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08.10.2021

12:34

Gastkommentar – Homo oeconomicus

Evergrande ist ein böses Omen für Deutschland

Der Gleichmut, mit dem das Platzen der Immobilienblase in China betrachtet wird, ist deplatziert, warnt Daniel Stelter. Er sieht auch Probleme auf Deutschland zukommen.

Daniel Stelter, Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforums beyond the obvious Robert Recker/ Berlin

Der Autor

Daniel Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforums beyond the obvious, Unternehmensberater und Autor. Jeden Sonntag geht auf www.think-bto.com sein Podcast online.

Von 2015 bis 2019 war China Deutschlands größter Handelspartner. Mit einem Umsatzanteil von 15 Prozent, das sind jährlich knapp 200 Milliarden Euro, ist China für die größten deutschen börsennotierten Unternehmen der zweitwichtigste Auslandsmarkt. Prominentestes Beispiel ist der VW-Konzern, der fast jedes zweite Auto in China verkauft. Die gute wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands in den zehn Jahren nach der Finanzkrise wäre ohne den Aufstieg Chinas nicht denkbar gewesen. Umso mehr verwundert der Gleichmut, mit der das Platzen der chinesischen Immobilienblase zur Kenntnis genommen wird. Mag der mit rund 300 Milliarden US-Dollar verschuldete Immobilienentwickler Evergrande ruhig bankrottgehen, die kommunistische Staatsführung werde eine Finanzkrise, wie wir sie 2009 erlebten, niemals zulassen. Im Zweifel werde auch in China mehr Liquidität in das System gepumpt, was die globalen Börsen weiter befeuert.

Es ist höchste Zeit für uns zu erkennen, dass China es mit einer Immobilienblase historischen Ausmaßes zu tun hat, die jene von Irland und Spanien 2008 und sogar jene von Japan 1989 in den Schatten stellt. Wie Harvard-Professor Kenneth Rogoff vorrechnet, hat die Bauwirtschaft einen Anteil von 29 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes. Zehn bis 15 Prozent gelten als normal.

Nirgendwo auf der Welt sind Immobilien ähnlich teuer wie in Peking, Shenzen, Hongkong und Schanghai. 90 Prozent der Käufer von Immobilien besitzen bereits eine. Sie lassen die Wohnungen nach dem Kauf meist leer stehen und spekulieren auf einen weiteren Wertanstieg. Das ist klassisches Schneeballsystem. Die Verschuldung hat sich seit 2008 auf mehr als 250 Prozent des BIP verdoppelt.

Die politische Führung versucht nun, geordnet Luft aus der Blase zu lassen. Dies mag ohne Crash gelingen. Aber es wird nicht ohne negative Wirkung auf das Wirtschaftswachstum abgehen. In Kombination mit dem Rückgang der Erwerbsbevölkerung wird es dazu führen, dass wir uns von den hohen Wachstumsraten der Vergangenheit verabschieden müssen. Die Maßnahmen der Partei gegen „kapitalistische Auswüchse“ dürften kaum geeignet sein, die Innovationsfreudigkeit zu fördern, was wiederum keine großen Sprünge beim BIP pro Kopf erwarten lässt. Wenig wahrscheinlich ist auch, dass die Welt weiter steigende Exportüberschüsse Chinas akzeptiert.

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    Mehr: „Finanzielle Ausschweifungen werden bestraft“ – Die Folgen von Chinas neuem Schuldenkurs

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