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07.03.2019

15:45

Prüfers Kolumne

Clusterfuck – Wenn Illusionen auf Inkompetenz treffen

Von: Tillmann Prüfer

Projekte, die vorhersehbar komplett daneben gehen, nennt man im Management „Clusterfuck“. Verursacher sind bisher nur Männer – wie lange noch?

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Ich soll eine Kolumne über weibliche Führungskräfte schreiben, dabei hätte ich gerne über Clusterfucks geschrieben. Ich habe nämlich erst neulich gelernt, was ein Clusterfuck ist: Ein Clusterfuck im Management ist, wenn ein Projekt so sehr danebengeht, wie ein Projekt eben nur danebengehen kann und es jeder hat kommen sehen – außer eben die Chefs.

Stanford-Professor Bob Sutton hat dafür eine eigene Definition entwickelt, die er dem Onlinemagazin „Quartz“ mitteilte: Clusterfucks sind „Debakel und Katastrophen, die durch ein tödliches Gebräu aus Illusionen, Ungeduld und Inkompetenz verursacht wurden, das zu viele Entscheidungsträger betrifft, insbesondere diejenigen in mächtigen, selbstbewussten und angesehenen Gruppen.“

Der Begriff kommt eigentlich aus dem Militärischen. Er bezeichnet dort misslungene Operationen, bei denen zu viele Schulterklappenträger mit zu wenig Ahnung von der Situation vor Ort eine Katastrophe verursachen. „Cluster“ kommt von dem militärischen Eichenblatt-Ehrenabzeichen „Oakleak Leaf Cluster“.

Damit ist der Clusterfuck streng zu unterscheiden von all den anderen „Fucks“ in der Managementsprache. Er ist etwas anderes als der gewöhnliche „Fuck-up“. Ein Fuck-up ist einfach ein Missgeschick, ein kurzzeitiges Versagen, etwas, das jedem jederzeit passieren kann.

Ein Clusterfuck ist auch kein „Snafu“. Snafu hat sich in der Business-Sprache für „Situation normal, all fucked up“ etabliert. Das bedeutet, dass es keine besonderen Vorkommnisse, außer, dass alles eine einzige Katastrophe ist. Man könnte genauso aber noch lange weitermachen. Schlimmer ist, wenn der Laden irreparabel kaputt ist. Also „Fubar“: „Fucked up beyond all repair.“

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Ein Clusterfuck braucht immer die große Geste, die maßlose Selbstüberschätzung und komplette Blindheit von Führungskräften. Man muss sich der Illusion hingeben, etwas wäre viel einfacher zu erreichen, als es wirklich ist.

Man muss sich gegen die Einwände fachkundiger Bedenkenträger durchsetzen und das Projekt rücksichtslos voranpeitschen. Und dann muss man bis zum letztmöglichen Zeitpunkt deutliche Alarmzeichen ignorieren, um alles in einer Katastrophe münden zu lassen.

Clusterfucks beginnen nämlich nicht mit Unachtsamkeiten, sondern Visionen. Sie brauchen jemanden, der das ganz, ganz große Bild sieht. Und jeder, der daran seine Zweifel äußert, ist einer, der das ganz große Bild eben nicht sieht. Jemand, der nicht an Großes glauben kann. Einer, der nicht in Möglichkeiten, sondern in Schwierigkeiten denkt. Wer will schon so jemand sein?

Ein historischer Clusterfuck war die von Jürgen Schrempp betriebene Fusion von Daimler und Chrysler. Ein anderer großer Clusterfuck war die gescheiterte Übernahme von VW durch Porsche, die Wendelin Wiedeking vorhatte.

Ich glaube die Männerquote bei den Clusterfuck-Verursachern ist bislang etwa 100 Prozent. Es könnte sein, dass sich das ändert, wenn es mehr weibliche Top-Führungskräfte gibt. Ich will hier nicht behaupten, dass es keine gescheiterten irrwitzigen Wirtschaftsunternehmen geben würde, wären mehrheitlich Frauen an den Konzernspitzen. Ich glaube aber ganz fest, dass Frauen ein hübscheres Wort dafür gefunden hätten.

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