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05.09.2019

15:33

Prüfers Kolumne

Kein Mitleid mit dem Mann

Von: Tillmann Prüfer

Früher hatten Männer bis in ihr Alter hinein die Vorstellung, dass sie unwiderstehlich seien. So werden sie sich nie mehr fühlen können.

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Ich begrüße das langsame Ende des Sommers in Deutschland. Damit ist nämlich auch die Strandsaison erledigt. Und wo kein Strandleben mehr ist, da ist auch kein Körper, der für den Strand „bereit“ sein muss: „Beach-ready“.

Das lese ich nämlich immer wieder: „Mach deinen Body Beach-ready“. Sobald du zum Strand gehst, musst du nämlich einen Körper haben, der dem Strand gerecht wird.

Denn am Strand möchte man keine hängenden Bäuche sehen, keine dürren Beine, keine hängenden Schultern. Wer so etwas hat, der sollte lieber überhaupt nicht an den Strand gehen, bevor er andere mit seinem Körper nervt. Denn das müsste er ja nicht. Er könnte seinem Körper ein entsprechendes Treatment oder Training zukommen lassen.

Die deutsche Fitness-Industrie hat vergangenes Jahr 5,33 Milliarden Euro umgesetzt, das sind über 1,5 Milliarden mehr als noch 2010. Allein McFit hat 1,9 Millionen Mitglieder. Das sind mehr als alle Parteien heute gemeinsam an Mitgliedern haben. Nicht auszudenken, was passieren würde, würde McFit zu Wahlen antreten. Und nicht auszudenken, was das Programm dieser Partei wäre.

Mein eigener Körper war in meiner Lebenszeit höchstens neun Jahre lang Beach-ready, nämlich als ich ein Kind war. Lange Zeit war ich mit meiner Figur trotzdem zufrieden, denn ich konnte ja noch von der Herrschaft des Patriarchats profitieren. Es hieß, Männer seien grundsätzlich attraktiv und würden mit zunehmendem Alter sogar noch attraktiver. Ob dick, ob dünn, ganz egal, Hauptsache Mann.

Mittlerweile ist klar, dass Männer mit der Zeit nicht attraktiver, sondern unattraktiver werden. Und wer nicht alles Mögliche tut, um sich seiner Verrottung entgegenzustellen, hat wenig Zuspruch zu erwarten. In Foren wie Bodybuiling.com hat man für schwache Männer Ausdrücke wie „Betas“ oder „Low-T-Manlets“: Männchen mit wenig Testosteron.

Spätestens das Wort „alter weißer Mann“ hat klargemacht, wohin die Reise geht. Denn wer will schon ein schmerbäuchiges, faltiges Wesen sein, das sich mühsam aus seinem Schreibtischstuhl stemmt? Man kann ja als Mann nichts daran ändern, dass man alt ist oder dass man weiß ist.
Man kann höchstens eine Weile lang verhindern, dass man wie einer aussieht. Und so sind Männer heute dabei, sich körperlich zu züchtigen und zu trainieren, bis zum Äußersten, damit die ja nicht alt aussehen, sondern lieber Beach-ready.

Ich denke allerdings, dass all dies wenig hilft. Früher hatten Männer bis in ihr Alter hinein die Vorstellung, dass sie unwiderstehlich seien. Sie waren dermaßen überzeugt davon, dass manche geneigt waren, ihnen das sogar abzunehmen. So werden sich Männer nie mehr fühlen können. Das Selbstbewusstsein ist dahin.

In den USA hat nun eine Psychologin, Katharine A. Phillips, dazu aufgerufen, endlich das Body-Shaming bei Männern zu bekämpfen. Während es bei den Frauen eine starke Widerstandsbewegung gegen schädliche Schönheitsideale gebe, sei es bei Männern noch immer akzeptiert, sie für körperliche Schwächen fertigzumachen.

Das war das Letzte, was noch gefehlt hat, um den Mann zu erledigen: Mitleid.

Mehr: Männer gehen generell mit wesentlich höheren Forderungen in Gehaltsverhandlungen als Frauen. Weniger Größenwahn würde viele Probleme verhindern, meint Tillmann Prüfer.

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