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30.07.2022

11:00

Prüfers Kolumne

Was ich von einem vergessenen Handyvertrag über Identitätsdiebstahl gelernt habe

Ich habe einen Vertrag abgeschlossen, dafür aber nie eine Rechnung erhalten. Nun kam sie doch. Ein guter Zeitpunkt um über mein Langweilerleben nachzudenken.

Handelsblatt: Prüfers Kolumne

Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „Zeit-Magazins“.

Neulich bekam ich eine Rechnung von einem Mobilfunkbetreiber. Der schrieb mir, dass sie Geld von mir bekommen für die Bereitstellung eines Mobilfunkanschlusses. Darauf war ich gar nicht vorbereitet. Normalerweise schreiben mir Mobilfunkanbieter, dass es nun ganz, ganz günstig wird.

Der Mobilfunkanschluss war nämlich gar nicht so günstig. So etwas hätte ich niemals freiwillig abgeschlossen, dachte ich. Der Mobilfunkanbieter hatte mir sogar eine Kundennummer gegeben. Als ich bei der Hotline anrief, rieten sie mir, zu kündigen, was ich unmittelbar tat.

Aber wie war ich da reingeraten? Ich konnte mich gut erinnern, in den vergangenen Monaten keinen Mobilfunkvertrag unterschrieben zu haben. Aber war ich das überhaupt selbst? Hat vielleicht irgendwer in meinem Namen so einen Vertrag unterschrieben? Ich höre immer viel über Identitätsdiebstahl. Neulich las ich einen erschütternden Bericht in der „Welt am Sonntag“ über einen gewissen Christian Hübner. Der Name war von der Redaktion geändert worden.

Christian Hübner ist ein Mann mit verschiedenen Identitäten. Eine ist seine eigene, die andere ist geklaut. Sie wurde ihm gestohlen. Es begann mit einem Mietkautionsvertrag, der auf seinen Namen abgeschlossen wurde, obwohl er nie etwas unterschrieben hatte und seitdem geht es immer weiter. Seit drei Jahren.

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    Inzwischen wurde seine Identität 35-mal gestohlen. Er hat so Kredite beantragt, Reisen bestellt, Pralinen geordert, Hundefutter gekauft, Zeitungs- und Netflixabos abgeschlossen und viermal den Stromanbieter gewechselt. Alles von irgendwelchen Gaunern in seinem Namen veranstaltet. Handyverträge hat er natürlich auch abgeschlossen.

    Bin ich ein Tillmann Hübner geworden?

    Hübners Leben ist voller negativer Überraschungen. Ständig wird irgendetwas von seinem Konto abgebucht. Dauernd muss er widersprechen, zurückbuchen, wiederrufen. Der echte Christian Hübner muss sein ganzes Leben dafür aufwenden, das Leben des gestohlenen Christian Hübner ungeschehen zu machen.

    Und was war nun mit mir? Bin ich ein Tillmann Hübner geworden, werde ich nun ständig irgendwelche Anschlüsse kündigen müssen? Reisen absagen? Hundefutterkäufe widerrufen müssen? Ich glaube, ich würde irgendwann sehr eifersüchtig auf Tillmann Hübner werden.

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    Ich habe zum Beispiel keinen Hund, aber vielleicht hätte ich gerne einen. Ich mache auch nicht viele Reisen. Tillmann Hübner aber vielleicht schon. Das würde mich total fertigmachen, meinem konsumsüchtigen Alter Ego hinterherzurennen und ihm mein Langweilerleben aufzudrängen.

    Ich habe dann feststellen müssen, dass ich tatsächlich vor etlichen Jahren einen Mobilfunkanschluss bestellt hatte. Ich hatte den auch kaum benutzt und dann wohl vergessen. Aus irgendwelchen Gründen hatte ich aber nie eine Rechnung dafür erhalten. Ich hoffe, Christian Hübner musste in der Zwischenzeit nicht dafür blechen.

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