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28.06.2022

12:35

Gastkommentar – Homo oeconomicus

Die Europäische Zentralbank ist nicht schuld an der Inflation – dennoch muss sie handeln

Der Inflationsschub liegt am Ukrainekrieg, nicht an der EZB. Damit er sich nicht verstetigt, muss die Notenbank entschlossener handeln, fordert Peter Bofinger.

Es ist unverständlich, dass die EZB erst im September aus der Negativzinspolitik aussteigen will. dpa

Europäische Zentralbank

Es ist unverständlich, dass die EZB erst im September aus der Negativzinspolitik aussteigen will.

Vor einem Jahr prognostizierte die Bundesbank für 2022 eine Inflationsrate von 1,8 Prozent. Jetzt erwartet sie 7,1 Prozent. Ähnlich erging es fast allen Prognostikern. Natürlich gibt es Ökonomen, die schon immer vor der Inflation gewarnt haben. Das ist, als wenn man sagt: „Es ist fünf vor zwölf.“ Damit hat man zweimal am Tag recht.

Die Fehlprognose lässt sich einfach erklären: Wir haben einen Krieg. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Inflation bei Kriegen steigt. Das war so im Ersten und Zweiten Weltkrieg, im Korea-Krieg, im Jom-Kippur-Krieg mit der ersten Ölkrise sowie im Irak/Iran-Krieg, der mit der zweiten Ölkrise einherging.

Russland ist der größte Exporteur von Erdgas, Weizen und Düngemitteln. Die Ukraine ist führend bei pflanzlichen Ölen und Nummer fünf bei Weizen. Beide Länder sind wichtige Stahlexporteure. Durch den Krieg steigen nicht nur die Preise für Energie, sondern auch für Metalle und Nahrungsmittel.

Aber kann es nicht auch sein, dass die Inflation durch die lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) verursacht wurde? Wenn „zu viel Geld“ der Auslöser wäre, müsste man das an der inländischen Nachfrage des Euro-Raums sehen. Diese lag jedoch 2021 nur um eineinhalb Prozent höher als zwei Jahre zuvor.

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    Finanzminister Christian Lindner sieht die Staatsverschuldung als Inflationstreiber. Doch in Deutschland ist die Staatsverschuldung relativ zur Wirtschaftsleistung heute geringer als vor einem Jahrzehnt. In Japan, das die mit Abstand höchste Schuldenquote aufweist, liegt die Inflationsrate bei nur 2,5 Prozent.

    Was die EZB tun kann

    Wir sollten uns darauf einstellen, dass es bis 2025 dauern kann, bis die Inflationsrate wieder bei zwei Prozent liegt. Zum einen werden Verbraucherpreise für Gas verzögert an die Großhandelspreise angepasst, sodass auch 2023 noch mit starken Erhöhungen zu rechnen ist. Zum anderen ist unvermeidbar, dass die Löhne deutlich stärker steigen werden, als das mit einer Inflationsrate von zwei Prozent vereinbar wäre.

    Peter Bofinger: Ökonomieprofessor an der Universität Würzburg

    Der Autor

    Peter Bofinger ist Ökonomieprofessor an der Universität Würzburg und war Mitglied des Sachverständigenrats.

    Was kann die EZB tun? Sie sollte sich am Realzins orientieren, also dem Nominalzins minus der Inflationserwartungen. Da Letztere in den vergangenen Monaten gestiegen sind, bedeuten konstante Leitzinsen, dass die Geldpolitik noch expansiver wird. Es ist daher unverständlich, dass die EZB erst im September aus der Negativzinspolitik aussteigen will.

    Kann die Inflation außer Kontrolle geraten? Früher oder später werden die Rohstoffpreise nicht weiter steigen. Höhere Kapitalmarktzinsen und sinkende Kaufkraft der Verbraucher bremsen schon jetzt die Konjunktur.

    Eine zentrale Rolle kommt den Gewerkschaften zu. Mit ausreichender Unterstützung durch die Wirtschaftspolitik kann es ihnen gelingen, den Spagat zwischen den Interessen ihrer Mitglieder und der Rückgewinnung von Preisstabilität zu bewältigen.
    Mehr: BIZ-Chefökonom warnt vor Kombination aus Inflation und Finanzkrise.

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