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18.07.2019

19:00

Prüfers Kolumne

Abwesenheitsmails sind die neuen Anrufbeantworter

Von: Tillmann Prüfer

Wer in den Urlaub fährt, hinterlässt vorher eine automatische Abwesenheitsnachricht im E-Mailpostfach. Das erinnert an Anrufbeantworter von früher.

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Ich war im Urlaub, deswegen musste ich eine Abwesenheitsnotiz schreiben. Die Abwesenheitsnotiz ist heute ein bisschen, wie ein Anrufbeantworter früher war. Als man noch Festnetzanschlüsse hatte. Wenn der Anrufbeantworter dranging und der Satz „Bitte sprechen Sie nach dem Signalton“ ertönte, war das für den Anrufer sofort ein Downer.

Es war dann klar, dass man mit seinem Anliegen nicht durchkommen würde. Dass man warten musste, bis der Angerufene seinen schwarzen Kasten abgehört haben würde. Und dann vielleicht zurückrufen würde. Oder auch nicht. Es war deswegen auch ganz egal, was derjenige sonst noch als Bandansage aufgesprochen hatte, es lief ja alles auf dasselbe hinaus.

Die Anrufbeantworteransage bedeutete: „Ich bin nicht da für dich.“ Ich habe stets versucht, besonders nette Anrufbeantworteransagen zu formulieren. Ich sagte zum Beispiel „Piep“ statt „Signalton“. Es gab sogar CDs mit lustigen Anrufbeantworteransagen, etwa mit der Synchronstimme von Bart Simpson, damit der Abgewiesene nicht traurig wäre, sondern herzlich lachen würde. Das funktionierte natürlich nie.

Heute ist die Abwesenheitsnotiz an die Stelle des Anrufbeantworters getreten. Man schreibt eine Mail, die Antwort kommt eine Sekunde später, und man weiß, dass ein Roboter geschrieben hat. Also gibt es wieder eine ganze Disziplin mit freundlichen oder besser noch lustigen Absagen.

Wie der Signalton-Satz

Auf einer Webplattform für Start-ups habe ich etwa diese Abwesenheitsmail gefunden: „Sehr geehrte Damen und Herren, ich befinde mich im Urlaub. Für alle Absender, die in einem Start-up, einer Investmentbank oder einer Unternehmensberatung arbeiten: Urlaub, der, Substantiv, maskulin. In Unternehmen, Behörden oder beim Militär nach Arbeitstagen gezählte dienst- beziehungsweise arbeitsfreie Zeit, die jemand zum Zwecke der Erholung erhält.“

Ich habe nun gelesen, dass man so genau nicht seine Abwesenheitsnotiz formulieren sollte. Der Empfänger könnte sich dadurch nämlich verulkt fühlen. Was mir aufgefallen ist: In keiner Abwesenheitsnotiz fehlt der Satz „Ihre E-Mail wird nicht weitergeleitet“. Das ist ein Satz, ganz ähnlich dem Signalton-Satz beim Anrufbeantworter: Er kommt nur in Abwesenheitsnotizen vor. Wer leitet denn bitte eine E-Mail weiter?

Etwa an ein Postfach am Urlaubsort? Weil man die beruflichen Mails nur am Computer im Büro empfangen kann? Wohl kaum. Schließlich weiß jeder, dass man heute alle E-Mails auf dem Smartphone liest. Und deswegen jede berufliche Mail ihren Empfänger an jeden Ort der Welt verfolgt und damit sicher auch im Urlaub gelesen wird.

Es ist lustig, wie in solchen Formulierungen ein Bild der Elektropost-Technik der 90er-Jahre bemüht wird, nur um zu entschuldigen, dass man Urlaub hat und deswegen eben keine Mails bearbeiten will. Mein Urlaubsort war übrigens auf 2 100 Metern in den französischen Alpen, und ich hatte eine Woche keinen Mobilfunkempfang. Als ich mich danach wieder meldete, war mein Postfach trotz Abwesenheitsnotiz voll von besorgten Fragen nach meinem Wohlergehen. Einige hatten befürchtet, mir wäre in den Bergen etwas zugestoßen. Dabei habe ich nur etwas echten Urlaub gemacht.

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