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21.06.2018

19:03

Prüfers Kolumne

Süß geht (n)immer

Von: Tillmann Prüfer

Um auf Dickmacher aufmerksam zu machen, ist ein Werbeverbot nicht der effektivste Weg. Besser wäre es, Thomas Gottschalk zu reaktivieren.

Für den Verzehr von Zucker müssen Kinder meist nicht aufwändig überredet werden, glaubt Tillman Prüfer. dpa

Kind schleckt Eis

Für den Verzehr von Zucker müssen Kinder meist nicht aufwändig überredet werden, glaubt Tillman Prüfer.

Ich habe gelesen, dass die Verbraucherschutzminister der Länder gegen Lockwerbung für Dickmacher vorgehen wollen. Damit sollen Kinder besser vor Nahrungsmitteln, die zu viel Zucker enthalten, geschützt werden. Ich habe mich erst einmal gewundert, was „Lockwerbung“ sein soll. Bislang war ich davon ausgegangen, dass Werbung grundsätzlich locken will.

Werbung soll ja nicht das Produkt, das sie beschreibt, vor allem ungeschminkt und realistisch darstellen. Das ist ja eher die Aufgabe von Verbraucherschutzministern. Unter Lockwerbung versteht man offenbar Werbung, die auf angeblich sehr günstige Produkte hinweist, die dann aber gar nicht in ausreichender Menge vorhanden sind, sodass der Kunde, einmal in den Laden gelockt, auf andere Produkte zurückgreifen muss, die teurer sind.

Auf Süßwaren bezogen wäre ein Beispiel von Lockwerbung, wenn Kinder mit dem Angebot supergünstiger Center-Shock-Kaugummis in die Läden gelockt würden, dort aber nur auf Vollkornbrot und Frischobst stießen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Minister ernsthaft verlangen wollen, dass günstig beworbene Süßwaren auch in ausreichender Menge vorrätig sein müssen.

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Ich fürchte, es gibt da noch viel zu präzisieren. Natürlich lässt sich über ein generelles Verbot von Werbung für Lebensmittel, die dick machen, nachdenken. Wobei dann aber die Frage wäre, was mit dem Begriff Dickmacher eigentlich gemeint ist. In übermäßiger Menge verzehrt, machen eigentlich die meisten Lebensmittel dick. Doch auch der Verweis auf Lebensmittel, die einen hohen Zuckergehalt haben, wird kaum genügen. Das trifft nämlich nicht nur auf Softdrinks und Schokolade zu. Schließlich ist auch in Ketchup massig Zucker drin und in Orangensaft und eingelegter Roter Bete ebenfalls.

Süßwaren überzeugen auch ohne Werbung

Ein bloßer Esslöffel Barbecuesoße, habe ich gelesen, enthält drei Würfel Zucker. Möchte man gezielte Werbung für Barbecuesoße und Rote Bete unterbinden? Das könnte schwierig werden. Das wird die Wirtschaft nicht mit sich machen lassen. Man wundert sich, wie viel Zucker in der Welt ist. Ich fürchte, die einzigen Waren, die wirklich keinen Zucker enthalten, sind Baustoffe und Autos.

Und ich sehe da noch ein ganz anderes Problem: Als Kind habe ich gar keine Werbung gebraucht, um von Süßwaren überzeugt zu sein. Wir haben damals unser gesamtes Taschengeld an den Kiosk getragen, um Saure Gurken, Nappo (so heißt ein Nugat mit Schokoüberzug) und Ahoi-Brause zu kaufen. Es waren Waren, zu denen man uns nicht erst aufwendig überreden musste.

Sicher, es gab schon immer Werbung für Süßwaren. Eine legendäre Kampagne waren die etwas biederen Spots mit Thomas Gottschalk für Haribo. Ich halte es für unproduktiv, solche Werbung zu verbieten. Eine andere Idee wäre, würden die Verbraucherschutzminister vielmehr Haribo dazu verpflichten, Thomas Gottschalk wieder unter Vertrag zu nehmen.

Ließe man ihn noch einmal im Fernsehen Gummibärchen mampfen, würde das einen tiefen Eindruck auf die junge Generation machen. Sie würde schnell verstehen, dass Gummibärchen Zeug für ältere Herren sind – und die Finger davon lassen.

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