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01.10.2022

11:10

Prüfers Kolumne

Sei nicht so, wie du bist – zumindest auf der Arbeit

Arbeitgeber behaupten in ihren Stellenanzeigen gerne, dass sie im Mitarbeiter den ganzen Menschen sehen. Aber kann das wirklich stimmen?

Handelsblatt: Prüfers Kolumne

Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „Zeit-Magazins“.

Ich habe in der Stellenanzeige eines Wellness-Anbieters gelesen: Bei uns darfst du sein, wie du bist. Das ist natürlich einerseits eine unheimlich nette Sache, dass man so angenommen werden soll, wie man ist. Gleichzeitig ist das auch praktisch. Man hat sich ja gewissermaßen immer irgendwie im Gepäck. Aber offenbar möchte hier der Arbeitgeber signalisieren, dass Persönlichkeit eine wichtige Sache ist und man sehr auf Persönlichkeit achtet. Man soll also sein ganzes Wesen als Mensch mitbringen.

Das steht gewissermaßen im Kontrast zu Zeiten, als man seine Persönlichkeit vor allem unterdrücken sollte und einem strengen Verhaltens- und Dresscode folgen sollte. Auch das war nicht ganz unbegründet, denn ein Mensch besteht ja nicht nur aus Eigenschaften, die man an einem Arbeitsplatz unbedingt schätzt.

Daneben gibt es auch etliches, auf das Arbeitgeber herzlich gerne verzichten. All das Nachlässige, Liederliche, Hedonistische. Wenn man einen Menschen in seiner ganzen Menschlichkeit am Arbeitsplatz hat, dann ist er unter Umständen eben keine gute Ergänzung zur Maschine mehr, und das kann dann zum Problem werden.

Aber offenbar sind heute beispielsweise bei Wellness-Anbietern menschliche Menschen gefragt, nahbare Individuen, die man gerne um sich haben möchte. Was mich schon einmal für die Beschäftigung bei einem Wellness-Anbieter nicht qualifiziert, weil man mich in all meiner Menschlichkeit nicht unbedingt um sich haben möchte. Jedenfalls nicht, wenn man entspannen möchte und dafür bezahlt.

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    Ein großer Teil des Selbst hat auf der Arbeit nichts zu suchen

    In der New York Times hab ich gelesen, außerhalb der Human-Resources-Abteilungen sei die Phrase „Bring dein ganzes Selbst mit zur Arbeit“ ein Garant dafür, mit einem Kotz-Smiley quittiert zu werden. Schließlich sei das Büro nicht der einzige Ort, an dem man existiert, warum soll der Arbeitgeber den Anspruch auf das ganze Selbst haben?

    Das ist nicht von der Hand zu weisen. Was soll ein Arbeitgeber überhaupt mit dem ganzen Selbst eines Menschen anfangen? Ich finde, es ist gewissermaßen die Definition von Arbeit, dass ein großer Teil des Selbst dort nichts zu suchen hat. Man braucht vom Menschen dort nur ein paar Eigenschaften, von denen aber reichlich. Oder würde ein normaler Mensch mit seiner Ganzheit den kompletten Tag in Zoom-Konferenzen zubringen oder den gesamten Tag Tabellen ausfüllen oder Budgets planen oder sich neue Gratis-Slogans für Human-Resources-Abteilungen ausdenken?

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    In Wahrheit ist es so, dass Arbeit so wenig mit dem ganzen Menschen zu tun hat, dass sich der ganze Mensch davon einen ganzen Feierabend erholen muss. Der ganze Mensch muss sogar Urlaub machen, um sich vom Arbeitsmenschsein zu erholen.

    Vielleicht wollen Arbeitgeber heute auch gar nicht den ganzen Menschen einstellen, auch wenn sie es behaupten. Aber sie wollen in ihren Anzeigen so wirken, als ginge es dabei gar nicht um Arbeit, sondern um so etwas wie Urlaub. Und vermutlich müssen sie deshalb immer wieder neue Leute suchen.

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