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07.07.2022

04:00

Kolumne: Russische Impressionen

Die Abtrünnigen: Wie die Menschen im Donbass zu Anhängern Russlands wurden

Von: Konstantin Goldenzweig

Erst kürzlich zog sich das ukrainische Militär aus Luhansk zurück. Dabei hatte Russland in den Köpfen der ostukrainischen Bevölkerung schon lange vorher gesiegt.

Viele Menschen im Donbass wünschen sich eine Vereinigung mit Russland. Reuters

Unterstützer der Separatistenbewegung

Viele Menschen im Donbass wünschen sich eine Vereinigung mit Russland.

Im prächtig ausgestatteten Büro des russischen Präsidenten im Kreml liest Verteidigungsminister Sergei Schoigu leise endlose Zahlen vor. Zerstört: 196 Panzer und Schützenpanzer, zwölf Flugzeuge und 69 Drohnen. Verluste auf der ukrainischen Seite: 2218. Wie viele Tote unter russischen Soldaten gibt es? Darüber schweigt ihr Befehlshaber wie immer.

Außerdem sind diese Kleinigkeiten für den Adressaten von Schoigus Rede nicht allzu wichtig: Dem Präsidenten Wladimir Putin ist wichtig, dass mit dem jüngsten Rückzug der Ukrainer aus der Stadt Lissitschansk ein klares Ziel erreicht ist. Nach einem langwierigen Hin und Her wurde das Territorium der sogenannten Volksrepublik Luhansk – aus russischer Sicht – vollständig „befreit“.

Für Putin gilt es nun, die Reste des noch immer von Kiew kontrollierten Donezker Gebiets zu erobern – und eine der schon vor geraumer Zeit proklamierten Aufgaben seiner „militärischen Spezialoperation“ wird erfüllt sein.

Doch der Kampf um die Gebiete im Donbass wäre ohne den langjährigen Kampf um die Köpfe der Bevölkerung fast unmöglich. Wie kam es, dass die Bewohner der Ostukraine all die Jahre der russischen Expansion lang kaum Widerstand leisteten? Warum erschien Millionen von ihnen die Idee einer „russischen Welt“ attraktiver als Kiews europäisches Bestreben?
„Unsere Organisation steht für Autonomie innerhalb der Ukraine“, erklärte der Vorsitzende der frischgebackenen „Volksbewegung von Luhansk“, Walerij Tscheker, im Jahre 1990 deren Ziele. Allerdings nur, wenn Kiew sich für den Erhalt der Sowjetunion einsetze. Ansonsten brauche es „den Übergang vom Donbass in die Gerichtsbarkeit Russlands“.

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    Sehnsucht nach proletarischem Staat

    Schon damals waren es starke politische Kräfte, die Tausende wütende Bürger auf die Straßen der mehrheitlich russischsprachigen Oblaste Luhansk und Donezk führten. Die Mehrheit der Menschen in der mit Russland auf engste Weise verflochtenen Region hielt wenig von Kiews Wunsch nach Unabhängigkeit. Unterstützt wurden die Aktivisten vom sowjetischen Geheimdienst und der Kommunistischen Partei aus Moskau.

    Als Oligarchen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Fabriken und Werke in der industriell geprägten Region aufkauften, beuteten sie diese gnadenlos aus. Die Folgen – Hyperinflation, die massive Verarmung der Bevölkerung und der rasante Anstieg der Inflation – schoben sie Kiew in die Schuhe.

    Konsequent verbreiteten sie das Narrativ, die fleißigen Menschen im Donbass ernährten den Rest der Ukraine und erlebten statt Dankbarkeit nur Schikanen. Zugleich riefen sie bei den Menschen die alte Sehnsucht nach einem wahrhaft proletarischen Staat wach.

    2004, nach dem Sieg des proeuropäischen ehemaligen ukrainischen Präsidenten Wiktor Juschtschenko, übernahm der Kreml die Aufgabe, die gesellschaftliche Spaltung im Nachbarland zu verstärken. Von da an wurde die nachvollziehbare Angst Moskaus, die Ukraine könnte die russische Einflusszone verlassen, zur Treibkraft dieser Arbeit. Moskaus Abgesandte schafften es, den Donbass zum Zentrum der ukrainischen Konterrevolution zu machen.

