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24.03.2022

08:45

Gastkommentar – Homo oeconomicus

Die hohe Inflation ist kein Grund für eine Zinserhöhung

Die Lage in Europa ist in vielen Bereichen anders als in den USA. Deshalb ist eine Leitzinserhöhung wie dort bei uns nicht gerechtfertigt, meint Philipp Heimberger.

Das Lohnwachstum müsste auf drei Prozent steigen, um den Inflationsausblick der EZB nachhaltig zu beeinflussen. dpa

EZB

Das Lohnwachstum müsste auf drei Prozent steigen, um den Inflationsausblick der EZB nachhaltig zu beeinflussen.

Sollte die Europäische Zentralbank (EZB) der amerikanischen Notenbank bei Zinserhöhungen nacheifern? Die Federal Reserve (Fed) hob die Leitzinsen Mitte März um 0,25 Prozentpunkte an; weitere Zinserhöhungen sollen folgen. Doch die Situation in der Euro-Zone unterscheidet sich massiv von der in den USA. Die EZB sollte aus fünf Gründen eine eigenständige, expansivere Geldpolitik betreiben.

Erstens war die US-Inflation im vergangenen Jahr durchgängig markant höher, und die Preise stiegen auf breiterer Front als in der Euro-Zone. In Europa ist die Inflation viel stärker von den Energiepreisen getrieben als in den USA.

Zweitens sind die gestiegenen Energiepreise großteils durch den Krieg in der Ukraine zu erklären. Dazu kommt, dass Lieferkettenprobleme weiterhin eine Rolle spielen: In mehreren chinesischen Millionenstädten wurden aufgrund der Covid-19-Pandemie Lockdowns verhängt. Dies trifft auch den Technologiesektor; so sind etwa Lieferungen von Chips für den Fahrzeug- und Maschinenbau beeinträchtigt.

Das führt zu Aufwärtsdruck auf Produktionskosten und Inflation. Die gestiegene Inflation in der Euro-Zone resultiert also vor allem aus Energie- und Lieferkettenproblemen. Zinserhöhungen durch die Notenbank sind nicht das richtige Instrument, um diese Art von Inflation zu bekämpfen.

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    Drittens wird die Wirtschaft in der Euro-Zone durch den Krieg stark beeinträchtigt. Es wird auf absehbare Zeit kein starkes Nachfrageumfeld geben, in dem die Inflation stark ansteigen könnte.

    Philipp Heimberger ist Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW).

    Der Autor

    Philipp Heimberger ist Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW).

    Zinserhöhungen würden die Wirtschaft weiter schwächen, indem sie die Aufnahme von Krediten verteuern. Wirtschaftswachstum und Beschäftigung sind rückläufig. Das übt Abwärtsdruck auf Lohnwachstum und Inflation aus. Doch die Wirkungsverzögerung kann bis zu 18 Monate betragen.

    Viertens ist das Lohnwachstum in der Euro-Zone bislang gedämpft geblieben. Es lag im Vergleich zum Vorjahr zuletzt bei 1,6 Prozent, in Deutschland sogar darunter. Eine Lohn-Preis-Spirale ist nicht in Sicht. Das Lohnwachstum müsste auf drei Prozent steigen, um den Inflationsausblick der EZB nachhaltig zu beeinflussen.

    Fünftens sind die USA viel näher an der Vollbeschäftigung als die Euro-Zone. Kurzarbeit kam in den USA nicht zum Einsatz. Es gab im Jahr 2020 mehr Entlassungen, danach eine Einstellungswelle.

    Die Löhne steigen in einigen US-Branchen stark an, weil die Firmen auf einem engen Arbeitsmarkt um Arbeitskräfte kämpfen. Ähnliches ist in der Euro-Zone nicht absehbar, zumal die Wirtschaft hier stärker vom Ukrainekrieg getroffen ist.

    Wenn sich höhere Inflationserwartungen oder eine Lohn-Preis-Spirale abzeichnen sollten, kann die EZB Zinserhöhungen erwägen. Aber angesichts der großen Unsicherheiten wegen des Ukrainekriegs wäre es verheerend, wenn die Geldpolitik in der Euro-Zone in puncto Zinserhöhungen die Federal Reserve nachahmen würde.

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