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09.11.2021

12:24

Gastkommentar – Homo oeconomicus

Der Nobelpreis für David Card hat die Mindestlohn-Befürworter in Deutschland gestärkt

Eine neue Studie in der Tradition des Ökonomie-Nobelpreisträgers Card zeigt, dass der Mindestlohn in Deutschland keine Beschäftigung kostet, berichtet Philipp Heimberger.

Eine Studie zur Mindestlohn-Einführung in Deutschland zeigt, dass vor allem Geringverdiener profitiert haben. dpa

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Eine Studie zur Mindestlohn-Einführung in Deutschland zeigt, dass vor allem Geringverdiener profitiert haben.

Der Mindestlohn gehört zu den umstrittensten arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen. Der diesjährige „Wirtschaftsnobelpreisträger“ David Card leistete – gemeinsam mit seinem leider bereits verstorbenen Kollegen Alan Krueger – bahnbrechende empirische Beiträge zur Mindestlohn-Forschung.

Seine Studien forderten in den frühen 1990er-Jahren die vorherrschende Orthodoxie heraus, wonach ein Mindestlohn immer zu geringerer Arbeitsnachfrage und Beschäftigungsverlusten führe. Der Nobelpreisträger James Buchanan formulierte die damals dominante Haltung einmal so: „So wie kein Physiker behaupten würde, dass Wasser bergauf laufen kann, sollte kein Ökonom mit Selbstachtung behaupten, dass der Mindestlohn die Beschäftigung erhöht.“

Philipp Heimberger ist Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW).

Der Autor

Philipp Heimberger ist Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW).

Card und Krueger zeigen in einem 1992 publizierten Artikel durch die Anwendung damals neuer statistischer Methoden zur Ermittlung von kausalen Effekten, dass die Einführung des Mindestlohns in New Jersey keine negativen Beschäftigungseffekte hatte. Das heißt nicht, dass ein Mindestlohn unter keinen Umständen die Beschäftigung reduziert. Es kommt, wie die an Card und Krueger anschließende Literatur zeigt, auf Ausmaß und Tempo der Erhöhung und die makroökonomischen Rahmenbedingungen an.

Doch dass die Beschäftigungseffekte von Mindestlöhnen um null konzentriert sind, ist ein mittlerweile gut abgesichertes Ergebnis, das die lange geltende Orthodoxie über den Haufen geworfen hat. Eine behutsame, periodische Anhebung des Mindestlohns kann die Niedriglöhne anheben, die Einkommensungleichheit reduzieren und die Produktivität fördern, ohne große Beschäftigungsverluste zu erzeugen.

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    In einem jüngst in der führenden ökonomischen Fachzeitschrift „Quarterly Journal of Economics“ erschienenen Artikel untersucht ein Team rund um Christian Dustmann die Effekte der Einführung des flächendeckenden Mindestlohns in Deutschland im Jahr 2015.

    Umverteilung hilft Geringverdienern

    Die Ergebnisse zeigen, dass der Mindestlohn die Löhne erhöhte, aber die Beschäftigung nicht verringerte. Der Mindestlohn führte auch zu einer Umverteilung von Niedriglohnbeschäftigten von kleineren zu größeren, von schlechter bezahlenden zu besser bezahlenden und von weniger produktiven zu produktiveren Betrieben.

    Das bedeutet: Die Ergebnisse legen nahe, dass sich die vor der Einführung des Mindestlohns von vielen Seiten zu vernehmenden Warnungen vor massiven negativen Auswirkungen für den Arbeitsmarkt nicht bewahrheitet haben.

    David Card, der diesjährige Wirtschaftsnobelpreisträger, ist der erste Autor, den das Forschungsteam in der Studie zum deutschen Mindestlohn in der Danksagung erwähnt. Insgesamt zitiert die Deutschland-Studie sechs Papiere mit Card als (Co-)Autor. Cards Arbeiten haben nachhaltig großen Einfluss auf wirtschaftspolitisch relevante Arbeitsmarktforschung – auch für Deutschland.

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