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21.06.2022

14:42

Ukraine-Konflikt Klawe Rzezcy

Konstantin Goldenzweig

Der russische Journalist schreibt für das Handelsblatt wöchentlich die Kolumne „Russische Impressionen“.

Kolumne: Russische Impressionen

Wut und Bereitschaft zum Töten: Warum in der Ukraine jetzt Russen gegen Russen kämpfen

Von: Konstantin Goldenzweig

PremiumUnter den Freiwilligen, die aufseiten der ukrainischen Armee in den Krieg ziehen, sind auch russische Staatsbürger. Ihre Geschichten und Motive sind vielfältig.

Ein Video von einem Schießstand irgendwo in der Ukraine, mehrere Personen trainieren an der Waffe. Nur ein grauhaariger Mann in den Fünfzigern zeigt sein Gesicht. Er nimmt seine Sonnenbrille ab. „Jetzt diene ich in der Legion ,Freiheit Russlands‘“, sagt er. „Träume werden wahr.“

Seit vielen Jahren ist der Satz „Träume werden wahr“ der offizielle Slogan von Gazprom, dem Energieriesen Russlands, der gerne auch in politischen Konflikten mit Nachbarstaaten eingesetzt wird. Der Mann im Video, Igor Wolobujew, ist der frühere Vizepräsident der Gazprombank und hat sein halbes Leben einer Karriere bei dem Gaskonzern gewidmet.

Wolobujew floh im Frühjahr über Polen von Moskau nach Kiew. Im Gespräch erzählt er mir, er habe ein tolles Leben gehabt. Jetzt fängt er wieder bei null an. Der russische Top-Manager mit Wurzeln in der ukrainischen Kleinstadt Оchtyrka bereitet sich nun als Freiwilliger auf den Kampf gegen seine eigenen Landsleute vor, gegen Putins Armee.

Andere Journalisten fragen den hochrangigen Überläufer, ob er seine eigenen Mitbürger töten würde. Wolobujew gibt eine direkte Antwort: „Jeder, der mit Waffen in die Ukraine eindringt, ist unser Feind. Mit Feinden soll man keine Diskussionen führen.“

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    Es gibt noch viele offene Fragen sowohl an ihn als auch an die Freiwilligenlegion, der sich Wolobujew anschloss. Laut den anonymen Gründern der „Freiheit Russlands“ sind es Hunderte russische Kriegsgefangene und Zivilisten, die zu dem den ukrainischen Streitkräften unterstellten Verband überliefen. Unter ihnen ist der ehemalige Banker allerdings der Einzige, der bislang offen zu Wort kam. In Kiew wird die Legion von vielen scherzhaft als „Tiktok-Truppe“ bezeichnet – viel Aufwand für PR-Arbeit mit Videos in den sozialen Netzwerken, kaum Leistung auf dem Kriegsgebiet.

    Zahlreiche Freiwillige aus westlichen Staaten haben sich der ukrainischen Armee angeschlossen. Reuters

    Kämpfer in Luhansk

    Zahlreiche Freiwillige aus westlichen Staaten haben sich der ukrainischen Armee angeschlossen.

    Auf dem offiziellen Telegram-Kanal der Legion gibt es Kontakte für Interessierte am Kampf auf der ukrainischen Seite. Wolobujew berichtet von einem schwierigen Unterfangen. Es reiche nicht, die Staatsgrenze zu überqueren. Der Antragsteller mit dem russischen Pass müsse dem ukrainischen Militär glaubhaft erscheinen. Bewerber würden mit Lügendetektoren überprüft und anschließend von Spezialdiensten und Psychologen betreut. Erst wenn jegliche Zweifel ausgeräumt sind, dürfe ein kleiner Teil der Freiwilligen in den Einsatz.

    Doch bisher wurden russische Legionäre – im Gegensatz zu Freiwilligen aus Weißrussland, Georgien, der EU oder den USA – bei keinen Kampfhandlungen gesehen.

    Eine mit dem Projekt verbundene Quelle erzählt mir, dass die Legion an sich nur die Fassade einer anderen Bewegung sei. Deren eigentliche Mission bestehe darin, die mit Putins Militäroperation nicht einverstandenen Russen zu vereinen. Statt sie aber zur ukrainischen Armee zu schicken, gehe es um eine Art Guerillakampf gegen das Regime aus Russland heraus, ausgetragen als Heimspiel. Von Protest- oder Sabotageaktionen innerhalb Russlands ist bis heute nichts zu hören. Russen, die gegen Russen in der Ukraine kämpfen, sind hingegen längst Realität.

    Diese Menschen vereint, dass sie zu Kriegsbeginn bereits seit Langem in der Ukraine lebten und sie als ihre zweite Heimat betrachteten. Zu denjenigen, die im Februar zu den Waffen griffen, zählt etwa Ilja Nowikow, einer der besten russischen Anwälte, der als Verteidiger etlicher Oppositioneller und Andersdenkender vor Gericht bekannt wurde. Fernsehzuschauer kannten ihn als mehrfachen Sieger einer beliebten russischen Quizshow. Nun gilt Nowikow als Staatsfeind.

    Freiwillige Kämpferin vor Gericht

    Eine andere Freiwillige ist Anastassia Leonowa, die einst Finanzwesen in Moskau studierte und kurz nach Wladimir Putins Rückkehr als Präsident 2012 das Land verließ. Im ersten Donbass-Krieg ließ sie sich zur Rettungssanitäterin umschulen. Schon bald verschlug es sie in die Reihen des damals eindeutig nationalistischen Freiwilligenbataillons Asow, das seit 2014 gegen prorussische Separatisten im Osten des Landes kämpft, und somit auch in die Nähe von Aktivisten der rechtsextremen ukrainischen Vereinigung „Prawyj Sektor“.

