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08.10.2022

11:10

Prüfers Kolumne

Schade, bei LinkedIn sind alle sauer auf mich

Das Business-Netzwerk ist so etwas wie das Facebook für Menschen, die einen Job haben. Inzwischen ist selbst die Kaffeeküche dorthin umgezogen. Hätte ich mich mal vernetzt, als ich noch konnte.

Handelsblatt: Prüfers Kolumne

Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „Zeit-Magazins“.

Ich bekomme immer wieder E-Mails, die mir mitteilen, dass sich jemand mit mir auf LinkedIn vernetzen möchte. Ich lese solche Mails mit Grausen, denn ich habe LinkedIn schon lange nicht mehr besucht, ich weiß gar nicht mehr, wie es dort aussieht oder was man dort so macht. Ich habe mein Passwort vergessen oder zumindest irgendwo gelassen, wo ich eine Weile danach suchen müsste. Nun gibt es eine Menge Menschen, die sich mit mir vernetzen wollten und nie eine Antwort von mir erhalten haben.

Soweit ich ermessen kann, ist LinkedIn Facebook für Menschen, die einen Job haben. Ich finde nicht generell schlecht, wenn Menschen Arbeit haben, ich habe ja auch welche. Aber es macht mir immer etwas Angst, wenn Leute voller Begeisterung von ihrem Job berichten. Ich bekomme das schon auf Instagram mit, wo die Menschen ständig von ihrem Leben schwärmen. Welche inspirierenden Typen sie gerade getroffen haben, in welcher Stadt sie gerade Lillet trinken.

Wenn ich diese Medien besuche, habe ich das Gefühl, dass alle, wirklich alle ein spannenderes Leben haben als ich. Ich schaue auf Instagram und werde traurig. Mehr als ein soziales Netzwerk verkrafte ich glaube ich nicht. Und trotzdem bin ich überall angemeldet. Es gibt sogar einen Snapchat-Account mit meinem Namen. Immerhin hat dort noch niemand versucht, sich mit mir zu vernetzen.

Ich habe nun in der „New York Times“ gelesen, dass LinkedIn sich in den vergangenen Jahren sehr verändert habe: „LinkedIn gets personal.“ Die Plattform sei früher einmal so etwas wie eine digitale Visitenkarte gewesen, ein Lebenslauf im Netz mit Kontaktmöglichkeit. Während der Pandemie hätten aber mehr und mehr Leute begonnen, LinkedIn als Möglichkeit zu nutzen, um mit ihren Kollegen, die sich nicht mehr im Büro treffen konnten, in Kontakt zu bleiben. Mittlerweile werde es nicht nur professionell genutzt, sondern kreiere jeden Tag Millionen von Posts, in denen sich Menschen längst nicht mehr nur über ihre Arbeit austauschen, sondern eben über alles Mögliche.

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Ich kann dazu sagen, dass sich Menschen früher in Büros auch nicht nur über die Arbeit ausgetauscht haben. Es ist auch ein Irrglaube, dass Büros früher vor allem dazu genutzt wurden, um zu arbeiten. Ich finde, dass viele Menschen das Büro verwendet haben, um vor allem nicht zu arbeiten, sondern nur irgendwie anwesend zu sein.

In diesem Sinne ist LinkedIn vielleicht einfach nur normaler geworden, ein Platz, an dem Menschen menschlich sind. Und an dem viele Menschen sauer sind auf mich, weil ich ihnen seit Monaten nicht auf ihr Vernetzungsangebot antworte. Ich glaube, ich würde mich da überhaupt nicht mehr hintrauen. Schade, scheint cool da zu sein.

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