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06.08.2022

11:49

Prüfers Kolumne

Seien Sie freundlicher bei der Arbeit – aber bitte nur ein bisschen

Ein Fünftel ihrer Zeit verbringen Führungskräfte mit Konflikten. Was geniale Kotzbrocken und Erfahrungen in der Gastronomie damit zu tun haben.

Handelsblatt: Prüfers Kolumne

Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „Zeit-Magazins“.

Ich habe gehört, dass manche Arbeitgeber es gern haben, wenn Mitarbeiter schon mal in der Gastronomie gearbeitet haben. Denn dann wissen sie nicht nur, was harte Arbeit ist, sondern haben normalerweise auch schon mal mit Kunden zu tun gehabt und mussten freundlich zu denen sein. Denn das fällt vielen im Betrieb heute offenbar schwer.

Unfreundlichkeit scheint ein echtes Problem in der Unternehmenswelt zu sein. Ich habe in der „Süddeutschen Zeitung“ gelesen, dass die Unternehmensberatung KPMG errechnet hat, dass in einem Unternehmen 15 bis 20 Prozent der Arbeitszeit für Ärger draufgehen. Das ist eine ganze Menge.

Führungskräfte müssen der Unternehmensberatung nach oft noch mehr Zeit für Streit einplanen. Ich finde das erstaunlich. Das bedeutet, in einer Fünftagewoche müssten Manager einen ganzen Tag damit verbringen zu streiten.

Ich weiß gar nicht, wie sie das überhaupt bewerkstelligen. Einen ganzen Tag durchzupoltern, zu pöbeln, zu stressen. Wie finden sie überhaupt Themen, über die sie sich entsprechend unfreundlich auseinandersetzen können? Wie können wir uns genügend Eigenschaften merken, die wir an anderen nicht mögen, um sie ihnen vorzuwerfen?

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    Ich bin überzeugt: Nur die besten Manager sind so gut organisiert, dass sie stabil so viel Streit produzieren können. Wahrscheinlich brauchen sie eine ziemlich gute Planung dafür und müssen sich ständig neue Themen notieren, um mit anderen ordentlich aneinanderzugeraten. Wer dann das 30. Betriebsjubiläum feiert, hat allein sechs Jahre davon mit Streit und Unfreundlichkeiten verbracht.

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    Das ist den Unternehmen heute offenbar zu viel. Nun soll es friedlicher zugehen. Netflix etwa versucht nun sogar, Mitarbeiter, die Unfrieden stiften, zu vermeiden: „In unserem Dream-Team gibt es keinen Platz für ,geniale Kotzbrocken‘“, wird aus den Regeln für Unternehmenskultur zitiert.

    Dabei stellt sich die Frage, ob es nicht ohnehin ein bisschen viel wäre, von einem verlässlichen Kotzbrocken zu verlangen, dass er auch noch genial ist. Meist müssen sich Unternehmen doch mit wenig genialen Kotzbrocken zufriedengeben, mehr gibt der Arbeitsmarkt gerade nicht her.

    Es wird aber auch betont, dass niemandem damit wirklich geholfen ist, wenn das Klima zu harmonisch ist. Denn um die vielfältigen Aufgaben bewältigen zu können, sollen Teams entsprechend divers aufgestellt sein. Friedlich geht es leider nur zu, wenn die Unternehmenskultur entsprechend homogen ist.

    Unternehmen wünschen sich heute also eine vielfältige Truppe, bei der es immer ein bisschen nach Beef und Stress riecht. Aber trotzdem soll es nicht zu wütenden Ausbrüchen kommen, sondern „ein anständiges menschliches Miteinander“ möglich sein. So wie man in der Gastronomie ja auch jeden Konflikt lösen kann, indem man sagt, „steht nicht auf der Karte“ – und geht.

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