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21.03.2019

12:11

Prüfers Kolumne

Wie man mit negativen Emotionen im Job umgeht

Von: Tillmann Prüfer

Früher war der herrische Chef die Norm, heute gelten Emotionen am Arbeitsplatz als Kontrollverlust. Negative Gefühle und Tränen bleiben ein Tabu.

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „ZEIT“-Magazins.

Tränen am Arbeitsplatz sind verbreiteter, als man annehmen würde: 45 Prozent der Arbeitnehmer haben schon einmal am Arbeitsplatz geweint, das jedenfalls behauptet eine Umfrage, über die die „Welt“ berichtet. Das sind recht viele, wenn man bedenkt, wie viele Menschen es gibt, die man nie weinen sieht. Überhaupt sind Emotionen am Arbeitsplatz eine schwierige Sache, erst recht negative Emotionen.

Früher war der herrische Chef sozusagen ein Teil der Grundausstattung eines Büros. Den Ruf eines Cholerikers zu haben war dabei gar nicht einmal von Nachteil. Immerhin bedeutete das, dass man Autorität und Zielvorstellungen hatte. Man durfte so jemandem halt nicht in die Quere kommen.

Wenn man heute negative Emotionen hat, wird dies nicht mit Engagement assoziiert, sondern Kontrollverlust. Man ist mit seiner Aufgabe dann offenbar überfordert. Wäre man das nicht, würde man doch weiter wie ein Uhrwerk die Tasks abarbeiten.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das sonderlich gesund ist. Wer heute eine anspruchsvolle Aufgabe hat, der hat auch Stress. Stress setzt Emotionen frei. Er macht Angst, oder er macht Wut. Diese Wut soll man heute aber nicht zeigen, die Ängste schon gar nicht. Denn dann hat man die Beherrschung verloren.

Apokalypse im Kopf

Während man im Kopf also die Apokalypse erlebt, soll man mach außen hin ausgeglichen wie ein Zen-Meister sein. Jeder Paartherapeut würde das in einer Beziehung als sicheren Weg in die Hölle bezeichnen. Man versteckt seine Regungen, anstatt über negative Gefühle zu reden oder auch einmal zu streiten. Was in der Beziehung aber der sichere Tod ist, soll im Büro die Geschäftsgrundlage sein.

Die Karriereberaterin Maja Skubella meint, wichtig sei bei Gefühlsausbrüchen, dass die Emotionen für die Kollegen nachvollziehbar seien. So sei es legitim, bei schlimmen Nachrichten zu weinen, wie „bei einem Trauerfall in der Familie“. Wer also im Büro die Nachricht bekommt, dass der Ehepartner gerade verstorben ist, der darf getrost darüber Tränen vergießen. Jedenfalls solange die Kollegen darüber informiert sind.

Im Umgang mit Emotionen wird Frauen übrigens im Allgemeinen ein größerer Spielraum eingeräumt. Weil Weinen bei Frauen traditionell als gelerntes Verhalten gilt, wird es eher akzeptiert. Bei Männern, die regelmäßig weinen, wird dabei schnell auf Labilität geschlossen.

Kein Platz für weinende Chefs

Dass kann insbesondere bei Bewerbungen auf höhere Posten ein Nachteil werden. Der weinende männliche Chef ist ein Bild, das in der Wirtschaft noch immer keinen Platz hat. Als Mann soll man bitte einen klassischen Nervenzusammenbruch oder einen Burn-out bekommen. Ich halte das für einen Mangel an Gleichberechtigung.

Es wird im Übrigen dazu geraten, sich beim Weinen zurückzuziehen oder die Nähe eines Kollegen zu suchen, bei dem man sich fallen lassen kann. Es wird sehr davon abgeraten, Weinen als Druckmittel in Verhandlungen einzusetzen. Das ist zwar bei Fünfjährigen ein erfolgreiches Mittel, im Job aber sollen Tränen sehr dosiert fließen.

Wenn man aber im Büro regelmäßig in Tränen ausbräche, könnte das einem zum Nachteil gereichen. Es sei denn, es würden regelmäßig die Ehepartner versterben. Dann wäre das natürlich ein komplett anderer Fall.

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