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01.04.2020

15:11

Spieltheorie-Kolumne

Warum Ökonomen und Epidemiologen in der Coronakrise dasselbe brauchen

Von: Marcus Schreiber

Als Unternehmer sage ich: Die Kontaktsperren sind richtig. Doch wenn wir in der Coronakrise nicht per Trial and Error entscheiden wollen, sind bessere Daten unverzichtbar.

Das Problem der bisherigen Kalkulationen: Es mangelt an aussagekräftigen Daten. Reuters

Corona-Test in Köln

Das Problem der bisherigen Kalkulationen: Es mangelt an aussagekräftigen Daten.

Diese Kolumne wird ganz dünnes Eis für mich. Als ich einen meiner engsten Freunde, der als Arzt, Forscher und Politikberater an mehreren Fronten bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie steht, in diesen Tagen allzu penetrant mit meinen Fragen und Gedanken traktierte, wurde er irgendwann stutzig und meinte, ich solle doch besser keine Kolumne zu diesem Thema schreiben.

Seine größte Sorge war, dass ich mich als Ökonom eben nur mit den ökonomischen Folgen des Shutdowns beschäftige und so die Akzeptanz für all die Maßnahmen untergraben würde, die momentan notwendig sind, damit die nahende Infektionsflut nicht über uns hinwegrollt.

Dieses fundamentale Missverständnis vieler Laien, Ökonomie als Wissenschaft beschränke sich im Wesentlichen auf die Forderung, der Staat möge sich aus allem raushalten, motivierte mich letztendlich, mich an das heikle Thema „Pandemie“ zu wagen.

Epidemiologie hat genauso viel mit Mathematik und dem Verhalten von Menschen zu tun wie mit Medizin. Da die Spieltheorie das Verhalten und die Reaktionen von Menschen auf unterschiedliche Regeln zum Inhalt hat, gibt es einen ganz engen Bezug zu den Kernfragen der Pandemiebekämpfung.

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    Um ein mögliches Missverständnis vorweg auszuräumen: Es steht außerhalb jeder Diskussion, dass die aktuellen Kontaktsperren wichtig sind, um „die Kurve abzuflachen“ und unserem Gesundheitssystem Zeit zu verschaffen, sich auf eine schwere Welle an Erkrankungen vorzubereiten. Das sage ich auch ausdrücklich als Unternehmer, der selbst unter den gegenwärtigen Maßnahmen zur Kontaktreduzierung leidet.

    Ich bin überzeugt: Wir sollten lieber eine Woche länger absolut konsequent sein, als die Bürger und Unternehmen über Monate mit der Unsicherheit darüber leben zu lassen, wann es einen Weg zurück in die Normalität geben wird.

    Aber aus dieser Haltung wächst auch mein Anspruch an die Politik, eine klare Antwort zu geben, wie es danach weitergehen soll. Alle Modelle basieren bisher auf der Annahme, dass die Epidemie erst dann entscheidend eingedämmt werden kann, wenn entweder ein Impfstoff massenhaft verabreicht wird oder sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung angesteckt haben und damit immunisiert sind.

    Verlässliche Daten als Koordinationsproblem

    Für eine verantwortliche Entscheidung bezüglich notwendiger Maßnahmen bräuchte es verlässliche Daten zur Mortalität und zu den Krankheitsverläufen in unterschiedlichen Alters- und Risikogruppen. Erst mit solchen Daten wären sozioökonomische Modelle und Simulationen möglich, die der Politik eine Entscheidungsgrundlage bieten könnten, das heißt, welche Maßnahme zu welchen Opferzahlen und wirtschaftlichen Konsequenzen führen würde.

    Dazu müsste man aber flächendeckend eine relativ große Basisgruppe testen, zum Beispiel ganz Madrid, Mailand oder Bergamo. Die Daten hätten dann die Qualität, die die Politik bräuchte, statt tagtäglich die Validität der italienischen, spanischen oder deutschen Zahlen des RKI zu hinterfragen.

