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17.12.2021

11:02

Gastkommentar – Homo oeconomicus

Ökonomen unterschätzen systematisch das Problem der Ungleichheit

Von: Philipp Heimberger

Wie gleich oder ungleich die Einkommen verteilt sind, beeinflusst unter anderem die Zinsentwicklung und die Leistungsbilanzen, stellt Philipp Heimberger fest.

Die Ergebnisse einer Studie legen nahe, dass die Haupterklärung für den Rückgang der Realzinsen in den letzten Jahrzehnten die hohe und zunehmende Einkommensungleichheit ist. imago images/Rolf Zöllner

Obdachloser in Berlin

Die Ergebnisse einer Studie legen nahe, dass die Haupterklärung für den Rückgang der Realzinsen in den letzten Jahrzehnten die hohe und zunehmende Einkommensungleichheit ist.

„Unter den Tendenzen, die der Volkswirtschaftslehre schaden, ist die verführerischste und in meinen Augen auch giftigste die Fokussierung auf Verteilungsfragen.“ Diese Aussage stammt von Robert Lucas, dem für seine Beiträge zur Theorie der rationalen Erwartungen 1995 der Wirtschafts-Nobelpreis verliehen wurde.

Lucas ist der wohl einflussreichste Makroökonom des späten 20. Jahrhunderts. Seine Aussage steht symptomatisch für das lange Ignorieren der makroökonomischen Bedeutung von Einkommens- und Vermögensungleichheit. Der bekannte Ökonom Branko Milanovic berichtet aus seiner Zeit bei der Weltbank über Widerstände im Umgang mit Verteilungsthemen und einen Mangel an Forschungsgeldern. Die Beschäftigung mit Ungleichheit war an den Rand der Disziplin verbannt.

Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Ein prominentes Beispiel dafür, wie sehr sich mittlerweile der Wind gedreht hat, war das diesjährige Zentralbanker-Treffen in Jackson Hole.

Die auf dieser hochkarätigen Konferenz am meisten diskutierte Studie stammte von den an amerikanischen Elite-Hochschulen arbeitenden Makroökonomen Mian, Straub und Sufi.

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    Ihre Ergebnisse legen nahe, dass die Haupterklärung für den Rückgang der Realzinsen in den letzten Jahrzehnten die hohe und zunehmende Einkommensungleichheit ist – und nicht demografische Faktoren wie das Sparverhalten der „Babyboomer"-Generation. Wenn es stimmt, dass Ungleichheit der wesentliche Grund für die Niedrigzinsen ist, kommt der Reduktion der Ungleichheit auch aus geldpolitischer Perspektive größere Bedeutung zu.

    Philipp Heimberger ist Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw).

    Der Autor

    Philipp Heimberger ist Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw).

    Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) beschäftigen sich seit Jahren zunehmend kritisch mit den Auswirkungen von Ungleichheit. So sorgte etwa eine IWF-Studie für Aufsehen, wonach geringere Einkommensungleichheit mit höherem Wirtschaftswachstum im Zusammenhang steht. Umverteilung sei hinsichtlich ihrer Wachstumswirkungen weitgehend unbedenklich, lautete die Schlussfolgerung.

    Deutschland ist global das einzige große Land, das seit vielen Jahren dauerhafte, exzessive Leistungsbilanzüberschüsse aufweist – und das hängt ganz wesentlich mit hoher Ungleichheit zusammen, wie IWF-Forschung zeigt. Steigende Unternehmensgewinne bei hoher Vermögenskonzentration seien für 90 Prozent des Anstiegs der privaten Sparquote und für ein Drittel des Anstiegs des Leistungsbilanzüberschusses verantwortlich.

    Es ist gut, dass Ungleichheit mittlerweile einen Stammplatz in der Forschung von Makroökonomen hat - aus Sorge um Wachstum, Beschäftigung und wegen Ungleichgewichten und Finanzmarktentwicklungen. Doch die Politik muss daneben auch beachten, dass Ungleichheit weitere Problemdimensionen hat, etwa wegen reduzierter Chancengleichheit und sinkender demokratischer Partizipation von Menschen am unteren Rand der Einkommens- und Vermögensverteilung.

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