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04.04.2019

14:15

Prüfers Kolumne

Meetings sollte man nicht abschaffen – sondern aufwerten

Von: Tillmann Prüfer

Meetings werden von Mitarbeitern oft als Zeitverschwendung angesehen. Dabei gibt es Ideen, wie man dröge Konferenzen besser gestalten kann.

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Es scheint heute kaum schlimmere Ereignisse im Berufsleben zu geben, als einem Meeting beiwohnen zu müssen. Ich habe in der Zeitung „Die Welt“ gelesen, dass 80 Prozent der Arbeitnehmer der Meinung sind, dass sie ihre Arbeitszeit allein besser nutzen können.

Meetings scheinen Angelegenheiten zu sein, bei denen viele Menschen leiden, während andere sinnfreie Wortkaskaden über den Tisch ergießen. Der Unternehmensberater Fabian Kratzberg fordert deshalb eine neue Meetingkultur in Deutschland.

So soll zu Beginn jedes Meetings eine Agenda verlesen werden, die transparent macht, welche Punkte abzuarbeiten sind, welche Ziele damit verbunden sind und wie viel Zeit bis zur Beschlussfassung vergehen darf. Jeder Meetingteilnehmer soll sodann das Recht haben, geltend zu machen, dass er zu den vorgebrachten Punkten nichts beizutragen hat und deshalb von dem Meeting entbunden werden möchte. Außerdem sollen zu jedem Meeting ein Protokollant und ein Zeitwart benannt werden.

Der Protokollant schreibt die Begebenheiten und Beschlüsse auf und mailt sie danach an alle. So können Leute dem Meeting fernbleiben und trotzdem auf dem Laufenden sein. Der Zeitwart aber achtet darauf, dass nicht länger über die einzelnen Punkte diskutiert wird als unbedingt nötig. Das alles soll die Meetings effektiver machen. Für viele haben Meetings den Charakter von Freiheitsberaubungen.

Ich vermute, dass es vor allem der Zwangscharakter der Meetings ist, der bei Angestellten diese tiefe Aversion hervorruft. Zu Zeiten des Manchester-Kapitalismus war es die Demütigung durch menschenverachtende Arbeitszeiten, gegen die der Arbeiter aufbegehrten. Heute ist es das Kidnapping durch Meetings, was Arbeitnehmer so aggressiv macht, sodass es sie fast um den Verstand bringt. Tumulte sind nicht ausgeschlossen.

Dabei ist es ja auch nicht so, dass alle jene, die über die Meetings stöhnen, in Wirklichkeit etwas Dringendes anderes zu tun hätten. Wenn sie nicht im Meeting sitzen, sitzen sie eben woanders herum. Denn Meetings dienen ja nicht der Effektivitätssteigerung, sondern der Machtdemonstration. Es gibt jemanden, der die Macht hat, ein Meeting einzuberufen, und etliche andere sind gezwungen, dem zu folgen.

Wer das Meeting einberufen hat, hat meist nicht viel anderes zu tun, als Meetings einzuberufen. Deswegen hat er auch Zeit. Alle anderen haben weniger Zeit, aber die wollen auch dabei sein, denn wer nicht bei den Meetings dabei ist, der ist wohl auch nicht wichtig.

Wenn man also ein Meeting befriedigender besser gestalten will, schafft man das nicht, indem man es kürzer macht, sondern bedeutender. Und deswegen braucht man noch mehr Ämter als Meetingleiter, Protokollant und Zeitwart.

Wie wäre es, zusätzlich das Amt des Zettelkritzlers zu schaffen und des Stuhlkipplers. Dann muss es den Job des Repeaters geben, der immer das wiederholt, was andere schon gesagt haben. Und den Betriebs-Buddhisten, der während des Meetings nur über seinen E-Mails meditiert.

Erst dann dürfte sich jeder Teilnehmer gewürdigt sehen und zufrieden sein. Dann braucht man nur noch jemanden, der das nächste Meeting anvisiert, denn natürlich ist längst nicht alles gesagt worden.

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