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19.09.2019

15:41

Prüfers Kolumne

Das Hierarchie-Problem: Braucht man Führungskräfte überhaupt?

Von: Tillmann Prüfer

Es ist zu bezweifeln, dass Unternehmen Führungskräfte benötigen. Am Ende muss doch eh alles der Chef entscheiden.

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Die Wirtschaft hat ein Problem mit Hierarchien, musste ich erfahren. Wann immer irgendwo Sparmaßnahmen angedacht sind, heißt es, nun wolle man flache Hierarchien einführen. Oder: Man möchte weniger „Häuptlinge“, dafür mehr „Indianer“ haben. Interessanterweise ist das eine Wortwahl, die ausschließlich von Oberhäuptlingen getroffen wird.

Solche Formulierungen legen nahe, dass Führungskräfte etwas sind, das man eigentlich gar nicht braucht. Es sind offenbar Leute, die in Mitarbeitergesprächen so lange genörgelt haben, bis man ihnen irgendwelche höheren Weihen verpasst hat, damit sie sich mehr aufspielen können und weniger arbeiten müssen.

Während doch all die netten Indianer einfach nur ihren Job machen wollen und niemanden brauchen, der ihnen dauernd sagt, was zu tun ist. Ich fürchte aber, die allermeisten Häuptlinge sind einmal eingestellt worden, weil man meinte, dass man eine Gruppe von Mitarbeiter effektiv führen müsse – nicht, weil man diese Mitarbeiter nur ärgern wollte.

Gleichzeitig hört man in Führungskräfteseminaren stets, wie wichtig gute Führung sei. Dass sie eigentlich eine unterschätzte Kunst sei. Möglicherweise ist es so, dass Führungskräfteseminare einfach nur dazu da sind, Mythen über Führungskräfte zu verbreiten und zu betonen, wie wichtig sie sind.

Weil ohne die entsprechenden Führungskräfte die Führungskräfteseminarleiter ja leider nichts zu tun hätten. Vielleicht wussten Führungskräfte ohne Seminare bislang einfach nicht, wozu sie gut sind.

Die Alternative zur geführten Abteilung scheint das Team zu sein. Meiner Erfahrung nach gibt es in jedem Team immer zwei Mitarbeiter, die keine Lust haben, einen, der keine Ahnung hat, was er in diesem Team soll, zwei, die betonen, dass sie echt auch viele andere Sachen zu tun haben, und zwei Leute, die um die Führung streiten.

Ich habe einen Text des Organisationswissenschaftlers Stefan Kühl in der „Süddeutschen Zeitung“ gelesen, der sagt, dass in kritischen Situationen ein Team oft versage, weil es den Mitarbeitern nicht gelinge, einen Konsens zu finden. Denn nur weil es keine Hierarchien mehr gebe, bedeute dies noch lange nicht, dass es auch keine Machtkämpfe mehr gebe.

Während die Macht in der Hierarchie geordnet sei, müsse sie im Team stets neu ausgehandelt werden. Bei wichtigen Entscheidungen kommen gleichberechtigte Angestellte im Team deswegen zu keinem Schluss, weil klein beigeben bedeuten würde, den jeweils anderen als mächtiger anzuerkennen.

Deswegen würden häufig derlei Entscheidungen an die nächste Hierarchieebene weitergegeben. Dort aber warte nur ein weiteres Führungsteam, das im Zweifelsfall noch weniger kompetent ist, mit den Problemen umzugehen – und sich wiederum streitet.

Am Ende muss wohl alles der Chef entscheiden, weil alle anderen der Meinung sind, es nur mit inkompetenten Idioten zu tun zu haben – eine Bezeichnung, die früher einmal für den jeweiligen Vorgesetzten reserviert war.

Denn wenn man reguläre Vorgesetzte hat, gibt es wenigstens jemanden, der dafür bezahlt wird, dass ihn alle für unfähig und überfordert halten dürfen, während sie zueinander nett sein und Indianer spielen dürfen.

Mehr: Die Castingshow „Bachelorette“ zeigt, wie man als Mann gemocht wird: Man muss kein Aufsteiger und Überperformer sein. Bachelorettes mögen es gerne konventionell.

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