    Das breite Testen ist aber ein klassisches spieltheoretisches Koordinationsproblem zwischen mehreren Ländern. Kein einzelnes Land hat Interesse daran, seine gesamte Testkapazität nur für eine Stadt oder Region oder gar in einem anderen Land zu verwenden, auch wenn alle anderen Städte, Regionen und Länder davon extrem profitieren würden.

    Mangels robuster sozioökonomischer Modelle wird es, so meine Vermutung, nach der Phase der strengen Kontaktsperre in Deutschland beim weiteren Vorgehen wahrscheinlich auf eine Kombination des schwedischen und des koreanischen Modells hinauslaufen. In Schweden gibt es keine Kontaktsperren für die breite Bevölkerung, dafür aber strenge Ausgangssperren für über 70-Jährige und sonstige Risikogruppen.

    In Korea ist ein digitaler Ansatz neben der kulturellen Disziplin das Geheimnis des Erfolgs. Die Koreaner vernetzen sich via Apps, warnen sich gegenseitig damit, wer Kontakt zu Infizierten hatte, und identifizieren konsequent Quarantänekandidaten.

    Gedankenexperiment mit gewissem Reiz

    Aber auch ein schwedisch-koranisches Modell wäre keine konsequente Strategie, wenn auch die risikoärmere Option für die politischen Entscheider. Es wäre ein ständiges Reagieren der Politik auf die jeweilige Lage, indem Maßnahmen entsprechend gedrosselt oder wieder verschärft werden. Planungssicherheit für Bürger und Unternehmen gäbe das nicht.

    Eine englische Studie behauptet, die Mortalität und die Zahl schwerer Erkrankungen unter den Jungen seien noch sehr viel niedriger als bisher angenommen. Ließe sich dies durch robuste Daten erhärten, dann wäre es die effiziente Lösung – sobald das Gesundheitssystem gewappnet ist –, den jüngeren Teil der Bevölkerung schrittweise dazu zu bringen, sich freiwillig anstecken zu lassen.

    Da dies einer klinisch nicht getesteten Massenimpfung mit starken Nebenwirkungen entspräche, ohne überhaupt die Sicherheit einer dauerhaften Immunität zu haben, wäre das jedoch ethisch höchst problematisch, und ich sehe niemanden, der dies politisch oder juristisch verantworten wollte.

    Dennoch hat dieses Gedankenexperiment einen gewissen Reiz. Wenn sich ohnehin 60 bis 70 Prozent der Gesamtbevölkerung anstecken müssen, um eine Herdenimmunität zu erreichen, dann heißt das, dass möglichst mehr als 80 Prozent der Jungen darunter sein sollten. Man hätte die Wahl zwischen einem ärztlich begleiteten „Immunisierungsprogramm“, um sich in dessen Rahmen bewusst anzustecken, oder dem Versuch, dem Virus weiter auszuweichen.

    Weniger Trial and Error

    Paradoxerweise wäre es für uns als Gemeinschaft besser, man würde sich infizieren. Das hätte nichts mit der viel kritisierten, durch Laisser-faire erreichbaren Herdenimmunität zu tun, denn die Angesteckten gingen im Rahmen eines „überwachten“ Vorgangs automatisch in Quarantäne.

    Wer das hinter sich hätte, könnte am öffentlichen und wirtschaftlichen Leben wieder uneingeschränkt teilnehmen, für Friseure und Servicetechniker beispielsweise höchst attraktiv. Immunisierte Personen könnten, wie bereits anderswo vorgeschlagen, eine Art „Zertifikat“ auf ihr Handy geladen bekommen, das zeigt, dass man die Infektion überstanden hat.

    Als ich meiner Frau sagte, auf Basis einer entsprechenden Datenlage würde ich unseren Kindern nahelegen, an so einem Programm teilzunehmen, da überlegte sie nur, ob es schneller ginge, mich zu entmündigen oder mir das Sorgerecht entziehen zu lassen – wie gesagt, dünnes Eis.

    Aber umso mehr: Wenn manche Entscheidungen nicht per Trial and Error getroffen werden sollen, sind robuste mathematische Modelle und Simulationen als Entscheidungshilfe unverzichtbar – das gilt übrigens auch für Schlüsselfragen in Unternehmen.

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