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09.11.2018

11:10 Uhr

Richard David Precht, 53, lehrt Philosophie und schreibt Bücher. In seiner Kolumne „Das letzte Wort“ im Handelsblatt Magazin, aus dem der nachfolgende Text stammt, widmet er sich aktuellen gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Themen. Michael Englert für Handelsblatt Magazin

Der Autor

Richard David Precht, 53, lehrt Philosophie und schreibt Bücher. In seiner Kolumne „Das letzte Wort“ im Handelsblatt Magazin, aus dem der nachfolgende Text stammt, widmet er sich aktuellen gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Themen.

Kolumne von Richard David Precht

Wie das Neue in die Welt kommt

VonRichard David Precht
Quelle:Handelsblatt Magazin

Charles Darwins Evolutionstheorie war vor allem eine Transferleistung. Das Beispiel zeigt, dass es in der Welt des Geistes nur bedingt aufs Neue ankommt.

Wie oft hört man das – da behauptet einer was, entwirft eine Theorie oder ein Theorem, und schon kommt einer, der sagt: Das ist ja nicht neu! Doch was in der Welt des Geistes ist schon völlig neu?

Immer mehr Menschen auf der Erde machen sich seit einigen Tausend Jahren immer differenziertere Gedanken über sich und ihre Umwelt. Wie soll es da noch etwas völlig Neues geben? Wenn ein Gedanke oder eine Philosophie heute absolut neu sind, dann darf man getrost davon ausgehen, dass es sich um Quatsch handelt.

Das Schöne ist, dass es in der Welt des Geistes auf das völlig Neue auch nicht ankommt und noch nie ankam. Ein Beleg? Nehmen wir nur einen der einflussreichsten Theoriedesigner der letzten zweihundert Jahre: Charles Darwin.

Völlig Neues? Fehlanzeige! Klar, es gibt eine unter Populärwissenschaftlern und Biologielehrern berühmte Erzählung. Sie berichtet davon, wie der junge Darwin, der sich zur Unterhaltung des Kapitäns Robert FitzRoy an Bord des Forschungsschiffs HMS Beagle befand, auf den Galapagosinseln Finken mit höchst eigenwilligen Schnäbeln studierte, um durch präzise Beobachtung zu dem Schluss zu kommen, dass die Arten in der Natur veränderlich seien.

Allein, diese Erzählung ist eine Sage. Zwar fiel Darwin auf, dass die Vögel der Galapagosinseln unterschiedliche Schnäbel hatten – aber so kam er nicht auf eine neue Theorie der Evolution. Woher sollte der junge Engländer denn wissen, dass das alles Finken waren?

Der Hobby-Ornithologe kannte zwar viele englische Vögel, aber doch nicht die der unerforschten Inseln in Südamerika! Und so sah Darwin auch nicht, dass sie von gemeinsamen Vorfahren abstammten, die sich durch die Isolation der Inseln unterschiedlich spezialisiert und damit verändert hatten.

Um das zu erkennen, brauchte er nach seiner Rückkehr nach London den Ornithologen John Gould – und zu diesem Zeitpunkt stand sein neuer Gedanke von der Veränderlichkeit der Arten in Anpassung an die Umwelt schon fest.

Doch wodurch? Durch die Lektüre ökonomischer Literatur! Allen voran einer populären Darstellung von Adam Smith. Der Moralphilosoph hatte das Funktionieren der Wirtschaftskreisläufe damit erklärt, dass jedes Individuum nach seinem persönlichen Vorteil strebt. Der daraus entstehende kapitalistische Wettbewerb um Marktvorteile wirke zwar auf den ersten Blick ungeordnet und rücksichtslos, führe aber zu einer blühenden Ökonomie.

Weil die starken und cleveren Marktteilnehmer sich durchsetzen, die schwachen verdrängt und ausgemerzt werden, steigt die Produktivität. Die steigende Produktivität wiederum ermögliche den Wohlstand der Nationen.

Und bei dem Pfarrer und Ökonomen Robert Malthus lernt Darwin, dass es in der Natur nicht anders zugeht als in der kapitalistischen Ökonomie. Ein Wettkampf aller gegen alle, der struggle for life, führt letztlich zur blühenden Biodiversität und zu stabilen Ökosystemen. Die Starken überleben, die Schwachen sterben aus.

Tja, und was ist Darwins Leistung? Nicht die Erfindung von etwas Neuem, sondern die Übertragung eines Gedankens aus der Ökonomie auf die Natur. Was Smith die „unsichtbare Hand“ des Marktes ist, ist Darwin die „unsichtbare Hand“ der Natur.

Die Veränderung geschieht durch den Wettbewerb, die „natürliche Selektion“, wodurch die am besten Angepassten den größten Vorteil haben. Und die Umwelt ist mindestens so fragil, wie es die Märkte sind. Neue Umwelten schaffen neue Herausforderungen, so, wie neue Märkte es tun. Nur die, die sich rasch genug verändern, halten Schritt – in der Natur wie in der Wirtschaft.

Tja, und seitdem glauben die Ökonomen, der Kapitalismus sei ein Gesetz der Natur. Mit Ausnahme übrigens eines gewissen Karl Marx. Über dessen „Neues“ reden wir beim nächsten Mal...

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°7/2018. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 9. November 2018 am Kiosk erwerben.

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