig ihre Dankbarkeit, Verbundenheit zu den Vätern und Großvätern aussagen.

    Doch bereits wenige Jahre später mussten alle russischen Abgeordneten, Fernsehmoderatoren, Lehrer, Beamte und letztendlich die in der Ukraine kämpfenden Militärleute – also alle, die vom Staat abhängig waren – das Sankt-Georgs-Bändchen pflichtgemäß tragen. Heutzutage begegnet einem das nationalisierte Siegessymbol überall in Russland: von den Krawattenmustern bis zu Mayo-Verpackungen.

    Im Jahre 2011 organisierten Journalisten des unabhängigen Lokalsenders TV2 aus Tomsk eine bürgerliche Aktion namens „Unsterbliches Regiment“. Das war ein inoffizieller Gedenkmarsch, bei dem mehrere Tausend Kinder und Enkel Fotoporträts ihrer Familienangehörigen, die im Krieg gekämpft hatten, durch die Stadt trugen. Einige Jahre später wurde das gesamte Projekt vom Staat übernommen und finanziert. In Moskau wurde die Kolonne des „Unsterblichen Regiments“ höchstpersönlich von Wladimir Putin angeführt. Nur wenige bemerkten dabei, dass das Team der Fernsehgesellschaft „TV2“ seine Tätigkeiten nicht mehr ausüben konnte – wie die meisten nicht staatlichen Medien wurde der Sender anschließend zerstört.

    Was plant der Kremlchef für den 9. Mai? AP

    Präsident Wladimir Putin

    Was plant der Kremlchef für den 9. Mai?

    Der russische Journalist Konstantin Goldenzweig schreibt für das Handelsblatt wöchentlich die Kolumne „Russische Impressionen“. Der 39-Jährige war von 2010 bis 2020 für verschiedene russische TV-Sender Korrespondent in Deutschland. Noch vor Kurzem arbeitete er bei Doschd, dem letzten unabhängigen russischen TV-Sender, bis dieser den Betrieb einstellen musste. Im März 2022 floh er aus Moskau, um aus Georgien weiterzuarbeiten – wie viele seiner russischen Kollegen auch.

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