    Wie viele ihrer Mitbürger konnte die an der Frontlinie kämpfende Russin nie das volle Vertrauen des ukrainischen Staates genießen. Wegen ihrer früheren Bekanntschaften beim „Prawyj Sektor“ verdächtigte man sie der Beteiligung an einer terroristische Gruppe, noch immer läuft gegen sie ein Strafverfahren.

    Das Freiwilligen-Bataillon steht wegen rechtsextremer Tendenzen besonders in der Vergangenheit in der Kritik – und gilt der russischen Propaganda als Beweis für eine angebliche nationalsozialistische Gesinnung vieler Ukrainer. AP

    Mitglieder des Asow-Regiments

    Das Freiwilligen-Bataillon steht wegen rechtsextremer Tendenzen besonders in der Vergangenheit in der Kritik – und gilt der russischen Propaganda als Beweis für eine angebliche nationalsozialistische Gesinnung vieler Ukrainer.

    Doch mit dem Ausbruch eines neuen, diesmal beispiellosen Krieges wurden bisherige Streitigkeiten um ihre Person zunichtegemacht. All diese Monate rettet die bewaffnete Notfallsanitäterin Leonowa wieder verwundete ukrainische Soldaten auf dem Schlachtfeld.

    Der verbrecherische Überfall auf das Nachbarland findet keine Rechtfertigung – und das selbst nicht bei jenen Zeugen der Putin-Ära, die alle früheren Militärkampagnen des Kremlchefs gelassen begleiteten. Für den russischen Journalisten Sergej Loiko, der viele Jahre lang – vom Georgienkrieg 2008 bis zum Donbass-Konflikt 2015 – mit der „Los Angeles Times“ zusammenarbeitete, ist dies der erste Konflikt, an dem er nicht als Kriegsreporter, sondern als Soldat teilnimmt.

    Loiko leidet an Krebs in fortgeschrittenem Stadium und hat deshalb, wie er im Interview mit der Zeitschrift „Rolling Stone“ erklärte, nichts zu verlieren. Auf einem Video auf seiner Facebook-Seite steht er mit einer Kalaschnikow im Schützengraben und spricht von diesem Krieg als sein persönliches Armageddon, eine beinahe biblische Geschichte, in der Gut und Böse leichter denn je zu unterscheiden seien.

    Mehr Handelsblatt-Artikel zum Krieg in der Ukraine

    Der 69-Jährige gibt zu, dass er häufig Furcht vor dem Tod – sowie vor sich selbst – empfindet: Mit einer Kamera an der Frontlinie treibe einen zumindest das berufliche Bedürfnis an, sich zu retten – um nach Hause zu fliegen und das Material der Redaktion zu übergeben. Jetzt verschwinde dieser Instinkt zur Selbsterhaltung. Stattdessen kochten Wut und Bereitschaft zum Töten auf.

    Manche der russischen Freiwilligen sind dennoch selbst jetzt, vier Monate nach dem Kriegsausbruch, außerhalb ihrer Einheiten oft dem zwangsläufigen Argwohn oder gar Feindlichkeit seitens der Ukrainer ausgesetzt. Rekruten mit russischen Pässen und ukrainischen Waffen? Wurden sie etwa vom Gegner hierhergeschickt, um uns auszuspähen? In einem Staat, der von gerechtem Zorn aufs Nachbarland erfüllt ist, müssen diese Russen tagtäglich durch Taten beweisen, dass sie auf der Seite der Ukrainer stehen.

    Gibt es viele dieser Russen? Nein. Andernfalls wären sie längst als ein separates Freiwilligenregiment in die ukrainischen Streitkräfte eingegliedert. So wie zum Beispiel das Kastus-Kalinouski-Regiment, ein Verband mit Hunderten weißrussischen Oppositionellen, die zwischen 2020 und 2021 vor der Verfolgung durch das Regime Alexander Lukaschenkos in die Ukraine flohen.

    Die Lügen können ihm nichts anhaben

    Sind diese Russen in der Lage, den Kriegsausgang zu beeinflussen? Eher nicht.

    Die Freiwilligen können aber ihr Gewissen an der Frontlinie erleichtern. Der ehemalige Gazprombank-Vizepräsident Wolobujew sagt mir, er wolle Sühne für seine langjährige, obgleich indirekte Beteiligung am russischen Regime leisten. Er bekomme dieser Tage unterstützende Worte von vielen Bekannten aus Moskau, fügt er hinzu – egal, durch welchen Dreck ihn das Staatsfernsehen ziehe.

    Diese Diffamierung ist ihm egal. Seine ehemaligen Mitbürger wird Wolobujew wohl sowieso nie wieder sehen.

    Der russische Journalist Konstantin Goldenzweig schreibt für das Handelsblatt wöchentlich die Kolumne „Russische Impressionen“. Der 39-Jährige war von 2010 bis 2020 für verschiedene russische TV-Sender Korrespondent in Deutschland. Noch vor Kurzem arbeitete er bei Doschd, dem letzten unabhängigen russischen TV-Sender, bis dieser den Betrieb einstellen musste. Im März 2022 floh er aus Moskau, um aus Georgien weiterzuarbeiten – wie viele seiner russischen Kollegen auch.

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