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23.07.2022

11:00

Prüfers Kolumne

Das Neun-Euro-Ticket lehrt uns: Wir haben viel mehr Zeit, als wir denken

Es ist gar nicht so wichtig, dass wir immer pünktlich ankommen, denn niemand wartet auf uns. Und das alles verdanken wir dem großartigen Nahverkehr.

Handelsblatt: Prüfers Kolumne

Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „Zeit-Magazins“.

Hamburg Das Neun-Euro-Ticket soll ein voller Erfolg sein. Jetzt fordert der Verband der Verkehrsunternehmen als Nachfolgeoption ein 69-Euro-Ticket. Gleichzeitig warnen Politiker wie Verkehrsbetriebe, dass es einen modernen, funktionierenden Nahverkehr nicht zum Nulltarif geben kann.

Das ist ein seltsames Argument. Denn zum einen wäre ein Nulltarif ja ein Null-Euro-Ticket. Und zum anderen kann ja niemand von einem modernen, funktionierenden Nahverkehr sprechen. Gerne tun die Verantwortlichen aber so, als gäbe es in Deutschland ein großartiges Netz, in dem wir die Uhr danach stellen können, wann die Züge ankommen.

Dabei ist es doch so, dass die meisten Menschen sich freuen, wenn sie ausnahmsweise mal einen Anschlusszug erreichen. Angeblich gibt es ja in Japan Rücktrittsforderungen, wenn der Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen mal einige Minuten zu spät kommt.

Ich habe in den vergangenen Wochen aber eher Bahnsteig-Ansagen gehört wie: „Wegen Krankenstand fällt der Zug leider aus.“ Was würde in Japan dann wohl passieren? Würde der betreffende Bahnhof von der Luftwaffe bombardiert, um den Schandfleck aus dem nationalen Gedächtnis zu tilgen? Ich habe gelesen, dass von Mai bis Juni in Deutschland 10.000 Züge ausgefallen sind. Wahrscheinlich würde Japan unter diesen Umständen vom Meer verschluckt.

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    Deutschland braucht gar keinen funktionierenden Personenverkehr

    Nun haben sich viele Deutsche in den vergangenen Monaten oft in Zügen aufgehalten, die kaum gefahren sind, und fanden das offenbar okay. Oder auch nicht okay, denn ständig haben sie gemeckert. Die Leute twitterten ihre Verspätungszeiten und waren entrüstet. Menschen zeigten sich betroffen, dass manche Züge so voll waren, dass Fahrgäste ihre brav reservierten Sitzplätze nicht erreichen konnten. In etlichen Zügen blieb die Bar zu.

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    Ich habe für das Gemecker wenig Verständnis. Wenn Flugzeuge auf sich warten lassen, warten Fluggäste brav am Boden, müssen häufig sogar buchstäblich auf dem Boden hocken, weil die Gates immer zu wenig Sitzplätze haben. Im Flugzeug muss ich viel Geld für eine warme Dose Bier ausgeben.

    In der Bahn kann ich zwischen drei Sorten Bier wählen und es ist immer kühl. Ich kann im Zug auf den Gängen lungern, da käme im Flugzeug sofort jemand, der mich auf Sicherheitsvorschriften aufmerksam macht. Im Zug kann ich mir ein warmes Gericht in der Mikrowelle aufheizen lassen, im Flieger gibt es höchstens ein weiches Brötchen.

    Vor allem aber haben wir lernen können: Es ist gar nicht so wichtig, dass wir immer pünktlich ankommen. Niemand wartet auf uns. Wenn wir irgendwann im Laufe des Tages eintreffen, ist das auch okay.

    Notfalls reise ich eben einen Tag früher an und übernachte im Intercity Hotel. Das ist auch etwas Schönes. Deutschland braucht gar keinen funktionierenden Personenverkehr und wir alle haben viel mehr Zeit, als wir denken. Was für eine schöne Einsicht. Und sie hat nur neun Euro gekostet.

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