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26.10.2019

10:03

Prüfers Kolumne

Warum Merkel, Macron und Trump gemeinsam kochen sollten

Von: Tillmann Prüfer

Dem gemeinsamen Essen kommt in der Familie, in der Politik und im Büro eine besondere Bedeutung zu. Noch wichtiger ist aber die gemeinsame Zubereitung.

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Essen scheint in der Geschichte der Menschheit und in der Politik eine unheimlich wichtige Sache zu sein. Das gemeinsame Essen ist das vielleicht älteste Ritual. Wenn einst in Fehden zerstrittene Clans Frieden schließen wollten, dann hielten sie Bankette ab. Und wenn sich die Wirtschaftsmächte über den Weltmarkt einig werden wollen, dann treffen auch sie sich zum Essen.

Es scheint ein relativ erfolgreiches Konzept zu sein. Wenn man gemeinsam eine Mahlzeit zu sich nehmen kann, bringt man einander weniger um. Überall, wo es wichtig wird, wird gegessen. Essen scheint also friedlich zu machen.

Was in der Politik das G7-Bankett ist, ist im Büro die Lunchverabredung. Es gibt Leute, für die ist das Mittagessen der wichtigste Termin des Tages. Dort treffen sie mögliche Komplizen für die nächste Intrige, horchen Konkurrenten aus oder hoffen, sich bei Vorgesetzten einzuschmeicheln. Jemand mit großen Ambitionen ist jemand, der rege essen geht.

Ich habe nun gelesen, dass gemeinsame Mahlzeiten auch in der Familie wichtig sind. Familien, in denen die Kinder mit den Eltern essen, bringen zum Beispiel weniger fettleibige Kinder hervor. Psychologen vom Max-Plank-Institut für Bildungsforschung und der Universität Mannheim haben 50 Studien mit insgesamt rund 30.000 Teilnehmern ausgewertet. Dabei wollen sie die ausschlaggebenden Faktoren herausgefunden haben, wann gemeinsames Essen besonders gut ist: nämlich wenn man sich damit viel Zeit lässt und wenn man gleichzeitig für eine entspanne Atmosphäre sorgt, gesundes Essen isst, auf hohe Qualität der Speisen achtet und keinen Fernseher im Hintergrund laufen lässt. Am besten ist eine gemeinsame Zubereitung.

Solche Erkenntnisse sollte man natürlich flugs auf die Business-Welt übertragen. Sind Unternehmen nicht auch eine große Familie? Wer also einen perfekten Business-Lunch abhalten möchte, sollte zunächst einmal gutes und gesundes Essen bevorzugen. Die klassische Currywurst in der Mittagspause fällt aus.

Überhaupt Mittagspause: Jene sollte ausgeweitet werden, damit man überhaupt erst die entspannte und positive Atmosphäre hinbekommt. Und dann wäre es natürlich noch sehr gut, wenn man beim gemeinsamen Essen nicht ständig auf den Fernseher oder das Smartphone schaut.

Ich habe allerdings den Eindruck, dass die allermeisten Kollegen, die sich meisterhaft in der Lunch-Diplomatie verstehen, all diese Ratschläge schon beherzigen. Jedenfalls was die entspannte Atmosphäre, die Wahl des perfekten Restaurants und die Zeit, die man sich für all das nimmt, betrifft. Je mehr jemand damit beschäftigt ist, seine Kontakte beim Mittagessen zu pflegen, desto seltener trifft man ihn an unangenehmeren Orten wie dem Arbeitsplatz, um dort unangenehme Dinge zu tun wie zum Beispiel zu arbeiten. 

Fragt sich nur, warum die wundersame Wirkung des gemeinsamen Essens auf der internationalen Ebene heute nicht mehr so richtig klappt. Merkel, Macron, Johnson und Trump kommen zwar immer wieder zum Speisen zusammen, aber sie mögen sich nicht mehr so recht vertragen. Vielleicht sollten sie doch einen Tipp der Forscher befolgen: das nächste Mal gemeinsam kochen.

Mehr: Mit einem Zertifikatehandel ließe sich die Ungleichheit zwischen Arm und Reich bekämpfen, meint Tillmann Prüfer. So könnte ein CEO ins Kino gehen, während ein Hartz-IV-Empfänger dessen Geschäfte führt.

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