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06.01.2023

08:08

Gastkommentar – Homo oeconomicus

Eine grüne DDR ist nicht die Lösung – Der Kapitalismus ist nicht am Ende

Ulrike Herrmanns entwirft in einem Buch die Vision einer zentralverwalteten, grünen DDR. Doch das kann nicht die Lösung sein, meint Peter Bofinger.

Ein vom Umweltbundesamt geforderter CO2-Preis von 195 Euro je Tonne würde wohl eine Steuer von 0,65 Euro pro Liter und aktuell einen Benzinpreis von rund 2,40 Euro bedeuten. IMAGO/Wolfgang Maria Weber

Tankstelle

Ein vom Umweltbundesamt geforderter CO2-Preis von 195 Euro je Tonne würde wohl eine Steuer von 0,65 Euro pro Liter und aktuell einen Benzinpreis von rund 2,40 Euro bedeuten.

Mit Ulrike Herrmanns Besteller „Das Ende des Kapitalismus“ macht ein Buch Furore, das die Vision einer „grünen DDR“ entwirft. Um das Klima zu retten, müsse in Deutschland der private Verbrauch um ein Drittel sinken. Das erfordere nach dem „faszinierenden Modell“ der britischen Kriegswirtschaft ein staatliches Planungs- und Rationierungssystem.

Der Staat gibt darin den Unternehmen vor, was sie zu produzieren haben, und teilt ihnen Rohstoffe, Kredite und Arbeitskräfte zu. Was die Unternehmen dabei noch frei entscheiden können, ist das Geheimnis der Autorin.

In der „grünen DDR“ gibt es keine Flugreisen. Immobilien werden ebenso rationiert wie der Fleischkonsum. „Gelegentlich“ soll der Konsum von „Geflügel, Schwein oder Steak“ erlaubt sein. Der tägliche Kalorienbedarf wird von 3500 auf 2500 Kalorien gesenkt. Die Deutschen lebten dann gesünder als bisher.

Man mag sich fragen, ob eine Partei mit einem solchen Programm Wahlen gewinnen kann. Wenn ja, wäre zu erwarten, dass hochqualifizierte Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen das Land verlassen würden, ebenso wie Vermögende, denen es noch gelungen ist, ihr Vermögen rechtzeitig ins Ausland zu bringen.

Deshalb würden bald die Grenzen dichtgemacht. Die „Überlebenswirtschaft“ wäre somit nur eine ernst zu nehmende Lösung für die „Rettung der Menschheit“, wenn sie global praktiziert würde.

Hermanns übersieht Potenziale einer europäischen Klimastrategie

Weil das keine anzustrebende Utopie ist, wäre es fahrlässig, alternative Lösungen, vor allem deutlich höhere Preise für Energie, auszuschließen. Ein vom Umweltbundesamt geforderter CO2-Preis von 195 Euro je Tonne, den die Autorin für „derzeit unerreichbar“ hält, würde eine Steuer von 0,65 Euro pro Liter und aktuell einen Benzinpreis von rund 2,40 Euro bedeuten.

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Der Autor

Peter Bofinger ist Ökonomieprofessor an der Universität Würzburg und war Mitglied des Sachverständigenrats.

Zur Lösung gehört auch ein ambitionierter Ausbau der erneuerbaren Energien in Südeuropa und Afrika. Wenn es dort derzeit noch an Verladeterminals und Tankern fehlt, ist das kein Grund, eine grüne Planwirtschaft zu propagieren. Mit der Vorstellung, dass Deutschland seinen Ökostrom zu Hause produzieren müsse, verschließt Herrmann die Augen für die Potenziale einer europäischen Klimastrategie.

Für eine generelle Kapitalismuskritik ist Deutschland ohnehin kein gutes Beispiel. Im Vergleich zum Einkommen ist der Konsum relativ gering. Seit 2000 ist die Wirtschaft im Durchschnitt nur um ein Prozent pro Jahr gewachsen.

Japan mit einer Zuwachsrate von nur einem halben Prozent zeigt, dass der Kapitalismus auch ohne Wachstum funktionieren kann. Umgekehrt ist das chinesische Hybridsystem aus Plan und Markt am stärksten auf Wachstum fixiert ist.

Technologisch und konzeptionell sind die Lösungen für die Klimakrise bekannt. Wenn man sie mutig vorantreibt, führt die Hochskalierung zu weiteren Innovationen. Der Versuch, eine grüne DDR zu etablieren, führt dagegen unweigerlich in eine triste und graue DDR.

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