Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

13.06.2019

14:03

Prüfers Kolumne

Warum man sich auf „Brain-Picker“ doch einlassen sollte

Von: Tillmann Prüfer

Wer ohne Gegenleistung um Rat gefragt wird, fühlt sich oft ausgenutzt. Trotzdem kann es Sinn ergeben, solche „Brain-Picker“ willkommen zu heißen.

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Neulich lernte ich eine neue Art Geschäftsmensch kennen, den Brain-Picker. Man könnte das wohl mit „Gehirn-Ausleiher“ übersetzten. Ich las einen Text von Adam Grant, Professor an der University of Pennsylvania, über das Phänomen des Brain-Pickings. Das ist die Unart, Kollegen mit außerplanmäßigen Meetings zu behelligen oder Leute, mit denen man noch gar keine Geschäftsbeziehung hat, zu einem inspirierenden Gespräch zu bitten.

Brain-Pickers zapfen ohne sichtbare Gegenleistung die Denkleistung ihrer Umgebung an und fragen nach Ratschlägen. Zu einem neuen Projekt, zu einer ungewöhnlichen Idee, zu einem schwer zugänglichen Problem. Als Angefragter ist man nun in Bedrängnis. Man muss etwas von seiner eigenen knappen Zeit investieren, man muss sich in eine fremde Materie hineindenken – und man hat gar nichts davon.

Schließlich ist es nicht das eigene Problem, nicht die eigene Idee, nicht das eigene Projekt. Geld gibt es auch keines. Und wenn man ganz großes Pech hat, wird man demnächst in einen „Jour fixe“ berufen und darf dann regelmäßig sein Gehirn verleihen. Deshalb gelten solche Brain-Pickers als Business-Zombies, die sich von fremder Gehirnmasse ernähren.

Der Blogger Sean McCabe erklärte vor einiger Zeit in einem Post, dass man Brain-Pickers einfach wie Kunden behandeln sollte, die Beratung wünschen. Und dafür einen Honorarsatz veranschlagen sollte. Einen höheren jedenfalls als den Gegenwert von einer Tasse Kaffee.

In seinem Text in der „New York Times“ gab Grant aber nicht etwa Ratschläge, wie man sich vor den Brain-Pickers in Sicherheit bringt. Etwa, indem man sich unter dem Schreibtisch versteckt, nicht ans Telefon geht oder den E-Mail-Anwesenheitsassistenten auf Dauerbetrieb schaltet. Er schlug auch keine Tarife vor. Vielmehr lud er dazu ein, die Brain-Pickers willkommen zu heißen. Denn man wisse nie, was bei so einem Meeting rauskommt.

Er nannte das Beispiel von Brad Feld. Das ist ein Venture-Capitalist, der regelmäßig „Random Days“ anbietet. Wer immer will, kann ein Meeting von 20 Minuten bekommen. Dabei wird über neue Ideen gesprochen und ein guter Rat gegeben. Wer an einem solchen Tag etliche Gespräche mit Fremden führe, der habe eine gute Chance, dabei auch auf eine wirklich gute Idee zu stoßen, schrieb Grant.

Ich glaube, er hat recht. Wer stets abschätzt, ob sich ein Meeting für ihn lohnt, der muss dabei immer von den Faktoren ausgehen, die er schon kennt: Man hat bereits von einer Idee gehört, deswegen findet man sie interessant.

Man kennt einen Namen, deswegen trifft man sich mit demjenigen. Andere kennen diese Ideen und diesen Namen aber womöglich auch schon. Deswegen ist die Chance gering, dass man als Allererster etwas Neues erfährt.

Wer also immer darauf achtet, dass er auf seine Kosten kommt, der kommt zwar auf seine Kosten, aber auf mehr auch nicht. Und er erlebt keine Überraschungen. Nur wer etwas einfach so gibt, kann auch mal einfach so etwas empfangen, womit nicht zu rechnen war. Deswegen würde ich jederzeit jedem Brain-Picker sofort einen Gesprächstermin einräumen und ihm Ratschläge erteilen. Leider fragt mich nie jemand.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×