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11.06.2022

11:00

Prüfers Kolumne

Internetbetrüger könnten von meinem Arbeitgeber viel lernen

Von: Tillmann Prüfer

Ich bin bisher nur auf eine Phishing-Attacke hereingefallen – einen Testangriff. Denn mein Chef weiß, dass ich kein lustkranker Greis mit Rheuma bin.

Handelsblatt: Prüfers Kolumne

Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „Zeit-Magazins“.

Neulich bekam ich eine Mail, offenbar von meinem Arbeitgeber, dass etwas mit meiner Gehaltsabrechnung nicht stimme. Man habe mir versehentlich zu viel Geld überwiesen und werde den Betrag bei der nächsten Rechnung einbehalten. Angehängt sei eine Exceldatei mit den neuen Gehaltszahlen.

Ich war sofort erbost, auch weil die Mail sehr salopp formuliert war, als ob es ganz normal wäre, dass man bei meiner Gehaltsüberweisung herumschludert. Kein Wort der Entschuldigung. Ich klickte auf die vermeintliche Datei.

Statt einer Tabellenkalkulation öffnete sich die Seite meines Arbeitgebers, der mir mitteilte, dass ich auf eine Phishing-Scheinattacke hereingefallen sei. Ich solle künftig nie mehr Dateianhänge öffnen, die mir nicht 100-prozentig vertrauenswürdig erschienen. Wie schnell mir plausibel war, dass es Chaos bei meiner Gehaltüberweisung gegeben habe, erstaunte mich. Ich hatte zuvor schließlich schon etliche andere Phishing-Attacken erfolgreich ignoriert.

Phishing, so nennt man Massenmails, die ihre Empfänger dazu bringen sollen, in irgendeiner Weise zu reagieren. Entweder sie klicken auf einen Link und installieren ein schädliches Programm auf dem Rechner. Oder sie werden auf eine Seite verlinkt, auf der sie ihre Onlinebanking-Zugangsdaten eingeben sollen.

So hat mir meine Bank vermeintlich bereits mitgeteilt, dass ich mein Passwort neu eingeben müsse. Ich bekam auch einige wirre Rechnungen. Recht häufig sogar bekomme ich Post von anonymen Erpressern, die mich beim Pornokonsum heimlich gefilmt haben wollen und Geld fordern. Das scheint eine erfolgreiche Masche zu sein.

Ich habe auch von einer neuen, zurzeit anscheinend sehr erfolgreichen Betrugsmethode gelesen: Ein falsches Bundeskriminalamt schreibt und ruft Menschen an und wirft ihnen ein nicht näher bezeichnetes Verbrechen vor. Davon könnten sie sich nun mit einer Überweisung freikaufen.

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Offenbar begehen Leute so viele ungesühnte Verbrechen, dass sie eine solche Mail für nachvollzierbar halten und bezahlen. Vielleicht sollte das echte Bundeskriminalamt diese Technik einfach übernehmen. Damit könnten sie die Staatskasse ein bisschen auspolstern, und die Menschen müssten nicht mehr so ein schlechtes Gewissen haben.

Mein Arbeitgeber will mich für solche Maschen weiter sensibilisieren. Er schickt mir nun regelmäßig Mails, in denen er mich informiert, welche Phishing-Mails er für mich aus dem Verkehr gezogen hat. Darin sind die Betreff-Zeilen aufgelistet, mit denen man versucht hat, mich zu betrügen: „Einzigartige Zeit für die beste Intimität“, „Hondrostrong Creme zur Bekämpfung von Gelenkschmerzen, Arthritis und Arthrose“ oder „Jeder kann seine eigene Liebe finden“.

Bisher hätte nur mein Arbeitgeber selbst mit der falschen Gehaltsabrechnung die Gelegenheit gehabt, mich um mein Geld zu betrügen. Die Welt des Verbrechens dagegen verspricht sich offenbar den größten Erfolg davon, mich als lustkranken, einsamen Greis mit Rheuma anzusprechen.

Ich weiß nicht, was das über mich aussagt. Am liebsten würde ich diesen Leuten mal zurückschreiben.

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