    Ukraine-Konflikt Klawe Rzezcy

    Konstantin Goldenzweig

    Der russische Journalist schreibt für das Handelsblatt wöchentlich die Kolumne „Russische Impressionen“.

    Es mangelte weder am Geld noch am Personal: Dutzende Abgeordnete der Regierungspartei Einiges Russland, vom Kreml finanzierte NGOs und Denkfabriken teilten mit den Ostukrainern ihre Sorgen um deren Autonomie, um das Schicksal der gefährdeten russischen Sprache sowie die „traditionellen Werte“.

    Bei einem Kongress der Elite des russischsprachigen Südostens des Landes und Gästen aus Moskau im heute weitgehend zerstörten Sewerodonezk rief der Vorsitzende des Regionalrats von Donezk, Boris Kolesnikow, unter tosendem Applaus im November 2004 dazu auf, einen „neuen südöstlichen Staat“ zu gründen. Als künftige Hauptstadt der südöstlichen Föderation sah man Charkiw vor. Die Grenzen des neuen Staates sollten sich nach Westen bis zum russischsprachigen Gebiet um die Stadt erstrecken.

    Während man in Kiew Slogans wie „Die Ukraine ist Europa“ skandierte, wuchs eine ganze Generation von Wählern in Donezk heran, die die UdSSR nicht miterlebt hatten, sich aber nach dieser sehnten. Im Donbass umfasste diese patriotische Erziehung auch populäre militärische Reenactment-Spiele, die für Hobbyhistoriker und Militärliebhaber unter der Schirmherrschaft des Luhansker Gebiets abgehalten wurden und bei denen Schlachten in der Region nachgestellt wurden.

    Mit dem Ausbruch des ersten Donbass-Konflikts waren es nicht zuletzt die gestrigen Reenactors, die sich 2014 als freiwillige Reservisten für die Partisaneneinheiten gegen die ukrainische Armee zur Verfügung stellten.

    Mehr Handelsblatt-Artikel zur Lage im Donbass

    Nur eine Minderheit derjenigen, die in den Vorkriegsjahren Mitglieder der patriotischen Vereine und Parteien waren, erhielten Führungspositionen in den durch den Kreml entstandenen Volksrepubliken Luhansk und Donezk. Entweder wurden sie von Moskaus Handlangern aus den Chefetagen vertrieben oder verloren durch die lokalen Machtkämpfe ihre Ämter – und manchmal auch ihr Leben.

    Anstelle der erträumten kleinen Version einer idealen UdSSR erhielt die Bevölkerung im Donbass zwei kriminelle Quasistaaten, die vollständig von Moskau versorgt wurden und weder Chance auf Entwicklung noch auf jegliche Verbindung zur Außenwelt hatten. Der von Putin entfesselte Krieg war nur die Auflösung der Tragödie.

    Ein Teil der Schuld für alle Vorkriegsgeschehnisse liegt natürlich bei der ukrainischen Regierung. Kleptokratie, ungeheure Korruption, eine schwache Wirtschaft und eine teilweise herablassende Haltung gegenüber dem Osten des Landes – all dies konnte den Einwohnern des Donbass kaum als Alternative für die Anbindung an Russland dienen.
    Doch die Hauptverantwortung – vor allem für sich selbst – tragen trotzdem die Menschen im Donbass. Mangels des Willens, etwas vor Ort zu verändern, wird es nun der Kreml sein, der seinen Willen durchsetzt.
    Diese fehlende Verantwortung für die eigene Zukunft bezieht sich übrigens auch auf das große Russland. Beim Anblick der Gleichgültigkeit und Apathie, mit der dessen Bürger Putins Terror begleiten, fällt einem ein bitterer Witz vom Jahresanfang ein: Es ist nicht Russland, das den Donbass besetzt – es ist der Donbass, der Russland besetzt.

    Der russische Journalist Konstantin Goldenzweig schreibt für das Handelsblatt wöchentlich die Kolumne „Russische Impressionen“. Der 39-Jährige war von 2010 bis 2020 für verschiedene russische TV-Sender Korrespondent in Deutschland. Noch vor Kurzem arbeitete er bei Doschd, dem letzten unabhängigen russischen TV-Sender, bis dieser den Betrieb einstellen musste. Im März 2022 floh er aus Moskau, um aus Georgien weiterzuarbeiten – wie viele seiner russischen Kollegen auch. Inzwischen lebt er in Berlin.

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