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17.05.2021

12:09

Gastkommentar – Homo oeconomicus

Die deutschen Inflationssorgen speisen sich aus einem verzerrten Geschichtsbild

Leider werden Schlüsse für die heutige Wirtschaftspolitik auf Basis verzerrter Erinnerungen getroffen, meint Philipp Heimberger.

Philipp Heimberger ist Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW).

Der Autor

Philipp Heimberger ist Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW).

Das Trauma der Hyperinflation aus Zeiten der Weimarer Republik wirft einen langen Schatten und beeinflusst auch heute noch Sichtweisen der Deutschen zu Inflation und Wirtschaftspolitik. Ein Großteil der Deutschen hat verzerrte Vorstellungen der Wirtschaftsgeschichte, die fest in die kollektive Erinnerung eingeschrieben sind und aktuelle Inflationssorgen befeuern.

Die Forscher Lukas Haffert, Nils Redeker und Tobias Rommel liefern eine repräsentative Umfrage zur Erinnerung der Deutschen an die Wirtschaftsgeschichte der Zwischenkriegszeit. Fast die Hälfte der Befragten vermischt die Massenarbeitslosigkeit und Armut der frühen 1930er-Jahre mit der Hyperinflation, die schon 1923 ein Ende nahm. Die Umfrage zeigt, dass diese Vermischung bei gut gebildeten und politisch interessierten Menschen häufiger vorkommt.

Nur einer von 25 Deutschen weiß laut Umfrage heute, dass die Krise der 1930er-Jahre durch Deflation, also sinkende Preise, geprägt war. Wenn man Deutsche bitte, die Große Depression in ihren eigenen Worten zu charakterisieren, beschreiben sie diese den Forschern zufolge gleichzeitig als Inflations- und Arbeitslosigkeitskrise. Die Weimarer Republik sei durchgehend durch zu hohe Inflation geplagt gewesen.

Weil die Hyperinflation bis 1923 und die Große Depression der 1930er-Jahre in der kollektiven deutschen Erinnerung zu einem Ereignis verschmelzen, kann im öffentlichen Diskurs eine falsche Vorstellung dominieren: Die Hyperinflation habe direkt zum Aufstieg der Nazis geführt.

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    Dabei zeigt aktuelle Forschung mit Inflationsdaten für mehr als 500 deutsche Städte und mit Wahlergebnissen zwischen 1924 und 1933: Menschen in Gebieten, die stärker von (Hyper-)Inflation betroffen waren, wählten nicht in stärkerem Ausmaß die nationalsozialistische Partei.

    Deflation statt Inflation beflügelte den Aufstieg der Nazis

    Die Nazis hatten 1928 nur zwei Prozent der Stimmen, 1932 jedoch 38 Prozent. Der Masseneffekt der Wahlerfolge der Nazis Anfang der 1930er-Jahre geschah in einem Umfeld von Deflation. Die Austeritätspolitik von Reichskanzler Heinrich Brüning beförderte die Wahlerfolge der nationalsozialistischen Partei und damit den Aufstieg Hitlers in den frühen 1930er-Jahren.

    Die Hyperinflationserfahrung ließ Reichskanzler Brüning davor zurückschrecken, expansive Politik zur Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit einzusetzen. Die Regierung ergriff per Notfalldekret weitere Sparmaßnahmen, und die Nazis erwiesen sich als äußerst effektiv darin, das durch die Sparpolitik verursachte Leid großer Teile der deutschen Bevölkerung zu ihren politischen Gunsten auszuschlachten.

    Wegen der schwerwiegenden Auswirkungen des Zusammenbruchs der Demokratie bleibt die Erinnerung an die Weimarer Republik ein zentraler Referenzpunkt für die Nachkriegspolitik. Doch leider werden Schlüsse für aktuelle Wirtschaftspolitik auf Basis verzerrter Erinnerungen getroffen.

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