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29.06.2019

16:30

Prüfers Kolumne

Der Mensch hat ein Gewissen – und trotzdem gibt es Wirtschaftsverbrechen

Von: Tillmann Prüfer

Geldbörsen werden offenbar noch zurückgegeben und ehrliches Handeln lohnt sich. Das gilt aber nicht unbedingt für Manager mit hohen Gehältern.

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Ich habe von einem Experiment gelesen, in dem ermittelt wurde, wie es mit der Ehrlichkeit von Brieftaschenfindern bestellt ist. Im Auftrag der Uni Zürich wurden 17.000 vermeintlich gefundene Brieftaschen europaweit an Hotelrezeptionen, Kinokassen und ähnlichen Empfängen abgegeben.

In allen war eine Visitenkarte enthalten, die einen Hinweis gab, an welchen scheinbaren Besitzer diese Börse zurückgeschickt werden sollte. Zur Überraschung der Forscher wurden vor allem jene Brieftaschen zurückgeschickt, die höhere Geldbeträge enthielten: Bei 51 Prozent der Börsen, die etwa zwölf Euro enthielten, wurden die vermeintlichen Besitzer kontaktiert, bei Börsen die kein Geld enthielten, geschah dies nur bei 40 Prozent.

Portemonnaies die 80 Euro enthielten, verzeichneten sogar zu 71 Prozent Rückführungsversuche. Die Forscher erklären dies damit, dass Menschen sich bei der Einbehaltung großer Geldbeträge als Diebe fühlen. Das Selbstbild leide stärker, als der Nutzen durch den Geldbetrag ist.

Das fand ich einigermaßen überraschend, es bedeutet ja, dass der normale Mensch nicht etwa bereit ist, seinen Mitmenschen zu übervorteilen, wenn es um hohe Beträge geht, sondern eher, wenn es um geringes Geld geht. Der Mensch hat also tatsächlich ein Gewissen.

Ich hatte selbst einmal erlebt, wie eine alte Frau, die ihrem Äußeren nach offenbar eine Roma war, in einer U-Bahn einem jungen Mann hinterherging, auf seine Schulter klopfte und ihm seine Geldbörse gab, die er gerade auf seinem Sitz hatte liegen lassen.

Er war erst erschrocken, denn er hatte wohl befürchtet, die alte Dame wolle ihn anbetteln. Für die Frau wäre es allemal lukrativer gewesen, die Börse selbst zu nehmen, aber offenbar ist Freude durch ehrliches Handeln lohnender.

Nach dieser Logik sollten Wirtschaftsverbrechen eigentlich gar nicht geschehen können. Schließlich geht es dabei um ziemlich große Beträge. Manager müssten umso zufriedener sein, je höher die Beträge sind, die sie nach bestem Gewissen verwalten. Und es müsste ihnen unerträglich erscheinen, eine große Lüge aufzutischen, nur weil es um viel Geld geht.

Aber offenbar ist dem nicht so. Im vergangenen Jahr hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY (früher Ernst & Young) eine Studie veröffentlicht, wonach ein Viertel der Befragten deutschen Manager ausgesagt hat, sie seien zu unethischem Verhalten im Job bereit, wenn es der eigenen Karriere dienen würde.

Eine Frage der Ethik

Ein Problem ist vielleicht, dass Topmanager den Unterschied zwischen kleinem Geld und großem Geld nicht mehr so parat haben. Wer selbst sechs Millionen Euro verdient, der kann wahrscheinlich schlecht abschätzen, ob der Geldbetrag, den er gerade verschiebt, groß oder klein ist. Eine Lösung wäre es möglicherweise, die Managergehälter auf ein Maß zu senken, welches die ethischen Maßstäbe wieder zurechtrückt.

Vielleicht würde die Ethik aber auch greifen, wenn man die entsprechenden Beträge, mit denen die Firmenlenker umgehen, nur entsprechend erhöht. Man müsste das wissenschaftlich erforschen. Vielleicht sollte man testweise Brieftaschen mit je etwa sechs Milliarden Euro an den Empfängen deutscher Banken abgeben.

Mehr: Angeblich kommen nicht so schöne Menschen wie Philipp Amthor leichter nach oben als attraktive. So einfach ist der Zusammenhang aber nicht.

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