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20.06.2019

18:11

Prüfers Kolumne

Warum Aussehen nicht unbedingt die Karriere bestimmt

Von: Tillmann Prüfer

Angeblich kommen nicht so schöne Menschen wie Philipp Amthor leichter nach oben als attraktive. So einfach ist der Zusammenhang aber nicht.

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass Pickel gut für die Karriere sind. Wer in seiner Jugend unter Akne leide, habe in seinem späteren Leben eine um 3,8 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit, einen Bachelorabschluss zu machen, als jemand mit einem klaren Hautbild, verkündeten Erik T. Nesson und Hugo M. Mialonden in einem wissenschaftlichen Aufsatz mit dem Titel „Do Pimples Pay?“.

Der Zusammenhang zwischen Akne und Kontostand ist zwar statistisch gering, aber doch so stark, dass er nicht auf Zufall beruhen kann. Die Ergebnisse überraschen in gewisser Weise, denn bislang war man davon ausgegangen, dass eher gutes Aussehen der Karriere hilft.

Eine Auswertung der University of Texas in Austin etwa hatte ergeben, dass besonders attraktive Mitarbeiter bei gleicher Qualifikation bis zu fünf Prozent mehr verdienen als ihre weniger schönen Kollegen.

Angeblich funktioniert dies psychologisch so, dass man Menschen, die man als attraktiv empfindet, automatisch auch als kompetent in anderen Feldern wahrnimmt. Im Märchen sind ja auch die Guten und Redlichen stets die Schönen. Die Bösen sind aber immer sehr hässlich.

Als mögliche Erklärung, warum Pickel trotzdem der Karriere helfen, wird angeboten, dass Menschen, die in ihrer Jugend unattraktiv sind, deswegen von Sozialkontakten ausgeschlossen sind und so mehr Zeit zum Lernen haben.

Denn irgendwie weiß man ja, dass Hässlichkeit nicht erfolglos macht. Mit dem hässlichen Jungen will niemand spielen, und deswegen will der sich an allen rächen, die so gemein zu ihm waren. Schließlich fällt einem nur schwer ein deutscher Spitzenpolitiker oder ein großer Wirtschaftslenker ein, der wirklich eine Schönheit ist, oder?

Vielleicht ist es ja so, dass Schönheit nur so lange hilft, wie man von Vorgesetzten beurteilt wird. Um richtig nach oben zu gelangen, braucht man möglicherweise eine tiefe intrinsische Motivation.

Vor allem, wenn man Politiker werden will. Dann muss man nach oben wollen, ohne von anderen hübsch gefunden zu werden. Dann muss man vielleicht einfach nur nach Macht streben und bereit sein, dafür alles aufzugeben, was für andere Leute das Leben schöner macht.

Ich finde es in diesem Zusammenhang interessant, wie viele Menschen, die sich selbst als liberal definieren würden und sich grundsätzlich dagegen verwehren würden, Menschen nach ihrem Äußeren zu beurteilen, im Internet haltlos über das Aussehen des 26-jährigen CDU-Nachwuchspolitikers Philipp Amthor herziehen.

Eine beliebte Erklärung seiner Karriere: Der war als Kind eine Brillenschlange, dem die anderen immer das Pausenbrot weggenommen haben. Und er hat so viel von den anderen, schöneren Mitschülern einstecken müssen, dass er es nun allen heimzahlen möchte.

Demnach wäre das beste Mittel gegen spätere konservative Jungpolitiker, schon in der Schule einfach nett zu allen zu sein und auch Leute mitspielen zu lassen, die man nicht attraktiv findet.

Das würde natürlich nur Sinn machen, wenn mangelnde Attraktivität tatsächlich auf solche Weise zu mehr Karrieremotivation führt. Es könnte auch sein, dass gesteigerter beruflicher Ehrgeiz einfach Pickel macht.

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