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21.02.2019

14:23

Prüfers Kolumne

Crowdfunding – Weil es so ein gutes Gefühl ist

Von: Tillmann Prüfer

Der gute Wille zählt: Selbst wenn der Zweck zweifelhaft ist, Gruppenfinanzierung besitzt viel Potenzial. Womöglich sogar für Trumps Grenzmauer.

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Crowdfunding ist offenbar die neue Art, Geld aufzutreiben. Man muss nur den guten Zweck erklären, für den man sammelt, schon können Spender weltweit einzahlen. In den USA ist das Crowdfunding-Unternehmen GoFundMe schon zum Ersatz für das marode Gesundheitssystem geworden. Wie der CEO Rob Solomon nun erklärte, ist ein Drittel der Spendenkampagnen dort für teure medizinische Behandlungen.

Das bedeutet, dass schlechte Politik auf der einen Seite nur mit guten Menschen auf der anderen Seite korrigiert werden muss. Solange man im Internet genügend Leute finden kann, die bereit sind, einem Mitmenschen in Not zu helfen, muss man eigentlich nicht viel machen, um die Gesundheitsfürsorge tatsächlich zu verbessern.

Als Betroffener muss man allerdings lernen, seine eigene Krankheitsgeschichte so darzustellen, dass sie die Menschen emotional berührt. Wer sich ein Leben lang ungesund ernährt hat und nun eine Herzoperation braucht, sollte das besser als einen Schicksalsschlag darstellen. Noch besser ist es, wenn Freunde für einen sammeln.

Man sollte sich nicht selbst für sich einsetzen, das kann eigennützig wirken. Wenn andere für einen kämpfen, zeigt das, dass man ein guter Mensch ist. Um Freunde auf GoFundMe zu bekommen, sollte man am besten schon vorher welche haben.

Es kommt natürlich auch immer wieder vor, dass beim Crowdfunding brutal betrogen wird. Zuletzt ist ein Pärchen negativ aufgefallen, das die schöne Geschichte eines Obdachlosen präsentiert hatte, der ihnen angeblich sein letztes Geld gegeben hatte, als sie in einer Notlage gewesen seien.

Gofundme: Tue Gutes – und rede bei Facebook darüber

Gofundme

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Am Internationalen Tag des Ehrenamtes startet die Online-Spendenplattform Gofundme in Deutschland. Internetnutzer können über die US-Plattform Geld sammeln – für sich oder für andere.

Nun sollte die Crowd ihm seine Güte vergolden. Das tat sie auch. Leider gab es Streit um die erreichten 400.000 Dollar, und so flog der Schwindel auf. Entsprechend wütend waren die Reaktionen auf die Betrüger, hatten sie doch den guten Willen von Tausenden Spendern missbraucht.

Ich finde, da sollte die Crowd nicht so nachtragend sein. Schließlich hatten die Spender ja trotzdem etwas davon gehabt. Nämlich das gute Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, zu den Guten zu gehören. Für ein paar Euro ist das wirklich nicht viel verlangt: das Gefühl zu erhalten, einer von denen zu sein, die Menschen helfen, denen das Schicksal böse mitgespielt hat.

Der Betrug machte das eher noch besser. Denn nun bekamen Spender gratis die Gewissheit hinzu, selbst ein Opfer zu sein, dem man böse mitgespielt hat. Mehr kann man für ein paar Dollar kaum erwarten.

Ich finde, dass das Konzept des Crowdfundings noch lange nicht ausgeschöpft ist. Es könnte zum Beispiel hervorragend geeignet sein, um öffentliche Kassen zu füllen. Man könnte beispielsweise für das kommunale Schwimmbad sammeln. Politiker könnten sich ganz anders profilieren, wenn sie nicht in unangenehmer Weise immer wieder Budgets kürzten, sondern jedes Frühjahr Spenden sammeln würden, damit das Bad doch wieder öffnet.

In den USA gab es im Dezember schon eine GoFundMe-Kampagne für Donald Trumps Mauer; es kamen etliche Millionen zusammen. Das wäre schon ein Anfang, damit hätte Trump vielleicht erst einmal eine ganz kleine Mauer bauen können.

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