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02.07.2022

11:18

Prüfers Kolumne

Kakteen sind die beliebtesten Büropflanzen – warum meine Opuntie trotzdem am Existenzminimum lebt

Von: Tillmann Prüfer

Wahrscheinlich träumt mein Kaktus davon, zu einer stacheligen Matte anzuwachsen und mich unter sich zu begraben. Wenn er nur etwas mehr Wasser hätte. Hat er aber nicht.

Handelsblatt: Prüfers Kolumne

Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „Zeit-Magazins“.

In meinen Büro gibt es keine Pflanze. Ich habe überhaupt nur eine Pflanze im Besitz, das ist eine Opuntie. Opuntien sind kolbenförmige Kakteengewächse mit hundsgemeinen Stacheln, die abbrechen, sobald sie sich in die Haut gebohrt haben.

Ich weiß nicht mehr, wie diese Pflanze in meinen Besitz gekommen ist. Ich habe sie jedenfalls schon sehr lange, es müssen bald 20 Jahre sein. Es ist eine etwas deprimierende Vorstellung, dass das Lebewesen, das mich nach Eltern und Geschwistern am längsten durch mein Leben begleitet, ein hässlicher Kaktus ist. Aber so ist es nun mal.

Ich habe gehört, dass Opuntien bis zu zehn Meter hoch werden können. Ich muss sagen, meine Opuntie ist weit entfernt davon. Sie lebt am Existenzminimum. Vielleicht liegt das daran, dass ich sie fast nie gieße.

Ich habe schon mehrmals darüber nachgedacht, den Kaktus mit ins Büro zu nehmen. Kakteen sind nämlich noch vor der Yucca-Palme und dem Ficus benjamina die beliebtesten Büropflanzen. Wie ich einem Papier der Uni Würzburg entnehmen konnte, sind Mitarbeiter, die in begrünten Büros arbeiten, weniger gestresst. Sie fühlen sich in ihrem Arbeitsumfeld wohler, sind psychisch stabiler und regenerieren sich schneller.

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    Außerdem werden mit Pflanzen gestaltete Büroräume als erfrischender, abwechslungsreicher und konzentrationsfördernder erlebt. Wo Pflanzen im Büro sind, gibt es auch weniger Krankheitstage. Nicht nur das: Pflanzen reinigen die Luft auch von Schadstoffen wie Benzol, Formaldehyd und Trichlorethylen.

    Kaktusmotten zur Opuntien-Bekämpfung

    Ich glaube, wenn mein Kaktus sich endlich mal daranmachen würde, das ganze Trichlorethylen, das sich in meiner Büroluft angelagert hat, abzubauen, würde ich auch eine positivere Haltung zu ihm entwickeln.

    Vor einiger Zeit las ich ein Interview mit einer Fotografin, die sich zum Projekt gemacht hatte, Büropflanzen in allen Etagen zu fotografieren. Die meisten Pflanzen, sagte sie, habe sie in den Poststellen der Betriebe gefunden. Dort, wo die ödeste Arbeit verrichtet wird, gibt es also das allermeiste Grün.

    Je besser also mein Kaktus gedeihen würde, desto überzeugter wären meine Kollegen, dass ich nichts Wichtiges zu tun habe. Eines Tages würden sie die Pakete bei mir abgeben und verlangen, dass ich sie zu Post bringe.

    Außerdem ist mit Opuntien nicht zu spaßen. Da, wo das Gewächs sich wohlfühlt, breitet es sich rücksichtslos aus. Heimisch ist die Opuntie im südlichen Amerika, aber sie hat auch schon alle anderen Kontinente befallen.

    In Australien wurde 1883 sogar ein Opuntien-Bekämpfungsgesetz verabschiedet. Schließlich brachten Insektenforscher aus Amerika Kaktusmotten mit, die den Opuntien den Garaus machten.

    Opuntien, habe ich gelesen, können sich auch in dichten Matten ausbreiten. Wahrscheinlich träumt mein Kaktus davon, zu einer großen stacheligen Matte anzuwachsen und mich unter sich zu begraben. Wenn er nur etwas mehr Wasser hätte. Tja – hat er aber nicht.

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