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02.05.2019

15:07

Prüfers Kolumne

Wenn die Rettung der Welt zu teuer wird

Von: Tillmann Prüfer

Es ist überraschend, dass ausgerechnet Kapitalismuskritiker auf den Markt vertrauen. Eine CO2-Steuer könnte Geringverdiener vom Konsum ausschließen.

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Neulich sah ich Werbung für einen Haferdrink: „Hey food industry, show us your numbers“. Die Ernährungsindustrie wird aufgefordert, ihre Zahlen offenzulegen. Die Erklärung wird gleich mitgeliefert. Da die Nahrungsmittelindustrie der größte Klimagefährder überhaupt sei, solle es im Interesse der Kunden sein, dass Nahrungsmittelhersteller den CO2-Fußabdruck ihrer Produkte auf die Packung drucken müssen. So könne der Kunde besser vergleichen.

Um einen Anfang zu machen, druckt der Haferdrinkhersteller die entsprechenden (niedrigen) Werte auf die eigene Verpackung. Ich finde, es ist das gute Recht eines jeden Herstellers, die Vorteile des eigenen Produkts zu preisen.

Interessant finde ich allerdings, dass dem Haferdrinkhersteller offenbar gar nicht die Idee kommt, er selbst könnte Teil der „food industry“ sein. Schließlich ist die Lebensmittelindustrie keine verfasste Organisation, sondern eine Branche. Und sobald man beginnt, eine Flüssigkeit in Tüten zu füllen und zum Verkauf anzubieten, ist man Teil davon.

Aber so ist es natürlich nicht gemeint. Die Botschaft ist: Wer Haferdrinks konsumiert, unterstützt die Guten gegen die Bösen. Wer ein Produkt kauft, das einen schmalen CO2-Fußabdruck hat, ist Teil der Lösung, und die anderen sind leider Teil des Problems.

Es wird immer wieder betont, dass es auf den Einzelnen ankommt und dass man, um die Welt zu retten, Zugeständnisse machen, also quasi verzichten muss. Ich für meinen Teil mache das gerne mit: Ich kaufe Gemüse aus der Region, esse kein Fleisch, fahre kein Auto und bevorzuge Bruderküken-Eier. Es fühlt sich aber alles nicht nach Entbehrung an.

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Irgendwie ist es ziemlich bequem geworden, die Welt zu retten – man muss nur die richtige Produktalternative wählen. Wenn Fleisch ein Klimakiller ist, dann kauft man eben ein veganes Fleischersatzprodukt. Wenn man das Problem hat, dass man in den Urlaub fliegen möchte, muss man eben entsprechende CO2-Kompensationen buchen. Man möchte kein Benzinauto fahren? Dann gibt es ein E-Fahrzeug.

Für alles, was es auf der bösen Seite gibt, gibt es eine gute Marktalternative auf der guten Seite. Vorbei sind die Zeiten, als man als Nonkonformist noch zu ungemütlichen Uhrzeiten in Fußgängerzonen Unterschriften sammeln und Flugblätter verteilen musste.

Wirklichen Verzicht bedeutet das Leben auf der richtigen Seite nur für Menschen, die kein Geld haben. Jene, die sich heute alles Mögliche nur leisten können, weil Dinge wie Hi-Fi-Anlagen, Mobilfunk, Flugreisen und Lebensmittel so billig geworden sind. Wenn das alles nämlich teurer würde, dann würden die meisten Menschen von umweltschädigenden Produkten absehen. Klimasteuern sind ja auch eine Forderung der „Friday for Future“-Vertreter.

Ich weiß nicht, ob ich es wirklich richtig verstanden habe, aber das würde bedeuten, durch Preissteigerung die ärmeren Schichten vom Konsum auszuschließen. Manchmal ist es schon erstaunlich, wie Menschen, die doch sehr stolz sind auf ihre antikapitalistischen Motive, gleichzeitig auf die harte Hand des Marktes vertrauen.

Die weniger Wohlhabenden können nur hoffen, dass Kevin Kühnert rechtzeitig BMW enteignet und die Profite verteilt.

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