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18.06.2022

11:15

Prüfers Kolumne

Warum Arbeitssucht komplizierter als Alkoholismus ist

Von: Tillmann Prüfer

Für Arbeitssüchtige gibt es Selbsthilfegruppen wie für Alkoholiker. Die einen werden aber kritisiert, die anderen sogar noch gelobt.

Handelsblatt: Prüfers Kolumne

Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „Zeit-Magazins“.

Zehn Prozent der Erwerbstätigen sollen arbeitssüchtig sein. Es gibt dafür auch schon Selbsthilfegruppen wie für Alkoholiker. Bei den Treffen sprechen Menschen dann darüber, wie sie nicht von der Arbeit lassen können, wie die Arbeitssucht ihre Familie ruiniert und ihre Gesundheit.

Natürlich ist Arbeitssucht etwas komplizierter als Alkoholismus. Fürs abnorm viele Trinken wird man höchstens bis zum Alter von 17 Jahren bewundert. Für das krankhafte Arbeiten aber bekommt man ständig Lob. Wenn man sich von Alkohol total losgesagt hat und keinen Tropfen mehr trinkt, dann gilt das gemeinhin als große Leistung. Wenn man sich von der Arbeitssucht lossagen würde, bekäme man eher die Sozialleistungen gestrichen.

In der „Süddeutschen Zeitung“ steht, dass eine besonders betroffene Gruppe die Landwirte seien. Davon seien 19 Prozent arbeitssüchtig. Die Frage ist natürlich, ob ein Job, bei dem man weitgehend auf sich allein gestellt ist, jeden Tag das Vieh versorgen muss und eine Arbeitszeit von 16 Stunden hat, nicht geradezu danach verlangt, dass man arbeitssüchtig ist.

Es könnte natürlich auch sein, dass man arbeitssüchtig werden muss, um Landwirt zu sein. Oder aber die Landwirtschaft zieht Arbeitssüchtige an.

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    Der Arbeitsrausch wird von Betroffenen beschrieben wie die Benebelung bei einem Besoffenen. Das könnte ganz attraktiv klingen. Betrunken sein und dafür auch noch Geld bekommen. Ich bin bislang nur bildschirmsüchtig.

    Bildschirmsüchtige gibt es viele, einer Studie der Hamburger Universitätsklinik UKE nach sollen allein 4,1 Prozent der Jugendlichen süchtig nach Computerspielen sein. Ich habe gelesen, dass dies daran liegt, dass das Gehirn ständig etwas Neues erfahren möchte. Wenn man den Bildschirm seines iPhones entsperrt, möchte man eigentlich gar nicht jemanden anrufen, man möchte nur mit News gefüttert werden.

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    Von einer Sucht spricht man allerdings nicht automatisch, wenn man etwas sehr oft tut, sondern wenn damit ein Kontrollverlust einhergeht. Der Smartphonesüchtige würde gerne weniger auf sein Handy starren, aber es geht nicht. Man hat nicht das Smartphone zwischen den Fingern, sondern umgekehrt hat das Smartphone einen in der Hand.

    Ich fühle nun leider überhaupt keinen Rausch, wenn ich das Handy bediene, nur Ermüdung. Vielleicht sollte ich auf Arbeitssucht umsteigen. Allerdings kann das auch schiefgehen. Ganze 33 Prozent der Befragten geben an, exzessiv zu arbeiten ohne dabei süchtig zu sein. Sie arbeiten sich also kaputt und spüren nicht einmal etwas. Man kann höchstens auf gute Landluft hoffen. 

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